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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Warum mich der Song "Lauf davon" an die besten Entscheidungen meines Lebens erinnert

Davonlaufen, um von vorne anzufangen? Keine leichte, aber manchmal eine gute Entscheidung
Davonlaufen, um von vorne anzufangen? Keine leichte, aber manchmal eine gute Entscheidung
© privat
Immer wieder traf und treffe ich in meinem Leben Songs, die eine fast magische Wirkung auf mich haben. Aktuell ist es das Lied "Lauf davon" vom Songwriter und Deutsch-Rapper "Danger Dan". Das Stück erinnert mich auch an Stationen meines Lebens, bei denen ich gegangen bin, um etwas Besseres anzufangen.

Lauf davon, lauf davon, lauf davon
Lauf davon so schnell du kannst
Bevor sie dich bekomm'
Lauf davon, lauf davon, so schnell du kannst
Und fang irgendwo noch mal von vorne an.

So singt aus voller Brust und Überzeugung der Rapper "Danger Dan", der eigentlich Daniel Pongratz heißt auf seinem neuen Solo-Album. Im cool gemachten Musikvideo von "Lauf davon" bricht er in eine "Steinway & Sons"-Filiale ein und spielt solange Klavier, bis er von der Security wieder vor die Tür gesetzt wird. Der Song handelt von der Flucht vor einem "normalen" und vorgefertigten Lebenslauf.

Da war ein Job, einer mit flexibler Arbeitszeit
In einer hippen Agentur, die sich sehr gut zu vermarkten weiß
Jede Woche eine After Work-Party mit dem Chef
So ein Start-Up-Unternehmer, der Ramones-Shirts trägt
Ich schrieb grad die Bewerbungsmail mit meinem Lebenslauf
Und klebte ein sympathisches und seriöses Foto drauf
Als mir Lou Reed erschien und sagte: "Lauf davon!"
Schwerer als reinzukommen, ist es wieder rauszukommen.

Ich musste grinsen bei diesen Zeilen, denn als Kenner unserer bunten Werbe- und Kommunikationswelt kenne ich die beschriebene Szenerie und den besungenen Chef aus persönlicher Erfahrung nur zu gut. Die letzte Zeile dieser Passage hat für mich schon fast etwas Philosophisches. Smarter kann man das gefürchtete "Hamsterrad" in dem sich viele von uns schon befanden oder noch befinden nicht umschreiben. 

Abenteuer mit ungewissem Ausgang

Ich kann mich gut an eine meiner ersten beruflichen Stationen bei einem großen Konzern erinnern. "Da kannst du bleiben bis zur Rente", habe ich meine Mutter noch im Ohr. Mir dauerte es allerdings schon zu lange, auf die nächste Beförderung zu warten. Nach dem Abschied meiner großartigen Chefin, die mich ebenso gefordert wie gefördert hatte, erklärte mir der Nachfolger, dass nun erstmal die langgedienten Kollegen "dran" wären. Ich rechnete und als eine zweistellige Jahreszahl vor meinem inneren Auge auftauchte, lief ich davon.

In der FAZ entdeckte ich kurz danach eine Anzeige: "Ungewöhnlicher Job für ungewöhnlichen Typ". Den suchte die Verkaufsförderungsagentur Stein Promotions. Deren Werbespruch lautete: "Wir beginnen, wo andere aufhören." Genau das richtige für einen wie mich, der seinen Vater als Teenager mit dem T-Shirt-Aufdruck "I am the greatest" – eine Hommage an den damals besten Boxer der Welt, Muhammad Ali – genervt hatte. Ich ging zum Vorstellungsgespräch und traf einen quirligen Paradiesvogel als Chef, der ebenso schnell sprach, dachte und entschied. 

Ich bekam direkt einen Vertrag und die Schlüssel für einen 5er Dienst-BMW in die Hand gedrückt. Ich war 26, hatte keine Ahnung von Sales-Promotion, aber keine Angst. Ich war vor jahrelang zu erwartender Langeweile und Entwicklungsstillstand geflüchtet und startete in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Es ging gut und die vielen Jahre in der Promotion-Agentur waren ein unglaublicher Ritt, immer der Sonne entgegen.

Der Mut, etwas Neues zu wagen und es mit Einsatz, Neugierde und Lernbereitschaft hinzukriegen, hat mir auf meinen weiteren Weg jegliche Furcht genommen, Schiffbruch zu erleiden. Ich bin auch später immer dann wieder gegangen, wenn es sich nicht mehr richtig anfühlte. Bereut habe ich es nie. Aufbruch und Veränderungen sind für mich wie ein regelmäßiges "Umparken im Kopf", so hat die Werbeagentur Scholz & Friends vor Jahren mal die Neuausrichtung des Autobauers Opel sehr treffend in einen Satz gefasst. 

Neuer Beruf mit 52

Letzte Woche schaute ich zusammen mit meiner Frau unsere Lieblings-Doku-Sendung in der ZDF-Mediathek: "37°". Es ging um "Senior Azubis", Menschen, die im Alter noch einmal neu beruflich durchstarten. Unser Liebling war Heike, 52 Jahre alt, studierte Informatikerin, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Als die aus dem Haus waren, wollte sie wieder arbeiten. Ihr alter Job reizte sie nicht mehr, sie lief davon und fing noch mal von vorne an: Mit einer Ausbildung zur Lokführerin bei der Stuttgarter S-Bahn.

Sie war nicht nur die älteste Schülerin, sondern auch noch die einzige Frau. "Das ganze Leben ist Veränderung. Ich warte ja nicht darauf, dass ich in 13 Jahren in Rente gehe. Ich möchte mein Leben jetzt gestalten, und ich mache gerne was Neues. Die Arbeit erfüllt mich, deshalb ist es genau das Richtige für mich", sagte die sympathische Frau. Chapeau.

Eine großartige Geschichte und als sie nach bestandener Prüfung ihre erste richtige Bahnfahrt im Cockpit machte, hatte ich Tränen in den Augen, weil ich mich so mit ihr mitfreute. Wenn ich die folgende Passage im Song von "Danger Dan" höre, dann denke ich an Heike, wie sie strahlend mit Mann, Kindern und Freunden – eine Lokomotivführer-Mütze auf dem Kopf – ihren Restart feierte:

Lou hat gesagt: lauf davon und fang von vorne an
Hätte ich das nicht gemacht
Wäre ich ganz bestimmt verlor'n gegangen
Hast du dir deinen Alltag oder hat dich dein Alltag gemacht?
In dieser Nacht habe ich mir meine Tasche gepackt 

"Die Arbeitswelt verändert sich rasant, wir werden uns alle daran gewöhnen müssen, dass Quereinstiege in bisher unbekannte Jobs normaler werden", sagte mir kürzlich ein befreundeter Personalberater. In besagter "37°" Episode begleitete das Kamerateam auch Matthias, der 30 Jahre lang als Bankkaufmann gearbeitet hat. Irgendwann wurde ihm der Druck zu groß, er kündigte und startete mit 54 Jahren in eine Ausbildung zum Erzieher. Früher hat er deutlich mehr verdient, dafür bekommt er jetzt die sinnvollste Währung der Welt: Wertschätzung. Mit strahlenden Augen sagte der Ex-Finanzmanager im TV-Beitrag: "Der Umgang mit den Kindern ist bereichernd. Und dass man einfach gemocht wird, Kinder sind da total ehrlich." 

Mich beeindrucken solche Menschen und ich bin sicher, "Danger Dan", dessen Vita auch alles andere als stromlinienförmig ist, hat bei diesem Song genau an Heike, Matthias und all die anderen gedacht. Ich habe neulich einem Freund von dem Song erzählt, wir haben ihn uns gemeinsam angehört und über seine Unzufriedenheit in seinem aktuellen Job gesprochen. Gestern schrieb er mir, dass er gekündigt hat und sich selbstständig machen wird. Er klang befreit, euphorisch, hoch motiviert. Danke, Daniel, "Danger Dan"!

Lauf davon, lauf davon, lauf davon
Lauf davon so schnell du kannst
Bevor sie dich bekomm'
Lauf davon, lauf davon, so schnell du kannst
Und fang irgendwo noch mal von vorne an


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