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Mine "Der Mensch hat vielleicht mehr Hirn als das Tier, er benutzt es aber auch nicht besser"

Mine
Popsängerin Mine: "Ich will nicht mehr Kind sein und nicht in diese Zeit zurück"
© Simon Hegenberg
Mit ihrem neuen Album ist die Berliner Musikerin Mine plötzlich überall. Aus gutem Grund: "Hinüber" passt perfekt in diese zerrissenen Zeiten – als Monument, das Mut macht. Ein Gespräch über Diskriminierung, Eiscreme und gefährliche Nostalgie.

Mine kennt keine Grenzen. Im musikalischen Werk der Berliner Sängerin und Songwriterin mischen sich so unterschiedliche Elemente wie Elektro, HipHop, Jazz, sozusagen Pauken und Trompeten, mit doppel- bis dreifach-deutigen Lyrics, auf denen ihr so filigran wie keiner Zweiten die Sprengung der Grenzen zwischen dem Politischen und Privaten gelingt.

Vielleicht passt ihr neues Album, das gerade auf Platz 13 der deutschen Album-Charts eingestiegen ist, auch deshalb so perfekt in diese zerrissenen Zeiten, in denen die vielen Probleme der Welt jeden von uns angehen wie selten zuvor – aber das Gute daran ist: "Hinüber" ist eben kein Mahnmal oder erhobener Zeigefinger, sondern ein Monument, das Mut macht, und steht damit in der Tradition großer deutscher Pop-Platten wie "Mensch" von Herbert Grönemeyer oder "Stadtaffe" von Peter Fox.

Eleven aus Stranger Things

Im stern-Interview spricht Mine über den Schaffensprozess, das Problembewusstsein unserer Zeit und den Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Mine, ist das Wort "Hinüber" für Dich ein negatives Wort?

Nicht so sehr wie "am Arsch" oder "verrottet". Ich wollte schon einen ästhetischen Begriff verwenden dafür, dass etwas zu Ende geht. Aber es ist natürlich zweideutig, weil es auch das Hinwegkommen über etwas beschreiben und in die Zukunft weisen kann. 

Im gleichnamigen Song ist das "Hinüber" deutlich negativ konnotiert, im Albumkontext funktioniert das Wort dagegen durchaus hoffnungsvoll.

An diese Zweideutigkeit hatte ich auch noch gar nicht gedacht, als ich den Song geschrieben habe. Aber als mir das bewusst wurde, habe ich gedacht: Das ist der perfekte Albumtitel.

Dein Album ist sehr gegenwärtig, sehr "jetzt" in seiner ganzen Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit, die Du thematisierst. Was denkst Du: Hättest Du diese Songs eigentlich ohne Corona und die Begleitumstände genauso geschrieben?

Ohne die Begleitumstände nicht, ohne Corona ja. Ich war eh in der Schreibphase, als das alles losging. Ich konnte mich dann nur noch mehr im Studio verkriechen als vorher. Vielleicht hätte sich der Sound des Albums ein wenig verändert, weil ich in der Zeit sicher ein paar Konzerte besucht hätte und daraus sicher auch Inspiration gezogen und neue Ideen mitgenommen hätte. Stattdessen war ich aber viel länger als sonst im Studio – von morgens um 8 bis nachts um 2, dann kurz geschlafen und sofort weitergemacht. Normalerweise kann ich sowas nicht zweieinhalb Wochen am Stück machen, weil ich dann zwischendurch Festivaltermine habe und sowas.

Und wie sieht es mit dem Einfluss der Pandemie auf die Texte aus?

Den sehe ich gar nicht. Mich haben im vergangenen Jahr vor allem Themen wie soziale Ungerechtigkeit oder die Situation an den Außengrenzen der EU beschäftigt, Gleichberechtigungsfragen spielen bei mir ohnehin schon länger eine Rolle. Natürlich setzt die soziale Isolation dem Ganzen dann so ein bisschen die depressive Krone auf, aber zu dem Zeitpunkt hat sich auch das noch nicht aufs Schreiben ausgewirkt, weil es im Sommer ja auch erstmal wieder ganz chillig war.

Du hast gerade mehrere Themen angerissen, die momentan viele Menschen beschäftigen. Was macht Dir in dieser chaotischen Zeit eigentlich am meisten Angst?

Gute Frage. Ich kann mir nicht ein Thema herauspicken und zum Beispiel sagen: Die Klimakrise macht mir am meisten Angst. Ich glaube, am meisten Angst macht mir das Gefühl, dass ich dem Menschen langsam nicht mehr zutraue, sich in Krisen humanistischer zu verhalten. 

Warum hat sich dieses Gefühl eigentlich in den letzten Jahren so verstärkt? Viele dieser Probleme sind ja nicht neu, und trotzdem erdrücken sie uns mehr als vorher. Hast du dafür eine Erklärung?

Aufklärung. Es ist doch ganz simpel: Wir sind alle nicht mit solchen Themen aufgewachsen, zumindest in meiner Blase wurde darüber nie gesprochen, in meinem Elternhaus wurde darüber nie gesprochen. Ich bin weder feministisch noch politisch groß geworden. Alles, womit wir uns gerade befassen, hat mehr Raum bekommen seit damals. Die mediale Präsenz und die öffentliche Diskussion ist lauter geworden, dadurch wird sich mehr unterhalten, wodurch sich die mediale Präsenz wiederum noch einmal verstärkt. Ganz hart und ekelhaft gesagt, ist es auch eine Art Trend, dass man sich mehr mit etwas befasst, was eigentlich schon immer da war.

Woher kommt dieser Trend?

Es ist vielleicht auch eine Art Luxus, sich damit zu beschäftigen. Für unsere Generation ist der Krieg schon sehr lange her, wir haben deshalb also die Möglichkeit und Kraft, uns mit anderen Dingen zu befassen – so traurig das klingt. Ich bin der festen Überzeugung, dass viele unserer aktuellen Probleme schon immer da waren, aber ich find's gut, dass jetzt mehr über sie gesprochen wird. Das macht was mit den Menschen. Verantwortung ist in dem Zusammenhang ein entscheidendes Wort.

Aber Luft nach oben ist trotzdem noch, oder?

Da geht auf jeden Fall noch mehr. (lacht) Wenn ich zurück in das Dorf gehe, aus dem ich komme, stelle ich fest, dass die Leute dort immer noch dieselben rassistischen Floskeln benutzen wie vor zehn Jahren. Ich sehe da keinen großen Unterschied. Die Generation der heute 20-Jährigen, die mit dem Internet aufgewachsen ist, hat diesbezüglich zwar schon viel Veränderung angeschoben – das Wissen schwappt schließlich längst überall hin, egal, wo man wohnt. Aber diese Veränderung wird erst dann Realität, wenn der Algorithmus auch vom sozialen Umfeld gepflegt wird.

Wie meinst du das?

Es werden zum Beispiel immer neue Arten von Diskrimierung angesprochen, die bisher übersehen wurden, bei denen noch gar nicht viel passiert ist. Das Fass hat halt keinen Boden. Das ist ein hochkomplexes Thema, das man nicht einfach abhaken kann und dann sind wir plötzlich eine supercoole Gesellschaft und alles ist wunderbar. Aber dieses Bewusstsein muss erstmal in alle Köpfe sickern.

Es wird zwar mehr diskutiert, das ist besser als früher – aber gleichzeitig singst du eine Zeile wie: "Du fehlst mir wie die Kindheit." Bist du etwa Nostalgikerin?

Überhaupt gar nicht. Ich will nicht mehr Kind sein und nicht in diese Zeit zurück. Für mich hat eine ganz neue Freiheit begonnen, indem ich mich mit so vielen unterschiedlichen Sachen auseinandersetzen kann, und ich fühle mich viel wohler als vor 15 Jahren – allein, weil ich das Gefühl habe, dass ich über Dinge reden kann und dass mir zugehört wird, ohne dass ich direkt in eine Politikschublade gesteckt werde. Denn wenn ich mich als Musikerin zum Thema Feminismus äußere, wäre ich früher ab dem Moment nur noch zu diesem Thema befragt worden. Das ist eine tolle Entwicklung und es fühlt sich für mich an, als hätte ich heute viel mehr Luft zum Atmen.

Und was bedeutet die Zeile dann stattdessen für dich?

Die bezieht sich eigentlich gar nicht auf meine private Kindheit. Es geht da um etwas anderes: Die Sehnsucht nach einer Zeit, die vorbei ist, ist die krasseste Sehnsucht, die man haben kann, weil sie absolut ist. Die Sehnsucht nach einem Menschen oder einem Ort birgt immer eine gewisse Hoffnung. Aber wenn man sich nach einer Zeit zurücksehnt, dann ist diese Zeit safe vorbei und wird nie wieder passieren. Das ist ein bisschen wie der Gedanke an den eigenen Tod. Und darum geht es auch in dem Satz "Du fehlst mir wie die Kindheit" – und weniger um meine eigene Kindheit in den 80ern oder 90ern.

Das bedeutet eigentlich im Umkehrschluss, dass Nostalgie ganz schön gefährlich für die Psyche ist.

Ich glaube auch, dass das beim Altern die größte Herausforderung ist. Man sollte so früh wie möglich damit aufhören, sich an seine 20er zu erinnern, sonst setzt schnell eine Verbitterung ein – weil man eben nichts daran ändern kann, dass man immer älter wird.

Apropos bitter: Der düstere Song "Tier" ist ein Highlight auf der Platte. Was fasziniert dich am Vergleich beziehungsweise den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Mensch und Tier?

Mich hat eher fasziniert, dass der Mensch sich immer so vom Tier abgrenzt. Das kommt ja auch vom christlichen Glauben, dieses: Der Mensch hat eine Seele, und das Tier ist ihm untergeordnet. Das sehe ich anders – mal abgesehen davon, dass ich kein gläubiger Mensch bin. Der Mensch hat vielleicht mehr Hirn als das Tier, er benutzt es aber auch nicht besser. Ich finde einfach absurd, dass dem Menschen durch die Evolution die Fähigkeit gegeben wurde, sich selbst zu hinterfragen, er es aber gar nicht so nutzt, wie er es könnte. Letztlich verhält sich der Mensch also wie jedes andere Tier auch, nur mit vollem Bewusstsein.

Mensch und Tier sind also gleichzusetzen.

Ich finde es gut, wenn Mensch und Tier auf eine Stufe gestellt werden. Letztlich ist unsere Respektlosigkeit gegenüber der Natur und den Tieren nur anerzogen. Wir sind es so gewohnt. Das ist schon ein bisschen gruselig.

Es gibt in der Mitte des Albums mit "Eiscreme" und "Lambadaimlimbo" nur eine kleine Verschnaufpause der Leichtigkeit, davor und danach dominieren die schweren Themen. Warum?

Ich habe zu Beginn die ganzen schweren Songs geschrieben wie "Hinüber", "Mein Herz" oder "Tier". Und irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich noch was Leichtes haben wollte. Es ist nämlich so: Ich schreibe Alben meistens so, wie ich sie gerne hören würde. Ich finde zwar auch Alben, die durchgehend supertraurig sind, voll geil – aber die Alben, die ich am meisten höre, sind sehr abwechslungsreich, nicht nur thematisch, sondern auch vom Sound und der Produktion. Ich finde es schön, wenn man überrascht wird.

Und so bist du auf "Eiscreme" gekommen.

Das war letztes Jahr im Sommer und eigentlich ist mir nichts mehr eingefallen, worüber ich schreiben wollte. Und dann bin ich in die Eisdiele gegangen, in die ich jeden Tag gehe. (lacht) Also wirklich: Ich liebe einfach Essen, und Eis ist mein allerliebstes Essen. Also dachte ich plötzlich: geil, über Eis schreiben! Und es war so einfach, darüber zu schreiben, so unanstrengend. Plötzlich konnte ich über Pistazien singen. Es war wie ein Ausflug ins Kinderspielparadies.

Es ist also quasi das schönste Liebeslied, das du überhaupt nur schreiben könntest.

(lacht) Ja, voll. Der Song ist auch der letzte, den ich für das Album geschrieben habe.


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