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stern-Kolumne "Winnemuth" Das Geheimnis der Banane


Auf einmal erfährt man etwas, wovon man aber wirklich noch nie gehört hat - das sind doch die schönsten Aha-Erlebnisse. Das Internet bietet dafür grenzenlose Möglichkeiten.
Von Meike Winnemuth

Heute Morgen sind mir zwei Dinge passiert, die diesen Tag augenblicklich zu einem gelungenen machten. Erstens schrieb mir jemand den schönen, mysteriösen Satz: "Schon Prentice Mulford nannte den Februar den besten Monat, um Urlaub zu machen." Und zweitens habe ich mit 53 Jahren endlich gelernt, wie man eine Banane isst. Nämlich wie ein Affe.

Beginnen wir mit dem Satz. Was mich daran so entzückte: dass ich von Prentice Mulford noch nie gehört hatte. Wer er ist und worauf er seine Theorie über den besten Urlaubsmonat gründet (und auch alle anderen Theorien, die er so haben mag): keine Ahnung. Also schon mal toll, weil es wieder mal ein Grund war, ein bisschen herumzusurfen und zu lesen und zu lernen. Aha, 19. Jahrhundert. "Einer der bedeutendsten Vertreter der Neugeist- Bewegung." Der bitte was? Weitersurfen. Und weiter. Und weiter. Der Prentice-Mulford-Artikel auf Wikipedia endet mit einer Würdigung durch einen gewissen Sir Galahad: "Prentice Mulford ist ein Heiliger 'full of go' …, er ist das Genie der Pietätlosigkeit." Und wer ist Sir Galahad? Ah, das Pseudonym von Bertha Eckstein-Diener, einer österreichischen Reiseschriftstellerin. "Zu ihren Gästen zählten unter anderem Peter Altenberg, Karl Kraus, Adolf Loos sowie Arthur Schnitzler, der die Ecksteinvilla sowie den 1899 dort geborenen Sohn Percy (1899–1962) in die Handlung seines 1911 uraufgeführten Dramas ‚Das weite Land' einfügte."

Schnürsenkelbinden mit 48

Alles nie gehört und nie gewusst. Und auch nicht gewusst, wie man am besten eine Banane isst (ebenfalls heute Morgen im Internet gelernt): nämlich nicht, indem man sie, wie ich es mein Leben lang gemacht habe, am Stielende aufbricht und dann schält, sondern indem man das gegenüberliegende Ende leicht drückt, was die Schale aufplatzen lässt und nur zu halb so viel Gemansche führt wie meine Methode, von der ich bis heute Morgen gedacht hatte, dass sie die einzig richtige sei.

Genau das ist, was ich so fantastisch am Leben finde: Es hört einfach nicht auf, einen zu überraschen. Und wenn man es richtig anstellt, hört man einfach nicht auf, schlauer zu werden. Ich habe an anderer Stelle mal darüber geschrieben, wie ich mit 48 gelernt habe, mir meine Schnürsenkel so zuzubinden, dass sie nicht immer aufgehen. All die Jahrzehnte habe ich es halt so gemacht, wie man es mir als Kind beigebracht hatte, und wäre nicht mal auf die Idee gekommen, dass es auch anders gehen könnte – mit einer winzig kleinen Veränderung.

Wer ist Tsutomu Miyazaki?

So geht es mit fast allem, was man tut: Man stümpert sich nach bestem Wissen und Gewissen durchs Leben, ein Geschöpf seiner eigenen Gewohnheiten und nie angezweifelten Überzeugungen. Bis einer kommt, der einem zeigt, wie ein Affe eine Banane isst. Oder wie man Fenster schlauer putzt oder mit einer Plastikflasche Eier trennt oder ein Spannbettlaken richtig faltet (genauer gesagt: überhaupt faltet, statt es irgendwie zusammenzuwurschteln).

Am schönsten ist so ein Aha-Erlebnis natürlich, wenn man gar nicht danach gesucht hat. Wer sich trotzdem systematisch überraschen lassen will, dem sei die Funktion "Zufälliger Artikel" auf der Wikipedia- Startseite ans Herz gelegt. Unberechenbar, was man da an Neuem, nie Gesuchtem erfährt über den Sinkkasten, die Rotschnabelmöwe, den japanischen Serienmörder Tsutomu Miyazaki oder die niederländische Badmintonmeisterschaft 1987. Wie Prentice Mulford (den Sie übrigens auf der Stelle wieder vergessen dürfen) so schön sagte: "Es gibt keine Periode, da es zu spät wäre, umzulernen." Oder auch: "Ich habe gute Zeiten gehabt und beabsichtige, noch viel bessere zu haben."

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