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Windhosen Experte: "Tornados gehören zum Wettergeschehen in Deutschland dazu"

Tornado in Kiel
Ein Tornado hat Ende September in Kiel mehrere Menschen durch die Luft gewirbelt und ins Wasser gespült.
© Philipp Brandl / Picture Alliance
Tornados sorgen oft bundesweit für Aufsehen. Dabei sind die Windhosen in Deutschland eigentlich gar nichts Besonderes, wie Experte Thomas Sävert im stern-Interview erläutert.

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 1. Oktober 2021 und wird aufgrund des aktuellen Wettergeschehens an dieser Stelle erneut veröffentlicht. 

Herr Sävert, laut der von Ihnen betreuten Tornadoliste gab es in diesem Jahr bereits 28 bestätigte Tornados, 14 plausible und 169 Verdachtsfälle. Ist ein Tornado wie der Ende September in Kiel in Deutschland gar nichts Besonderes? 

Nein. Eigentlich ist das nichts Besonderes. In diesem Fall natürlich schon, wenn er so spektakulär auftritt und Schäden anrichtet und Menschen verletzt werden. In Kiel waren es ja sogar zwei Tornados, wie auf einigen Videos auch zu sehen ist. Zum Glück ist niemand ums Leben gekommen. Aber Tornados gehören zum Wettergeschehen in Deutschland dazu, was vielen nicht bewusst ist. Das zeigen schon die erwähnten hohen Zahlen an bestätigten und Verdachtsfällen. Die werden auch noch steigen in diesem Jahr.

Lassen sich Tornados vorhersagen? 

Thomas Sävert
Thomas Sävert ist Meteorologe und Experte für Tornados. Er ist Mitglied der Tornado-Arbeitsgruppe Deutschland und betreibt die Portale Tornadoliste.de und Unwetteragentur.de
© Unwetteragentur.de

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie Tornados entstehen. Die eine ist sehr spontan in Schauern und Gewittern. Die dauern meistens nicht so lange, da bekommt man es kaum hin. Anders sieht es aus, wenn es richtig schwere Gewitter gibt, die Rotationen aufweisen, sogenannte Superzellen. Die können Sie auf Radarbildern erkennen und dann auch sagen: Hier ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tornado entsteht, deutlich erhöht. Wenn es dann noch eine Sichtung gibt, etwa durch einen sogenannten "Stormchaser" – die kennt man vor allem in den USA, aber die gibt es auch in Deutschland – dann können Sie unmittelbar eine Warnung herausgeben. Das hat auch in Deutschland schon öfter funktioniert, allerdings gibt es hierzulande noch nicht so viele Stormchaser.  

In Fällen wie dem in Kiel sieht es eher schlecht aus. 

Was sind eigentlich die Charakteristika für einen Tornado? Man kennt die charakteristischen Windhosen, gehört noch mehr dazu? 

Windhosen und Tornados sind ein und dasselbe. In den USA werden sie auch als Twister bezeichnet, da gibt es keinen Unterschied, auch nicht zwischen Tornados in Deutschland oder den USA. Es ist alles dasselbe physikalische Phänomen. 

Ein Tornado entsteht immer im Zusammenhang mit einem Schauer oder Gewitter, mit einem Aufwind. Der Tornado kennzeichnet sich dadurch, dass ein kleinräumiger Wirbel von der Wolke bis zum Boden reicht. Der muss aber nicht durchgehend sichtbar sein. Ein Tornado ist ein Wirbel aus Luft und die ist ja erstmal unsichtbar. Oben wird er sichtbar durch Kondensation, also Wolkenbildung, dann gibt es diese Trichterwolke. Und unten wird er sichtbar, weil von unten etwas aufgewirbelt wird.

Wie stark können die Stürme hierzulande werden?

Schwache Tornados haben weniger als 118 Kilometer pro Stunde (km/h) Windgeschwindigkeit, das wäre die Schwelle zum Orkan. Starke Tornados können durchaus bis zu 400 Kilometer pro Stunde oder mehr aufweisen – auch in Deutschland, die gibt es nicht nur in den USA. Es gibt die international gebräuchliche Fujita-Skala, mancher mag die aus dem Film Twister kennen. Die geht bei Tornados von F0 bis F5. Bei F5 reden wir über Windgeschwindigkeiten von mehr als 420 km/h, F1 fängt bei 118 km/h an. Wir hatten 1971 und 1973 in Kiel zwei Tornados mit Stärke F3, mit Windgeschwindigkeiten zwischen 250 und 300 km/h. Wir hatten in Deutschland 1979 sogar auch schon einen Tornado, der tonnenschwere Mähdrescher durch die Luft gewirbelt hat. 

Weiß man, wie stark der Tornado in Kiel war? 

Beim Tornado in Kiel gehen wir im Moment davon aus, dass er im oberen Bereich von F1 war. F1 reicht von 118 km/h bis gut 180 km/h. Exakt kann man das natürlich nicht angeben, dafür bräuchte man Messungen. Aber man kann aufgrund der angerichteten Schäden schon einiges aussagen. Und die Fujita-Skala richtet sich nach den angerichteten Schäden. Wir hatten zuletzt einen Tornado in Ostfriesland in diesem Jahr (am 16. August in Großheide, Anm. d. Red.), der war anhand der Schäden schon im oberen Bereich von F2. Und das sind dann schon Windgeschwindigkeiten von etwa 250 Kilometern pro Stunde. Das ist eine andere Hausnummer. Die Stärke F1 kommt pro Jahr etliche Male in Deutschland vor. 

Tornado in Kiel: Video von Windhose an Kieler Förde

Gibt es Anzeichen dafür, dass es einen Zusammenhang mit dem Klimawandel gibt? Ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Tornados in Deutschland zunimmt? 

Das ist schwierig zu beantworten. Erstens bräuchten wir dafür eine aussagekräftige Statistik. Da wir erst seit 20 Jahren und ehrenamtlich Tornados untersuchen, ist unsere Statistik eigentlich noch nicht ausreichend. Die 20 Jahre zeigen aber, dass die Variabiliät, also die Veränderlichkeit, von Jahr zu Jahr extrem groß ist. Die Zahl der bestätigten Tornados schwankt teilweise extrem von Jahr zu Jahr. Bis jetzt zeichnet sich da überhaupt kein Trend ab. Das heißt, wir können bis jetzt noch nichts darüber aussagen, ob es einen Zusammenhang mit dem Klimawandel gibt. Es gibt zwar Untersuchungen darüber, dass lokale Unwetter in Zukunft mehr oder stärker werden können, mit der Betonung auf können. Ob damit aber dann auch Tornados verbunden sind, kann pauschal nicht gesagt werden. Weil Tornados auch nicht nur von der Temperatur abhängen, sondern noch von einigen anderen Faktoren. Deswegen ist die Frage wie gesagt nicht so einfach zu beantworten. 


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