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stern-Kolumne "Winnemuth": Alles abgesagt

Hin und wieder braucht man sie einfach, diese Tage, an denen man alle Pflichten sausen lässt und ein paar Stunden verbummelt. Schwänzen ist ein Menschenrecht, findet stern-Kolumnistin

Meike Winnemuth

Einfach mal ein bisschen Zeit verbummeln - das ist vollkommen in Ordnung, sagt Weike Winnemuth

Einfach mal ein bisschen Zeit verbummeln - das ist vollkommen in Ordnung, sagt Weike Winnemuth

Wenn Sie sich nicht mehr an letzten Mittwoch erinnern, haben Sie irgendwas falsch gemacht. Es war der erste wirklich heiße Tag in diesem Jahr, in ganz Deutschland, soweit ich weiß. Ein Julitag im Mai, ein Geschenk, das angenommen werden musste. Ein Tag für Flipflops und Eisbecher mit fünf Kugeln (statt Mittagessen), für zwei Bier am Nachmittag und anschließendes Holzkohlekaufen und eine lange, sehr lange Nacht.

Solchen Tagen sieht man ja zunächst nie an, was sie mit einem vorhaben. Am Morgen hatte ich ganz brav eine Kolumne über eingebildete Empfindlichkeit begonnen (die kommt dann nächste Woche) und wollte nur kurz mit dem Hund raus, eine schnelle Runde und dann gleich wieder an den Schreibtisch. Aber da war dieser Himmel. Und diese Wärme. Und überall diese gut gelaunten Leute mit noch weißen Beinen in Röcken und Shorts, die alle einen etwas hüpfenderen Gang als sonst hatten.

Schön, gehen wir ein bisschen weiter heute, der Hund braucht ja auch wirklich Bewegung. Am Flussufer entlang, am Freibad vorbei, in den Hain. Schwänzende Jungs kicken einen Fußball über die Liegewiese, der Hund döst und kickt im Traum mit, Frauen bauen sich Kopfkissen aus Handtasche und Strickjacke, Männer auf Parkbänken gehen in die zweite Mittagspausenverlängerung. Und mein Schreibtisch steht auf einem anderen Planeten, die Rückreise dahin werde ich heute nicht mehr schaffen.

"Ich schwänze, du?"

Ich chatte mit einer Freundin: "Ich schwänze, du?" Sie: "Alles abgesagt, sitze auf der Terrasse. Es ist ja nicht wirklich Schwänzen. Es ist wie mit Sachen, die weg sind. Die sind nur woanders. Schwänzen heißt: Prioritäten setzen und verschieben." Genau. Ich verschiebe meine Priorität in Richtung Biergarten, um "a U" zu trinken. Ich muss dazu erklären: Ich wohne gerade in Bamberg. Der Franke liebt die lange Rede nicht, besonders nicht, wenn es ums Bier geht. U ist ein ungespundetes Kellerbier, gegärt ohne Holzzapfen im Fass und deshalb kohlensäureärmer.

So ein U trinkt sich flott weg bei 30 Grad, ein zweites auch, "i a a U", ich nähm auch noch eins. Mit zwei Herren aus der Versicherungsbranche schwätze ich über Zufälle im Leben und Sehnsuchtsstädte. Überhaupt ist es einer dieser Tage, an denen man über Sehnsüchte spricht, über Vorruhestand und Weinberge und Häuser am Gardasee, an denen das schöne Leben klar vor einem steht und nicht nur ein Traum ist, sondern ein Bedürfnis. Ein Anrecht. Sogar für Herren aus der Versicherungsbranche. Wir nehmen noch a U.

Ich hab heute was Besseres vor

Weiter, in die Stadt. Dinge tun, die man sonst nicht täte. Spargeleis essen. Blöde Hüte aufprobieren. Kurz überlegen, ob man zu einer Party namens "Paarungszeit" gehen sollte ("Leuchtbändchen am Eingang. Grün: Single. Rot: fest vergeben. Blau: zu allem bereit"). Idee verwerfen. Füße in die Regnitz hängen. Hund beim Planschen' beobachten. Aus dem Gassigehen werden fünf Stunden vertrödelte Glückseligkeit.

Solche geschwänzten Tage sind ein Menschenrecht, finde ich. Bei Diäten werden ja neuerdings immer Schummeltage eingeplant, an denen man alles essen darf, was man will. An denen man sich gehen lassen kann, um dann wieder zurück zur Disziplin zu finden. Schummeltage braucht man auch im Leben, sonst dreht man durch (Sonntage zählen nicht, die sind mit Kirche, Braten, Eltern besuchen, "Tatort" meist gnadenlos durchreglementiert). Die Volkswirtschaft wird es überleben. Statt Krankmeldung eine Gesundmeldung, einen gelben Zettel, den man sich selbst schreibt: Entschuldigt, Leute, ich hatte heute was Besseres zu tun. Dafür haue ich morgen doppelt rein, versprochen.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

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Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?