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Studie zur Jobsuche Experiment zeigt: In "Frauenberufen" haben Männer schlechtere Bewerbungschancen

Forschende haben Geschlechterdiskriminierung bei Bewerbungen untersucht
Forschende haben Geschlechterdiskriminierung bei Bewerbungen untersucht
© alvarez / Getty Images
Nicht nur Frauen werden am Arbeitsmarkt diskriminiert. Ein wissenschaftliches Experiment zeigt: In einigen Berufen haben männliche Bewerber schlechtere Karten.

Wenn von Geschlechterdiskriminierung am Arbeitsmarkt die Rede ist, geht es meist um die Benachteiligung von Frauen. Im Schnitt verdienen sie immer noch weniger als Männer, sie sitzen seltener in Führungspositionen und hatten auch in der Corona-Krise oft größere Lasten zu tragen. Doch es geht auch andersherum: Ein internationales Forscherteam hat nun festgestellt, dass in Teilen der Arbeitswelt die Männer diskriminiert werden.

Demnach haben männliche Bewerber schlechtere Chancen zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden als weibliche, wenn sie sich auf einen typischen "Frauenberuf" bewerben. Für männlich dominierte Berufe konnten die Wissenschaftler hingegen keine solche Benachteiligung weiblicher Bewerber feststellen.

Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschenden des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und anderen europäischen Wissenschaftlern, die in der Zeitschrift "European Sociological Review" erschienen ist. Die Arbeit basiert auf einer länderübergreifenden Feldstudie in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und den USA. 

Experiment für sechs Berufe

Das Experiment funktionierte so: Zunächst sendeten die Forschenden Tausende fiktive Bewerbungen auf reale Stellenangebote – und analysierten im Anschluss die Antworten der Arbeitgeber. Die Bewerbungen waren für junge Männer und Frauen im Alter von 22 bis 26 geschrieben und zielten auf offene Stellen in drei männlich dominierten Berufen – Softwareentwicklung, Vertrieb, Koch – und drei Berufen, in denen mehr Frauen arbeiten – Lohnbuchhaltung, Empfangsmitarbeiter, Verkäufer. Rund 4300 Antwortschreiben von Arbeitgebern flossen in die Auswertung ein.

In vier der sechs Länder zeigte sich, dass Männer in vermeintlichen Frauenberufen schlechtere Karten haben. Die Wahrscheinlichkeit, auf eine Bewerbung eine Rückmeldung zu bekommen war in Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Großbritannien für männliche Bewerber um fünf bis neun Prozent niedriger als für weibliche. In Norwegen und den USA gab es hingegen keine Hinweise auf die Diskriminierung männlicher Bewerber. 

Diskriminierung in Deutschland

Am deutlichsten waren die Ergebnisse für Deutschland. "In Deutschland mussten bei Stellenangeboten als Verkäufer männliche Bewerber zum Beispiel fast doppelt so viele Bewerbungen schreiben, um zum Vorstellungsgespräch eingeladen oder um weitere Informationen gebeten zu werden", erklärt Studienautor Jonas Radl vom WZB.

Frauen wurden hingegen in keinem der untersuchten Länder und Berufe benachteiligt, auch nicht in den vermeintlichen Männerdomänen. Die Forschergruppe folgert daraus, dass manche Vorstellungen über die Diskriminierung von Frauen im Arbeitsmarkt möglicherweise nicht mehr zeitgemäß sind. "Wir müssen unsere Annahmen überprüfen, dass Frauen immer die benachteiligte Gruppe sind. Geschlechtsspezifische Diskriminierung ist offensichtlich komplexer", sagt Studienautorin Gunn Elisabeth Birkelund von der Universität Oslo.

Abschließend empfehlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weitere Forschung zum Thema, da die Aussagekraft der Studie ihre Grenzen hat. Zum einen könnten die Ergebnisse anders ausfallen, wenn andere Berufe und ältere Bewerber in den Blick genommen werden. Zum anderen konnte in dem Experiment nicht untersucht werden, welcher der fiktiven Bewerber oder Bewerberinnen am Ende tatsächlich den Job bekommen hätte, und wie die Bezahlung und weiteren Karrierechancen aussehen.


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