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stern-Kolumne Winnemuth Im Kaufmannsladen


Einmal den Pfad ins Unbekannte bewandern: Unsere Kolumnistin hat für 14 Tage ein Feinkostgeschäft auf der Insel Spiekeroog übernommen und handelt nun mit Wein und Käse.

Es gibt so Tage, in denen man mit seinem ziemlich guten Leben hadert. Ist eigentlich alles ganz okay so, wirklich, aber könnte es nicht auch ganz anders sein? Müsste ich nicht mal was Neues machen? Oder was Altes wiederbeleben? Eine kleine Abzweigung nehmen von der vierspurigen Straße, in die sich jedes Leben früher oder später verwandelt, einen kleinen Waldpfad ins Unbekannte gehen? Irgendwas Unausgegorenes machen, ohne die geringste Ahnung, worauf das hinauslaufen könnte?

Ich bin ein großer Freund davon, Dinge vom Konjunktiv - könnte, sollte, müsste - in den Indikativ zu übersetzen. Und deshalb stehe ich seit einer Woche hinter der Käsetheke eines kleinen Feinkostladens auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog. Die Besitzer, Elke und Hannes Schröder, sind an Land und haben mir tollkühnerweise ihr Baby überlassen - natürlich nicht, ohne mich vorher in das Weinsortiment, die Auswahl an Biokäse und Sanddornmarmelade eingewiesen sowie mir die Feinheiten der alten Registrierkasse nahegebracht zu haben. Aber als sie mir den Schlüssel in die Hand drückten, wurde mir ein bisschen flau. Ich bin zwar Krämertochter, ich habe früher bei meinem Vater im Laden ausgeholfen, aber das ist 30 Jahre her. Wie schneidet man noch mal einen Bergkäselaib an, da gab es diesen speziellen Schnitt - vierteln, vorn einen Quader raus, ging das so?

Palim-palim, ein Paar betritt das Geschäft und möchte ein Raclette-Gerät ausleihen. Kein Problem. Und natürlich Raclette kaufen. Ich wuchte den Laib aus dem Kühlhaus. "Wir brauchen 600 Gramm." Die Aufschnittmaschine hat Hannes zur Reparatur mit aufs Festland genommen, es muss leider am Stück sein. 600 Gramm ... Ich setze probehalber das große Käsemesser an. "Schauen Sie mal, ungefähr so?" - "Machen Sie mal." Ich hole tief Luft, schneide beherzt und lege die Ecke auf die Waage. 615 Gramm, hurra! Luftschlangen, Konfetti! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so kindisch stolz war.

Der Ferienjob als Ferien vom Job

Schon nach zwei Tagen kenne ich Frau Pickenpack und Frau Wiethorn und "das Aas" (wie die Insulaner eine bestimmte Person nennen, und ich werde einen Teufel tun zu verraten, wen), dann noch Katrin und Leila vom Laden gegenüber, die nachmittags gern Süßes kaufen, und die drei alten Damen, die gerade Urlaub machen und sich einmal quer durch die Käsetheke probieren, und den Lehrer vom Internat, der gleich vier Packungen englische Butterkekse kauft, und den netten Bühnenbildner aus dem Ruhrpott. Fantastisch, das ist wie Kaufmannsladen spielen, nur in echt.

Nach drei Tagen berate ich beim Weinkauf auf Basis meiner eigenen Trinkerkarriere und empfehle die Mandel-Tonka-Creme auf Basis meines eigenen abendlichen Testessens. Es ist kein Ferienjob, es sind Ferien vom Job, von dem Job zu Hause jedenfalls. Das bekommt dem mal ganz gut, ebenso gut wie mir. Der krumme Schreiberrücken strafft sich, der Bauch füllt sich und der Kopf gleich mit: mit würzigem Deichkäse und cremigem Délice de Bourgogne und mit Dutzenden von Geschichten, die man so hört.

Es ist ganz gut, sich von Zeit zu Zeit die Optionen vor Augen zu führen, die man hat, die Möglichkeiten eines ganz anderen Lebens. Und zwar nicht nur in Form von "Wie wäre es wohl, wenn", sondern ganz konkret. Losfahren, anfassen, machen. Schmecken, wie es ist, nicht träumen, wie es wäre.

Kann sein, dass ich dieses Jahr noch ganz andere Praktika mache. Das Leben ist eine Käsetheke. Manchmal muss man nur um eine Kostprobe bitten.

Die Kolumne

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Von Meike Winnemuth

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