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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Mein wertvollstes Zeugnis bekam ich nicht in der Schule

Outward Bound Mountain School
Schule fürs Leben: die "Outward Bound Mountain School" in der britischen Wildnis
© privat
Letzte Woche gab es in NRW die Halbjahres-Zeugnisse. Als ich meine beiden Kinder zum Abholen ihrer DIN A4-Blätter fuhr, fiel mir ein Zeugnis ein, das ich vor 40 Jahren überreicht bekam: In einer ganz besonderen Schule, an der ich die wirklich wichtigen Lektionen lernte.

Meine Schulzeit war eine Achterbahnfahrt. Es gab gute Jahre und welche, da schrammte ich auch mal kurz am Abstieg aus der Klasse vorbei. Französisch machte mir Probleme, ich schob es auf den Lehrer. Auch in Mathematik war ich nie die hellste Kerze auf der Torte. "Nur Geld zählen, das kann der Frank", sagte mein Vater immer kopfschüttelnd, wenn ich es trotz Nachhilfe mal wieder mit Hängen und Würgen auf eine Vier geschafft hatte.

Warum ich irgendwelche Wurzeln aus Pi ziehen sollte oder wozu ich Geometrie verstehen musste, war mir damals ein Rätsel, das ich nicht gewillt war zu lösen. In Deutsch war ich dagegen top, Aufsätze fielen mir leicht, Literatur interessierte mich brennend. Kunst gehörte auch zu meinen Stärken, ebenso Englisch, Geschichte und Spanisch. 

Adventure-Camp im britischen Nirgendwo

Als ich 17 wurde, beschlossen meine Eltern, dass ein Auslandsaufenthalt in einem Camp meinen Horizont erweitern sollte. "Da lernst du was fürs Leben", waren die Worte meiner Mutter. Also stieg ich an einem Morgen im Frühjahr des Jahres 1981 in eine "Trident Three" Maschine der British Airways nach Manchester. Von dort ging es mit der Bahn weiter nach Eskdale, in der englischen Grafschaft Cumbria. Landschaftlich idyllisch im "Lakeland" gelegen, aber sonst war da eigentlich nichts los.

Genau das hatten sich meine Eltern gewünscht, denn der Fokus sollte nicht auf Party und Spaß liegen, sondern anderswo. Mit Abstand ein absolut weiser Plan, als Youngster sah man das naturgemäß anders. Als einziger Deutscher unter lauter Briten begann mein dreiwöchiger Kurs an der "Outward Bound Mountain School". Jeden Morgen ging es in aller Herrgottsfrühe zu einem Lauf durch den stockdunklen Wald, bevor wir alle auf Kommando in einen eiskalten See springen mussten. Nass und bibbernd ging es zurück in das Schloss-ähnliche Gebäude, das einem Harry-Potter-Film entsprungen sein könnte. Erst dann gab es ein Frühstück. 

Ich fluchte innerlich, sobald der lautstarke Weckruf eines kernigen Betreuers durch die Flure hallte, aber man gewöhnt sich schließlich an alles. Nach ein paar Tagen machte mir der Frühsport gar nichts mehr aus, im Gegenteil. Wir wurden eine verschworene Gemeinschaft, es hatte was vom besonderen Spirit der Jungsclique aus dem Film "Der Club der toten Dichter", einem meiner absoluten Lieblingsfilme.

Meine Mutter führte immer akribisch Fotoalbum, auch über meinen Adventure-Trip nach England. Kajak-Fahren, Bergsteigen, Expeditionen standen fortan drei Wochen lang auf meinem Tagesprogramm. Immer ging es darum, sich in Gruppen zurechtzufinden, ein Teamplaner zu sein und echte Herausforderungen in der Natur zu meistern. Ich war Mitglied der "Nansen-Patrol" wie unsere Crew hieß.

Die führte ich bei der "final expedition" an und wir lösten als Team am besten alle Herausforderungen. "Frank demonstrated much ability as a leader", stand am Ende in meinem Personal Report. Meine Eltern waren schwer beeindruckt. Besonders gefiel meinem Vater, dass in dem Bericht ebenfalls stand, dass sein Sohn auch den britischen Humor zu schätzen wusste und ein amüsanter Unterhalter an den Gemeinschaftsabenden war. 

Journalistin Marlene Göring auf der Polarstern-Expedition

Erfahrungen fürs Leben

Vor Antritt der Reise war ich wenig begeistert gewesen, dass ich während der laufenden Fußball-Bundesliga-Saison in einem abgelegenen englischen Tal jeden Tag durch die Berge kraxeln sollte. Mir gefiel es daheim auf der Couch mit der Sportschau im Fernsehen eigentlich ganz gut. Aber meine Eltern waren in derartigen Erziehungsfragen zu keinerlei Kompromissen bereit: "Das tut dir gut und ist die beste Unterstützung für deinen Englisch-Leistungskurs." Ende der Diskussion.

Heute betrachte ich den damaligen Trip als eine der wertvollsten Erfahrungen meiner gesamten Schulzeit. Ich habe dort in der britischen Bergschule jede Menge wertvolle Lektionen über Leadership gelernt, die mir in meiner gesamten späteren Karriere geholfen haben: Rücksicht zu nehmen auf die Schwächeren innerhalb einer Gruppe, jeden Einzelnen und seine Stärken zum Wohle aller einzusetzen, stets für einen guten Teamspirit als Grundlage für gemeinsame Erfolge zu sorgen.

Meine Eltern überließen mir das in blauer Schrift gedruckte Zeugnis und ich legte es später jeder meiner Bewerbungen bei. Es sorgte immer direkt für eine besondere Aufmerksamkeit und war bei Personalverantwortlichen ein guter Anknüpfungspunkt für ein Gespräch, das tiefer ging. Auch wenn keine einzige Note in dem Bericht stand, waren die prägnanten Sätze der erfahrenen Coaches über mich und mein Leadership-Potenzial wertvoller als die Zensuren in allen anderen Zeugnissen zusammen.

Einer meiner früheren Chefs gestand mir später, dass er sich die anderen Unterlagen gar nicht intensiver angesehen hätte. Dafür hatte er den Outward-Bound-Report genau studiert: "Da stand alles drin, was dich wirklich ausmacht!"

Nachdem wir die Schulzeugnisse unserer Kinder ausgiebig gelobt hatten, erzählte ich von meinem damaligen Trip. Meine Tochter und mein Sohn lauschten interessiert und fragten anschließend Google. Dort fanden sie die Homepage von Outward Bound. Die Trainings gibt es immer noch. Nun wollen beide später da auch hin, obwohl ihnen der allmorgendliche Sprung in den kalten See noch nicht ganz geheuer ist. "Aber wenn der Papa das überlebt hat, schaff ich das locker", tönte mein Junior. Ich freue mich jetzt schon auf sein Zeugnis.


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