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stern-Kolumne Winnemuth: Männchen machen fürs Trinkgeld

Wir alle freuen uns über eine freundliche Bedienung im Café oder beim Friseur. Wer nett ist, bekommt mehr Trinkgeld. Wer muffelig ist, weniger. Aber ist das wirklich fair?

Von Meike Winnemuth

Müssen Bedienungen immer nett sein?

Müssen Bedienungen immer nett sein?

Das Fass lief über an diesem Tag. Wieder mal ein Gast, der ihr an den Hintern fasste und fragte, ob es sie „to go“ gebe mit nichts drauf, haha, zwinkerzwinker. Sie wich zurück wie immer in solchen Fällen, der Kunde hinterließ zur Rache ein beleidigend mickriges Trinkgeld. Und Laura Ramadei, Kellnerin in New York, setzte sich an den Computer und schrieb per Facebook einen offenen Brief an den „lieben Brian“, einen Investmentbanker, den sie mit vollem Namen kenntlich machte. Schnauze voll, Kündigung gleich drangehängt. Die Sache schlug Wellen. Der liebe Brian, dazu befragt, bestritt den Vorfall bezaubernderweise so: „Ich habe schon vielen Frauen auf den Arsch gefasst, aber nicht ihr.“

Nach Lektüre ihres Facebook-Postings erinnerte er sich plötzlich doch: „Die blöde Fotze! Ich sorge dafür, dass sie nie wieder einen Job in New York bekommt.“ So weit, so schlecht. Situationen wie diese sind Alltag im Restaurantbetrieb; in einer aktuellen amerikanischen Umfrage gaben 90 Prozent des befragten weiblichen Servicepersonals an, schon mal belästigt worden zu sein. Berufsrisiko, könnte man jetzt zynisch sagen: Geringschätzung und Übergriffigkeit ist die Asbestlunge des Dienstleistungsgewerbes, und es wird immer Arschlöcher wie Brian geben, die glauben, ihnen stünde schlechtes Benehmen zu für ein paar Dollar Trinkgeld.

Mit Kellnertricks zu hohen Trinkgeldern

Was mich daran beschäftigt, ist die andere Seite: Immer mehr Leute müssen davon leben, unter allen Umständen nett zu sein, selbst zu den größten Arschlöchern. Trinkgeld ist, wie jeder erfahrene Kellner einem sagen wird, direkt proportional zu den Emotionen, die man in Gästen auslöst. Also wird man alles tun, genau diese Emotionen zu triggern mit einem je nach Kundschaft abgestuften Grad an Verbindlichkeit, Vertraulichkeit, Zuwendung, Flirt.

Bekannt und sogar wissenschaftlich erforscht sind alte Kellnertricks wie unauffälliges Berühren am Arm, sich vorgeblich mit dem Gast gegen die Restaurantleitung zu verbünden („Ich will Ihnen nicht abraten von der Dorade, aber der Zander ist fantastisch und noch frischer“), der gemalte Smiley auf der Rechnung. Ich kannte mal eine Kneipenbedienung, die sich immer mit an den Tisch setzte, wenn sie die Rechnung schrieb, und mit dieser vertrauten Kumpelei auf Augenhöhe unglaubliche Trinkgelder kassierte.

Gefühlsdrang? Gefühlszwang!

Je mehr wir uns in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandeln, desto größer der Druck, Mikrobeziehungen zur Kundschaft aufzubauen, Sympathie und Herzlichkeit zu produzieren oder im Zweifel zu simulieren.

Der „Hey, Luigi, mach uns mal dos espressos“-Stammitaliener, der so tun muss, als sei man fast schon Teil der Familie, die allmorgendlich auf Kundenkuscheligkeit eingeschworene Supermarktmannschaft, die sogenannten Depiladoras in den Waxing-Studios, die davon leben, fremden Menschen die Schamhaare rauszurupfen, die ewig strahlende Fitnessstudio-Empfangsdame, die wachsende Zahl der Pflegekräfte – alle sind Teil eines Emotionskapitalismus mit sehr ungleich verteilten Rollen: Einer lächelt, der andere löhnt. Je netter du zu mir bist, desto besser bezahle ich dich.

Du bist schlecht drauf, weil dein Mann dich gerade verlassen hat? Pech, dann gehst du mit weniger nach Hause. Ich bin ein großer Freund von Freundlichkeit, aber ich hasse die Vorstellung, dass sich jemand für mich verstellen muss, um seine Miete zu zahlen. Dass jemand zu Gefühlen gezwungen wird, die er gar nicht hat. Darin liegt etwas zutiefst Unanständiges, und ich habe den Eindruck, dass diese Unanständigkeit längst als selbstverständlich betrachtet wird.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 48.

Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.