Neue stern-Kolumne Bedingt erregungsbereit


Was regt mich noch so richtig auf? Viel gibt es nicht. Aber immer noch genug. Lesen Sie die erste stern-Kolumne von Meike Winnemuth.

Liebe stern-Redaktion, vielen Dank, wirklich. stern-Kolumnistin, na sauber. Große Ehre, journalistischer Jackpot, immer schon davon geträumt und so weiter. Nur … Nur kommt die Anfrage 20 Jahre zu spät. Ich bin 53, jenseits des Verfallsdatums, was das Kolumnieren betrifft. Die Erregungsbereitschaft lässt nach im Alter (weißt Du doch, stern, oder?) – von wenigen tragischen Ausnahmen abgesehen, aber die sitzen gottlob alle in Berlin. Kolumnisten braucht man jung und zornig, mit frisch gespitzten Zähnen und geballter Faust. Ich hingegen kriege an guten Tagen gerade mal milden Spott zustande, mit ein bisschen gutem Willen auch mal einen Anflug von Genervtheit.

Vor zehn Jahren hätte ich mich noch erstklassig aufregen können über Leute, die sich über das Englisch von Zugbegleitern lustig machen, oder über Leute, die im Sommer nicht nur ihr Mittagessen, sondern auch noch ihre hochgelegten Füße mit Landschaft dahinter fotografieren und auf Facebook stellen, oder über Leute, die ihre Einkäufe so nah hinter meine aufs Kassenband packen und keine Warentrenner dazwischenlegen, dass @#!%&4@oe!!, oder über Fußballtrainer, Topmanager und Fernsehmoderatoren, die wegen offenkundigen Versagens irgendwo gefeuert werden, um fünf Minuten später woanders wieder angeheuert zu werden, all die Untoten, die immer wieder aus ihren Löchern kriechen (moin, Herr Kerner). Mann, hätte ich früher damit Kolumnen füllen können!

Heute? Seufzen, ausatmen, mich um Wichtigeres kümmern. Und denken: Auch das geht vorbei. Alles geht vorbei. Selbst Bushido geht vorbei, wahrscheinlich sogar schon in fünf Minuten. Wenn du lange genug am Ufer des Flusses sitzt, schwimmen die Leichen deiner Feinde vorbei, darauf ein dreifaches Omm.

Wie soll das also gehen, lieber stern, eine Kolumne zu schreiben mit dieser Altersmilde? Mit diesem tief empfundenen Achselzucken für die meisten Zeitphänomene? Wenn das ZDF am Samstagabend "Deutschlands größte Grillshow" sendet, reicht das bei mir gerade für eine leicht erhobene Augenbraue, Wolfgang Kubicki bringt mich zum Lachen, und Justin Bieber kann in so viele Putzeimer pinkeln, wie er lustig ist. Vielleicht ist mir schon zu viel zu egal, allerdings vermute ich, dass es den meisten Leuten so geht. Je lauter etwas als epochal oder Superskandal oder Megakrawall verkauft wird, je heißer es also gekocht wird, desto hartnäckiger weigere ich mich hineinzubeißen.

Tja, was nun? Trotzdem mal probieren? Themen gäbe es ja weiß Gott genug, daran soll es nicht liegen. Von Angelina Jolies Brüsten, auf die jetzt betroffen statt besoffen gestarrt wird, bis zum idiotischen Trend, sich als frisch verlassene Prominente binnen Wochenfrist einen sogenannten neuen Lover für sogenannte Paparazzifotos zuzulegen – ach, stern, wenn ich so darüber nachdenke, kriege ich doch langsam Lust. Und wenn der 61-jährige krebskranke CDU-Politiker Wolfgang Bosbach sagt: "Ich muss auf die Stopp-Signale meines Körpers besser achten. Ich kann mittlerweile ohne schlechtes Gewissen schon um 22 Uhr Feierabend machen", dann möchte ich heulen vor Mitleid und Wut über diese dumme, eitle, kruppstahlige Altmänner-Heldenpose und auf der Stelle losschreiben. Also schön, stern, lass es uns miteinander probieren. Wird schon, kriegen wir hin. Vorausgesetzt, ich darf hin und wieder Leute und Ideen einfach nur toll finden. Das kriege ich nämlich in meinem Alter viel besser hin. Okay? Wir sehen uns dann nächsten Donnerstag.


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