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stern-Kolumne Winnemuth: Die gute alte Steinzeit

Ernährung nach Art der Urmenschen ist das neue heiße Ding. Steckt dahinter die Sehnsucht nach einem einfacheren Leben? Oder nicht viel eher die Klage der ewig vom Fortschritt Überforderten?

Von Meike Winnemuth

Lassen Sie uns über die Steinzeit reden. Die ist so gegenwärtig wie seit, sagen wir mal, 10.000 Jahren plus/ minus ein paar zerquetschten Jahrhunderten nicht mehr. Das neue heiße Ding ist die Paleo-Diät, die eine eher behauptete als bewiesene Ernährungsform der Steinzeitmenschen propagiert: Fleisch, Fisch (genauer: "Fische, die noch gegen den Strom schwimmen durften"), Beeren, Nüsse, Samen – Jäger-und-Sammler-Cuisine also, getreidelos und ohne Milchprodukte, denn nach Überzeugung der Steinzeitfans begann mit Ackerbau und Viehzucht der Untergang der Menschheit.

Die Idee ist nicht neu, schon vor 40 Jahren gab es Pamphlete, aber erst jetzt kommt sie im Schlepptau der Gluten- und Laktose-Hysterie zur Entfaltung. Allein in diesem Jahr ist ein gutes Dutzend Bücher erschienen (inklusive Preziosen wie "Paleo für Schokolade-Fans"), in den USA gibt es eine eigene Zeitschrift ("Paleo Magazine – Modern Day Primal Living"), Paleo-Konferenzen und -Feriencamps. Denn mit dem Essen ist es für den modernen Neandertaler noch nicht erledigt, auch in anderen Bereichen gehört die Moderne hinweggefegt.

"Heal thyself, harden thyself, change the world"

In der Szene verbreitet sind Barfußschuhe, Schlafengehen bei Sonnenuntergang, rigides Krafttraining und spirituelle Übungen wie Baummeditation, Sonnenrituale und "Aussöhnung mit dem getöteten Tier". Was abendfüllend sein dürfte angesichts der vielen, vielen zu tötenden Tiere in dieser fleischlastigen Diät.

Natürlich ist nicht das Geringste dagegen einzuwenden, Zucker und Industriefette vom Speiseplan zu streichen, das ist mehr als vernünftig – amüsant bis irritierend finde ich bei solchen Lifestyle- Trends immer nur die Vehemenz, mit der die Wellen in immer absurderen Amplituden schwingen. "Heal thyself, harden thyself, change the world" ist das Leitmotiv der Neosteinzeitler: Heilung durch Abhärtung wird den verpimperten Zivilisationsgeschädigten verordnet, Weltrettung inklusive.

Paleo ist das neue Vegan, eine Lebensweise, die alles heile macht, was die böse Neuzeit uns eingebrockt hat, und dafür kann man gern mal ein paar Jahrtausende Evolution in die Tonne treten, in denen der Mensch bewiesen hat, wie erstaunlich gut er sich ständig wechselnden Lebensbedingungen anzupassen in der Lage ist. (Bis hin zu ganzen Völkern wie den Massai, die bislang ziemlich gut mit einer laut Paleo tödlichen Zeburindmilch-Diät klargekommen sind.)

Immer diese Gene

Aber zurück zur Steinzeit: Die hat sich in letzter Zeit zur multifunktionalen Flucht-, Erklärungs- und Rechtfertigungsära gemausert und wird immer dann bemüht, wenn es darum geht, Verhalten von vorvorgestern zu legitimieren. Dominante Männchen, kuschende Weibchen, Promiskuität, sexuelle Gewalt: Immer sind’s die Gene, die Gene, die geheimnisvollen Steinzeitgene, die sich leider jeder Fortentwicklung entzogen haben. Kann man nix machen, so isser halt, der Mensch. Dient doch schließlich alles nur der Arterhaltung.

Nicht wenige empfinden jeglichen Fortschritt als einzige Überforderung, das war vermutlich schon bei der Erfindung des Rades so. Doch selten wurde aus Unlust an den Zumutungen der Gegenwart das Rad so weit zurückgedreht wie derzeit: Die Früher-war-alles-besser-und-noch-früher-noch- besser-Gläubigen würden liebend gern auf anstrengendes Zeug wie Aufklärung, Moral, Menschenrechte verzichten, um ihre Sehnsucht nach unterkomplexen Lösungen, wie mit dem Faustkeil gemeißelt, zu stillen. Zurück in die Höhle, ganz freiwillig. Immerhin hat man’s schnell hinter sich: Die Lebenserwartung der Steinzeitler lag bei maximal 40 Jahren.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 43.

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