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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Verreist mal wieder – nach Phantásien!

Meine Mutter hatte früher immer den großen Wunsch, dass ich Diplomat werden sollte. Ein eloquenter Botschafter unseres Landes irgendwo an einem schönen Ort unserer weiten Welt. Bekanntlich wurde ich keiner, sondern Kommunikator. Trotzdem hat die Geschichte ein Happy End: Denn Botschafter bin ich jetzt doch noch geworden - von "Phantásien".

Die unendliche Geschichte

Noah Hathaway als "Atreju" mit dem weißen Drachen in einer Szene des Films "Die unendliche Geschichte".

Picture Alliance

Ende der 50er Jahre setzte sich Michael Andreas Helmuth Ende an seine Schreibmaschine und tippte einen einzigen Satz auf ein weißes Blatt Papier: "Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, war nur sehr klein." Eine Idee wie es weitergehen sollte, hatte der ausgebildete Schauspieler damals nicht. "Ich ließ mich einfach ganz absichtslos von einem Satz zum anderen, von einem Einfall zum nächsten führen", sagte er später in einem Interview.

Immer mehr Figuren erfand der Autor und eine wunderbare Geschichte entstand. Aber als "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" fertig war, wollte das Werk niemand haben. Zwölf Verlage lehnten das Manuskript ab. Es war eine Frau mit einem guten Gespür, die schließlich ein Einsehen hatte: Die Verlegerin Lotte Weitbrecht veröffentlichte das Buch 1960 in ihrem Stuttgarter Thienemann Verlag. Es gewann den Deutschen Jugendliteraturpreis und wurde ein großer Erfolg.

Ich selbst bin mit der Umsetzung der Story im Fernsehen groß geworden, die seinerzeit von der legendären Augsburger Puppenkiste liebevoll inszeniert wurde. "Eine Insel mit zwei Bergen…", ihr werdet euch erinnern. 1973 schrieb Michael Ende seinen nächsten Bestseller: "Momo". Der Untertitel lautet: "Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte." Ich habe das Buch kürzlich wieder gelesen und war fasziniert von der inhaltlichen Weisheit, die aktueller denn je ist.

Allein die einzelnen Figuren sind so wunderbar, dass es eine wahre Freude ist, ihnen wieder zu begegnen: Gigi Fremdenführer, Beppo Straßenkehrer, Meister Hora und seiner Schildkröte Kassiopeia. Michael Ende wurde mit der märchenhaften Geschichte zum Popstar der Jugendliteratur. 1979 schrieb er ein weiteres Meisterwerk: "Die unendliche Geschichte". Das Buch wurde in vierzig Sprachen übersetzt und über zehn Millionen Mal verkauft.

Der clevere Filmemacher Bernd Eichinger erkannte das Potenzial und verfilmte die Geschichte. Anfangs war der Autor Ende noch guter Dinge. Als er den fertigen Streifen sah, war es mit der Begeisterung vorbei: "Ein gigantisches Melodram aus Kitsch, Kommerz, Plüsch und Plastik" nannte er den Film, der trotzdem die Kinos füllte und dem englischen Popsänger Limahl mit dem Titelsong der amerikanischen Filmversion "The Neverending Story" seinen größten Erfolg bescherte. Meine drei Kinder sind allesamt Fans der Geschichte, auch wenn Emily, Josh und Holly ganz unterschiedliche Szenen und Helden mögen.

Als mich Bärbel Dorweiler, die nette Verlegerin des Thienemann Verlages anschrieb und fragte, ob ich ein "Botschafter Phantàsiens" werden wollte, war ich sofort Feuer und Flamme. Am Rande des Belgischen Viertels in Köln - im gemütlichen Vintage-Lokal "Tante Gertruud" - durfte ich auf einem alten Sofa von einem meiner absoluten Lieblingsbücher schwärmen. Meinen Beitrag könnt ihr unter www.botschafterphantasiens.de sehen. Dort berichten auch viele weitere Persönlichkeiten von ihrer besonderen Beziehung zu dem Buch.

Ich erzählte dem Filmteam unter anderem von meiner Lieblingspassage, die mich immer noch genauso berührt wie früher. Warum? Weil sie so viel Weisheit und Wahrheit beinhaltet. Es ist die Stelle, an der Bastian Balthasar Bux in die Grube Minroud kommt und in dem "Bergwerk der Bilder" den blinden Bergmann Yor trifft. Tief unter der Erde lagern die vergessenen Träume der Menschen. Sie sind aber nicht verloren, sondern können wieder ans Tageslicht befördert werden. Übrigens nicht nur in der fiktionalen Welt der Unendlichen Geschichte, sondern auch in unserer echten Welt. Es liegt an jedem einzelnen von uns, ob wir unsere Träume vergraben lassen, oder wieder zum Leben erwecken.

Ein Impuls, der nachdenklich macht aber auch ein Antrieb sein kann. Als begeisterter Botschafter Phantásiens plädiere ich genauso wie der 1995 verstorbene Michael Ende für die Wertschätzung der Fantasie. Sie ist der Treibstoff für eine Welt voller magischer Momente. Wer das Buch von früher kennt, wird wie ich feststellen, dass viele bemerkenswerte Sätze drinstehen, die man als Erwachsener noch einmal mit ganz anderen Augen liest. So wie diese:

"Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen, und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. Und sie machen beide Welten gesund."

Allen, die sich von Bastian Balthasar Bux, dem Indianerjungen Atréju, der Kindlichen Kaiserin oder dem zauberhaften Glücksdrachen Fuchur (wieder) verzaubern lassen wollen, eine gute Reise nach Phantásien - und zurück.