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stern-Kolumne "Winnemuth": Wörtermuseum

Es gibt Begriffe aus der Jugend älterer Semester, die eine ganze Gefühlswelt ausdrücken und die Junge nicht begreifen können. "Sendeschluss" etwa. Oder "Schiebewurst". Oder eben - "Mupfel".

Von Meike Winnemuth

Letztens ging es bei einem Abendessen um Architektur und den Trend zu sogenannten Familienräumen, in denen alles stattfindet. Kochen, essen, wohnen. Die sind schon prima, sagte ich, aber trotzdem braucht doch jeder seine Mupfel, um mal zu sich zu kommen. Die Älteren nickten, eine Dreißigjährige fragte ratlos: "Eine was?“ – "Eine Mupfel. Du weißt schon, 'Urmel aus dem Eis‘.“ – "???“ – "Augsburger Puppenkiste. Darin kommt eine große Muschel vor, in der Wawa immer schläft, und Ping, der Pinguin, hätte dringend gern auch so eine, und da er das 'sch‘ nicht aussprechen kann, sondern stattdessen immer 'pf‘ sagt … Ach, egal."

Oder vielleicht auch nicht egal. Wörter sind oft Steno für Gefühle (kennt noch jemand Steno?), ein Kürzel mit Resonanzkörper, und Mupfel ist für mich so ein Wort. In meinem Lexikon würde stehen: Rückzugsraum, Kuschelhöhle, Ort der Unerreichbarkeit und des Unbeobachtetseins. Eine Mupfel eben, was soll man sonst dazu sagen?

Natürlich ging es schnell um weitere Generationenwörter, die nur für eine bestimmte Altersgruppe verständlich sind und deren Gebrauch einen so genau datiert wie Namen. Ebenso wie man bei Wolfgangs und Manfreds weiß: definitiv älter als 50, und bei Beates und Martinas: definitiv älter als 40, weiß man es beim Sprachgebrauch auch. Ich zum Beispiel sage immer noch LP zu dem, was man heute, glaube ich, Album nennt, also eine Sammlung mehrerer Musiktitel zum gleichzeitigen Downloaden. Platte kann man das ja nicht mehr nennen, CD eigentlich auch nicht. Und ich sage Apfelsine und Pampelmuse, nicht Orange und Grapefruit: eindeutig über 50 und auf dem Weg zu 60.

Schnell hatten wir andere Wörter gesammelt, die auch schon ganz schön graue Schläfen haben: Schutzmann. Bratkartoffelverhältnis. Sendeschluss. Steckenpferd. Muckefuck. Groschenroman. Wählscheibe. Gummiadler. Bandsalat. Backfisch. Fracksausen. Nassforsch. Schmissig. Tatterich. Brummi. Wilde Ehe. Heiermann. Ach, der gute alte Heiermann! Und sagt man eigentlich noch "Riese" für 1000 Euro, oder galt das nur für den Tausendmarkschein?

Das Altenwort des Jahres

Oft gibt es das, was gemeint ist, nicht mehr, was das Verschwinden von Wörtern wie Wählscheibe und Bandsalat erklärt, andere Wörter sind zeitgebunden und mit den bezeichneten Phänomenen verblichen: Persilschein (Entnazifizierung, circa 1946), Mauerspecht (Berliner Andenkensammler, circa 1989), Elchtest (Mercedes A-Klasse, circa 1997), Kaschmirkanzler (Gerhard Schröder, circa 1998). Einige Wörter wurden nur durch neue, schickere ersetzt (Gabelfrühstück/Brunch), viele mit völlig neuen Bedeutungen versehen. Kaum einer denkt heute noch bei "gemein“ an gewöhnlich oder üblich, fast jeder denkt: fies. Oder "Haftschalen“, herrlich! Ich verstehe: Kontaktlinsen, die Dreißigjährige am Dinnertisch: freischwebende Klebe-BHs für schulterfreie Kleider. Noch schöner: Walken. Schnell, denken Sie an große Wäsche mit Waschbrett oder an Schonsport mit und ohne Stöcken?

Es gibt so viele grandiose Bezeichnungen, dass ich für die Einführung eines Altenworts des Jahres plädiere, analog zum jährlich gekürten Jugendwort (2013: Babo, 2012: Yolo, 2011: Swag). Ein Wort, das vom Aussterben bedroht ist, das aber bündig ein Phänomen, eine Sache, eine Idee, eine Gewohnheit auf den Punkt bringt wie nichts anderes. Für 2014 nominiere ich neben Mupfel das Wort "Schiebewurst“: Wenn es zu wenig Wurst für eine Scheibe Brot gibt und man die Wurstscheibe nach jedem Abbeißen ein Stück weiterrückt, damit auch beim nächsten Bissen noch was auf der Bemme ist. Überhaupt: Bemme!

Illustration: Tina Berning

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