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Kategorie 5: Hurrikan trifft auf die Azoren – warum "Lorenzo" ein ganz besonderer Sturm ist

Das hat es so noch nie gegeben: ein Hurrikan der stärksten Kategorie 5 vor Westafrika. "Lorenzo" ist nun auf dem Weg nach Europa, wird in der Nacht über den Azoren wüten und Kurs auf Großbritannien nehmen.

Satellitenbild von Hurrikan Lorenzo

Satellitenbild von Hurrikan "Lorenzo" über dem Atlantik westlich von Afrika.

Eine Wetterlage wie diese muss man mit britischem Humor nehmen. In der TV-Morgenshow "Good Morning Britain" zeigte die Wetteransagerin am Montag kurzerhand ein "bevorzugtes Szenario" für den zum Wochenende heraufziehenden Orkan. Demzufolge würde der Sturm Richtung Deutschland abziehen und der von Meteorologen tatsächlich vorhergesagte Weg über Irland und die britischen Inseln bliebe nur ein "anderes Szenario". Ob da US-Präsident Donald Trump Pate gestanden hat? Der interpretierte vor einem Monat bekanntlich den Weg von Hurrikan "Dorian" völlig frei, um zu zeigen, dass der Sturm Alabama hätte treffen können, was nicht der Fall war. Auch Orkan "Lorenzo" wird kaum der "gewünschten" Route folgen.

Miguel Miranda ist dagegen kaum zu Scherzen aufgelegt. Aus gutem Grund: Der Präsident des portugiesischen See- und Atmosphäreninstituts IPMA muss sich mit einer handfesten Bedrohung durch einen ausgewachsenen Hurrikan in seinem Zuständigkeitsbereich auseinandersetzen. Und auch andernorts in Europa beobachten Meteorologen "Lorenzo" mit Argusaugen. Denn dieser Sturm ist etwas Besonderes. Nie zuvor, so Spezialist Andrew Latto vom National Hurricane Center der USA gegenüber der "New York Times", hat sich so weit östlich und so weit nördlich im Atlantik - und damit in so geringer Entfernung zu Europa - ein Hurrikan der höchsten Kategorie 5 gebildet. Eines jener Sturmmonster, die normalerweise über den wärmeren Gebieten der Ozeane ihr Unwesen treiben.

"Lorenzo": Tropensturm-Windstärken in Irland?

"Das ist für diese Region vollkommen ungewöhnlich", stellt IPMA-Chef Miranda dementsprechend fest. Zwar hat sich "Lorenzo" inzwischen bereits auf einen Kategorie-2-Hurrikan abgeschwächt, doch wenn der Sturm voraussichtlich in der Nacht zum Mittwoch die Azoren überquert, wird er dies immer noch in Hurrikanstärke tun. Das IPMA erwartet derzeit Böen von 190 bis in der Spitze gar 200 Kilometer in der Stunde, Starkregen und 10 bis 15 Meter hohe Wellen, in der Spitze gar 25 Meter. Das soll vor allem für die westlichen Azoren gelten, das gesamte Archipel sei aber von dem Unwetter betroffen. Das Auswärtige Amt hat für die bei Urlaubern beliebte portugiesische Inselgruppe Sicherheitshinweise veröffentlicht. "Das Gros der Infrastruktur", befürchtet IPMA-Chef Miranda, "ist auf eine solche Situation nicht wirklich vorbereitet."

+++ Sehen Sie hier die aktuellen IPMA-Meldungen zu Hurrikan "Lorenzo" (Übersetzen anklicken!)+++

Grafik Weg von Hurrikan Lorenzo nach Norden

Der Weg von Hurrikan "Lorenzo" Richtung Norden.

Den Vorhersagen zufolge könnte "Lorenzo" sogar auf der Höhe des Breitengrades von Berlin noch Hurrikanstärke besitzen. Auf seinem Weg zu den britischen Inseln dürfte er sich weiter abschwächen. Doch das US-Hurrikan-Center hält es durchaus für möglich, dass Irland und das Vereinigte Königreich noch von Tropensturm-typischen Windstärken getroffen werden. Mit schweren Orkanböen und meterhohen Wellen ist an den irischen und britischen Küsten auf jeden Fall zu rechnen.

"Lorenzo" eine Folge des Klimawandels?

Angesichts des außergewöhnlichen Sturms liegt die Frage nahe, ob "Lorenzo" eine sichtbare Folge des Klimawandels ist. Gegenwärtig lasse sich das noch nicht beweisen, sagt Matthias Habel, Sprecher von "Wetter online". "Zwar hat sich in den letzten Jahrzehnten die Meeresoberflächentemperatur um mehrere Zehntelgrad erhöht, was die Bildung von Hurrikanen theoretisch begünstigen würde", erläutert der Meteorologe, "jedoch ist der Zeitraum mit systematischen Beobachtungen viel zu kurz, um Trends hinsichtlich der Häufigkeit und Intensität der atlantischen Wirbelstürme erkennen zu können.“

Eine Vorhersage, ob eines Tages Hurrikane auch die europäischen Küsten treffen könnte, wagt dementsprechend derzeit kein seriöser Wissenschaftler. Klimaforscher lehnen es ohnehin ab, von einzelnen Wetterereignissen auf den Klimawandel zu schließen. Schon seit Jahren gilt aber die Erkenntnis, dass die Häufigkeit extremer Ereignisse durch eine fortschreitende Erderwärmung zunimmt. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte der Weltklimarat IPCC seinen Sonderbericht Ozeane und weltweite Eis- und Schneevorkommen. Zwei zentrale Erkenntnisse: Hurrikane der stärksten Kategorien 4 und 5 werden immer häufiger auftreten. Und große Küstenstädte werden ab 2050 alljährlich Wetterextreme erleben.

Quellen: NOAA/National Hurricane CenterIPMA, IPCC"New York Times", "Wetter online", "Auswärtiges Amt"

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