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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Wie "Lehrerschmidt" zum Youtube-Star und Mathe-Guru meiner Kids wurde

Mathelehrer Kai Schmidt hat auf Youtube mehr als eine Million Abonnenten
Mathelehrer Kai Schmidt hat auf Youtube mehr als eine Million Abonnenten
© Kirsten Nijhof / Picture Alliance
In Mathematik gehörte ich in der Schule in die Kategorie "hoffnungsloser Fall". Wie gut, dass meinen Kindern heute jemand Mathe erklärt, der es wirklich kann: Youtube-Guru "Lehrerschmidt".

Er sieht wirklich nicht aus wie ein typischer Youtube-Star, ist aber definitiv einer. Denn von über einer Million Abonnenten träumen die meisten selbsternannten InfluencerInnen oft ihr ganzes digitales Leben lang. Kai Schmidt hat inzwischen 1,2 Millionen und täglich werden es mehr. Dazu braucht er keine blauen Haare, keine Beautytipps, gesponserte Beach-Trips nach Dubai oder schräge Tänze zu lauter Hip-Hop Mucke. Er erklärt schlicht und einfach Mathematik. Aber er macht es so, dass sogar absolute Null-Checker der Zahlen wie ich ihm locker folgen können.

Wenn meine Kinder bei den Hausaufgaben oder dem Nacharbeiten des in der Schule vermittelten Lehrstoffes mal nicht weiter wissen, fragen sie meine Frau. Wenn selbst meine Gattin, die auch mathematisch wirklich viel drauf hat, mal Fragezeichen in den Augen hat, wird ein Video angeklickt: von Lehrerschmidt. Davon gibt's inzwischen rund 1700 zu allem, was man rund um Zahlen, Rechenwege und Formeln fragen kann. Einfach und locker erklärt, auf Karopapier mit Stift vom netten Herrn Schmidt, der auch im echten Leben Lehrer ist. "Seine SchülerInnen haben es echt gut", bemerkte meine kleine Tochter Holly kürzlich mit einem Seufzen, "die haben YouTube jeden Tag live im Unterricht". 

Vom Schulserver ins Internet

Kai Schmidt übernahm 2016 die Abschlussklasse an einer Hauptschule. Er stellte fest, dass seinen SchülerInnen jede Menge mathematische Basics fehlten. In den anstehenden Prüfungen drohte ein Debakel. Also begann er, parallel zum Unterricht, kleine Erklärvideos zu erstellen. Dank der hilfreichen Clips holten die Kids ihre Defizite schnell auf, der unorthodoxe Lehrer wurde abgefeiert. Anfangs waren die Filmchen nur über den Schulserver abrufbar, aber der war bald überlastet. Also stellte Herr Schmidt die Erklärfilme "nicht öffentlich" auf YouTube.

Aber seine digital affinen SchülerInnen kopierten sie und verbreiteten sie in WhatsApp Gruppen zügig weiter. Immer mehr Kinder - auch außerhalb seiner Schule - kamen in den Genuss der ganz besonderen Didaktik von Kai Schmidt. Der wunderte sich, wieso jedes Video ruckzuck 150 Klicks hatte, obwohl in der Klasse nur 19 SchülerInnen büffelten. Die Antwort war kollektives Grinsen. Inzwischen sind die Clips öffentlich für alle Lernenden im Netz verfügbar, auch Eltern, Großeltern und NachhilfelehrerInnen nutzen sie begeistert. 

Das Problem mit der Mathe-Angst

Meine Eltern hatten zu meiner Schulzeit keinen digitalen Nachhilfelehrer, sie fanden eine analoge Fachfrau: Frau Pfennig. Bezahlt wurde sie in D-Mark. Sie hatte eine Engelsgeduld und war vor allem eine gute Psychologin. Bei mir hatte sich damals eine regelrechte Mathe-Phobie aufgebaut. Wenn eine Klassenarbeit nahte, konnte ich schon Tage vorher nicht schlafen. "Die Angst", war mein Standardspruch, meine Mutter erzählt mir heute noch davon, wenn wir uns im Familienkreis treffen. Inzwischen lachen wir darüber, damals war mir alles andere als nach Heiterkeit zumute.

Die Angst sorgte für eine massive Blockade. Ich sah im Klassenzimmer den Bogen mit den Aufgaben vor mir und konnte nicht anfangen - die Wand voller Fragezeichen, hatte keinen Exit. Also vergeigte ich regelmäßig die Arbeiten, meine Note auf dem Zeugnis war entsprechend. 

Mit meiner Angst vor Mathe bin ich übrigens nicht alleine. Die Lernplattform scoyo fand kürzlich in einer Studie gemeinsam mit der Stiftung Rechnen heraus, dass sich nahezu jedes zehnte Kind vor dem Schulfach fürchtet. Weniger als die Hälfte der Befragten SchülerInnen der Klassen 1 bis 7 haben wirklich Spaß am Rechnen. Dr. Silke Ladel, Professorin für Didaktik mit dem Schwerpunkt Mathematik an der Universität des Saarlandes, bringt es in zwei Sätzen auf den Punkt: "Entscheidend ist, dass Lehrpersonen und Eltern Kindern gemeinsam eine positive Einstellung zur Mathematik vermitteln. Dies gelingt, wenn Kinder deren Anwendungsbezug im Alltag erfahren oder durch einen spielerischen Umgang mit mathematischen Handlungen motiviert sind."

Frau Pfennig nahm mir die Angst, sie war eine Art früher Checker Tobi. Sie erklärte mir Mathematik spielerisch, fand Bezugsgrößen, die mit meinem Leben zu tun hatten: "Frank, lass uns mal den Flächeninhalt Deiner BRAVO berechnen." Die von mir verhassten Textaufgaben füllte sie mit einer Story über den Fahrradverleih, den ich gemeinsam mit meinem Bruder betrieb. Auf dem Turf war ich sicher und es machte mir plötzlich Spaß, das Verhältnis von vermieteten, freien und defekten Fahrrädern in mathematische Gleichungen zu gießen. "Bestes Storytelling" würde ich heute dazu sagen, die Frau hatte es wirklich drauf und wir lachten viel in den Nachhilfestunden. 

Irgendwann war die Angst weg. Ich schrieb eine Drei Plus, für einen wie mich war das wie ein verliehener Nobelpreis. Ich brachte Frau Pfennig eine Packung Merci mit und Jahrzehnte später schrieb sie mir einen Brief, weil sie eine meiner "stern-Stimmen"-Kolumnen gelesen hatte. Nun kommt sie selbst als Heldin darin vor und ich kann ihr auch 39 Jahre nach meinem Abi nicht oft genug Danke sagen.

Die leidenden Mathekids von heute haben zum Glück Lehrerschmidt. Meine älteste Tochter Emily, inzwischen selbst eine großartige Lehrerin, hat überhaupt nichts gegen den auf YouTube erklärenden Kollegen aus Uelsen. Mit einem schelmischen Lächeln sagte sie mir: "Besser die Kids schauen rund um die Uhr Lehrerschmidt als die Elevator Boys."


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