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stern-Kolumne "Winnemuth": Kabelsalat

Sich von Altem zu trennen ist kein Problem. Aber was ist mit all dem unnützen Zeugs, das in jedem Lieferumfang enthalten ist?

Von Meike Winnemuth

Unsere Kolumnistin kan sich von allem trennen - nur nicht von Kabeln oder Steckern

Unsere Kolumnistin kan sich von allem trennen - nur nicht von Kabeln oder Steckern

Vor Kurzem bin ich von einer sehr, sehr großen Wohnung in eine sehr, sehr kleine umgezogen. Von sechs Zimmern Altbau in ein Zimmer Neubau, von einer fünf Meter langen raumhohen Bücherwand zu einem achtundsiebzig Zentimeter breiten Regalbrett, auf dem jedes neue Buch das Aussortieren eines alten bedeutet (okay, ich schummele ein bisschen mithilfe eines E-Readers): Ich wollte Ballast abwerfen, ich wollte mein Leben simpler, übersichtlicher, schwereloser haben.

Es war der entspannteste Umzug meines Lebens: Weil ich nur zwei Straßen weiter zog, trug ich immer mal beim Gassigehen eine blaue Ikea-Tasche mit Kram in die neue Bleibe. Das Sofa, einen Tisch, zwei Stühle, ein Regal, einen Teppich, eine Stehlampe und eine Matratze brachten zwei Jungs für 150 Euro plus Mehrwertsteuer. Die vier Teller in den Küchenschrank gepackt, die Bücher ins Regal geschichtet, die Klamotten in den Schrank gehängt, die Vase auf den Tisch gestellt: In einer halben Stunde war ich eingerichtet. Und guckte mich um: Gott, ist das schön leer hier. Luft! Freiheit!

Ein kleines Täschchen für Weißichnicht

Jetzt, ein paar Monate später, ist es voll. In den Schubladen findet sich Zeugs, das ich nie gewollt habe, das mir in die Wohnung geschwemmt wurde wie Treibholz. Garantieerklärungen für die Küchengeräte in zehn Sprachen. Netzsteckerteile für japanische, russische und amerikanische Steckdosen, geliefert mit dem neuen Drucker. Irgendein schwarzes Plastikteil, mit dessen Hilfe ich drei Telefone an irgendwas anschließen könnte. Vermute ich zumindest. Kam es mit dem Router? Mit dem Drucker? Keine Ahnung.

Drei kleine Plastikstäbchen mit Schaumstoff an den Enden für das Reinigen von Computertastaturzwischenräumen, die unverlangt mit der Computermonitorreinigerflüssigkeit geliefert wurden. Zwei Paar zusätzliche Ohrstöpselabdeckungen für besonders große und besonders kleine Gehörgänge, geliefert mit den neuen In-ear-Kopfhörern. Plus ein zusätzlicher 6,35-mm-Klinkenstecker. Und ein kleines Täschchen für Weißichnicht. Und ein graues Bändsel für Keineahnung.

XL-Ohrstöpsel womöglich bald ein Gottesgeschenk?

All das brauche ich nicht. Wirklich nicht. Wirklich nicht? Vielleicht ziehe ich ja eines Tages mit meinem Drucker nach Russland, man weiß ja nie. Und dann würde ich schön blöd gucken, wenn ich kein russisches Netzsteckerteil hätte, das ich zu dem Zeitpunkt bestimmt weder in Russland noch in Deutschland bekommen würde. "Wir haben es Ihnen doch damals mitgeliefert, haben Sie etwa …?" Und werde ich nicht größere Ohren bekommen im Alter? Spätestens in zehn Jahren wären die XL-Ohrstöpseldinger ein Gottesgeschenk. Und was, wenn eines der Technikteile kaputtgeht, dann muss man doch das ganze Paket (oh, wo ist eigentlich der Karton?) inklusive aller Extrateile und Kabelbinder an den Hersteller zurückschicken, da kann man doch nicht einfach was entsorgen, das war schließlich Teil des Lieferumfangs.

Das perfekte Opfer für systematisches Zuviel

Lieferumfang heißt bei mir nichts anderes als: Man packt mir ungebetenes Zeug zum Gerät, und ich bin geliefert. Alles kann ich wegwerfen, mich leichten Herzens trennen. Aber keine Kabel, keine Stecker, keine Braucht-man-irgendwann-für- irgendwas-ich-bin-nur-zu-doof-dafür. Ich bin das perfekte Opfer für das systematische Zuviel der Technikproduzenten.

In meiner neuen Wohnung hat der Elektriker ungefragt drei Telefonbuchsen installiert und fünf Buchsen für einen Fernsehanschluss (fünf! Auf vierzig Quadratmetern! Ich habe nicht mal einen Fernseher.) und allein neben dem Bett sechs Steckdosen. Warum? "Man weiß ja nie", sagte er. Bestimmt hat er recht.

Ich muss dringend wieder umziehen.