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stern-Kolumne "Winnemuth": Sag mir, was du isst ...

... und ich sage dir, ob du Pescetarier bist. Oder Ovo-Vegetarier. Vielleicht Flexitarier? Hauptsache, du hast Unterschlupf gefunden in irgendeiner Gruppe.

Für Meike Winnemuth darf's auch ruhig mal ein Stückchen totes Tier sein. Der Rechtfertigungsdruck danach hinterlässt aber einen schalen Beigeschmack.

Für Meike Winnemuth darf's auch ruhig mal ein Stückchen totes Tier sein. Der Rechtfertigungsdruck danach hinterlässt aber einen schalen Beigeschmack.

Nie bin ich so gehasst worden wie an jenem Tag, an dem ich mir in Sydney ein Kängurufilet in die Pfanne haute und es zu einem Cabernet Sauvignon aus dem Barossa Valley aß. Der Fehler war natürlich, darüber in einem Blog zu schreiben: wie lecker es war und wie fettfrei, wie sinnvoll zudem, Tiere zu essen, für die als ausgesprochene Landplage ohnehin Abschussquoten gelten, die also nicht aus Massentierhaltung stammen und auf Tiertransporten leiden und die anders als Rinder weder den Boden zerstören noch klimakillendes Methan produzieren. Umweltgerechter Fleischkonsum, prima, fand ich.

Und hatte nicht bedacht: Umweltgerechter Konsum von niedlichen Tieren geht gar nicht. Verrückt, wie viele Leute Kühe und Schweine für unhübsch und deshalb essbar halten, das Verspeisen von Kaninchen, Kängurus und Meerschweinchen aber absolut barbarisch finden.

Es wird also immer komplizierter in dem ohnehin schon hochverminten Feld des richtigen Essens. Die einst so klaren Fronten zwischen Fleischessern einerseits und Vegetariern andererseits haben sich längst aufgelöst in Scharmützel innerhalb der großen Lager. Vegetarier, Veganer, Ovo-, Lacto- und Ovo-Lacto-Vegetarier ringen miteinander um die korrekte Lehre, stehen aber als bekennende Herdbenutzer vereint gegen die wachsende Gruppe der Rohköstler, die sich wiederum aufspalten in Urköstler (die gern den Wurm im Apfel mitessen, Eiweiß muss ja auch mal auf den Speiseplan) und Frutarier, die nur essen, was nicht den Tod der Pflanze bedeutet, also Obst und Nüsse, keinesfalls aber Karotten. Frutarier unterscheiden ihrerseits fein zwischen solchen, die nur essen, "was die Pflanze freiwillig hergibt" (= Fallobst), und solchen, die Äpfel und Kirschen brutal vom Baum reißen. Und dann gibt es da noch Instinctos, die alles roh essen, auch Fleisch und Fisch.

Verwirrend, richtig, aber in einer Sache sind sich alle einig: Wir haben recht, und die anderen sind Mörder oder Verblendete oder Idioten.

Für jeden eine Schublade

Über den wachsenden Fanatismus und den damit meist verbundenen Missionierungseifer könnte man sich leicht lustig machen, wäre die Gegenseite nicht genauso bescheuert. Als die "Bild" aus einer butterweichen Formulierung im Grünen-Wahlprogramm, "öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen" und fleischlose Gerichte anbieten sowie einen fleischfreien Tag pro Woche einführen, die schäumende Headline "Grüne wollen uns das Fleisch verbieten" zimmerten, kam kurz mal Fahrt in den bis dahin so verschnarchten Wahlkampf. Nichts lässt die deutsche Seele so verlässlich kochen wie die notfalls herbeifantasierte Möglichkeit, exzessives Fressen oder Rasen könnten irgendwie gefährdet sein.

In diesem Religionskrieg um die rechte Gesinnung scheint es derart unerhört, nicht Teil einer Mannschaft sein zu wollen, dass selbst für Leute, die sich nicht recht entscheiden können, eigene Bezeichnungen erfunden werden müssen. Fisch essende Vegetarier sind Pescetarier, Menschen, die eigentlich Vegetarier sind, aber uneigentlich trotzdem öfter mal Fleisch essen wollen (selbstverständlich nur, wenn sie wissen, wo die Kuh zu Tode gekommen ist, das macht es irgendwie besser), heißen Flexitarier. Zweifellos wird sich auch dieser Begriff noch weiter aufspalten: in jene, die alle vier Wochen eine Currywurst brauchen, jene, die mit Mettigel aufgewachsen sind und deshalb nicht anders können, jene, die ...

Wenn wir was können, dann das Katalogisieren von Lebensentscheidungen. Hauptsache, man sitzt in einer sauber gezimmerten Schublade. Hauptsache, man ist was Spezifisches, anders als all die anderen. Hauptsache, -arier.

Von Meike Winnemuth
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