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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Ferien wie früher statt Pauschalreise: Die Wiederentdeckung der Urlaubs-Freiheit

Entspannung im Strandkorb auf Sylt
Entspannung im Strandkorb auf Sylt
© privat
Jahrelang haben wir als Familie Pauschalreisen gebucht. Es war einfach, es war bequem, wir mussten uns um nichts kümmern. Seit Corona haben wir umgedacht, wir sind wieder - wie früher - auf eigene Faust unterwegs. Und stellen fest: Es ist großartig.

"Sie haben ihn sich verdient" lautete der Werbeslogan eines großen deutschen Reiseveranstalters und auch ich habe regelmäßig genickt und anschließend die Anzahlung überwiesen. Wir waren in Clubanlagen, die alle so hießen, wie der auf einer einsamen Insel gestrandete Seefahrer aus dem Roman von Daniel Defoe. Weil wir so oft buchten, wartete immer bereits eine gekühlte Flasche Champagner zusammen mit einem gut gefüllten Obstkorb auf dem Zimmer.

Abends tanzten wir auf dem Schachbrett gemeinsam mit unseren Kindern zu einprägsamen Melodien im Kreis, die Hand in der grauen Flosse eines plüschigen Seehunds mit Sonnenbrille. Zusammen mit anderen Eltern der legeren Polohemd- und Sommerkleidchen-Fraktion saßen wir an Achtertischen und für die "White-Night" hatten wir selbstverständlich die passenden Outfits dabei. Alles war easy und locker, so wie die Ansprachen der Clubchefs vor den Shows. 

Ein paar Jahre später schipperten wir mit blauen Schiffen durchs Mittelmeer, besichtigten alles, was es zu besichtigen gab und speisten mit Blick ins Blaue. Am Abend begrüßte der Kreuzfahrtdirektor, ganz in weiß, im schicken High-Tech-Musical-Theater die Gäste an Bord und endete stets mit dem gleichen Satz: "Was immer Sie auch tun, tun Sie es mit einem Lächeln im Gesicht." Haben wir gemacht. Hart war allerdings für alle Familienmitglieder der frühe Treff am Sammelpunkt für die Landausflüge. "7:25 Uhr an der Bord-Bar auf Deck 4". Vorbei. Corona sorgte erstmal für Clubschließungen und die Kreuzfahrtschiffe dümpelten lange Zeit weit vor den Häfen auf See.

Inselentspannung statt Terminstress

Also planten wir frühzeitig um, wollten trotz aller Beschränkungen maximale Freiheiten, so wie ich es aus meiner Kindheit kannte, als man auf eigene Faust irgendwo hinfuhr und Ferien machte, so wie in den Saltkrokan-Geschichten von Astrid Lindgren. Wir mieteten ein Häuschen auf Sylt, fuhren mit Hund und dem vollgepackten eigenen Auto los. Das aus rötlichen Backsteinen gemauerte Haus mit Reetdach und eigenem Garten sah vielversprechend aus, so idyllisch wie man es in der beliebten ZDF-Vorabendserie "Der Landarzt" über Jahre aus dem Norden ins heimische Wohnzimmer gesendet bekam.

Als wir es live in Augenschein nahmen, war es noch viel schöner. Die Kinder jubelten über ihre Zimmer unter Holzbalkendecken, der Hund genoss den Garten, meine Frau den Kamin und ich den Ausblick in die Dünen. Morgens holten wir frische Brötchen beim Inselbäcker Raffelhüschen und fuhren nach dem Frühstück zum Weststrand. Mit Blick in die Ferne saßen wir in blau-weißen Strandkörben, blinzelten in die Sonne, lauschten dem Sound der Wellen, an dem man sich nie satthören kann. Die Kinder spielten begeistert Beachvolleyball und kannten in kürzester Zeit alle AltersgenossInnen am Strand. 

Wir hatten keine Termine, mussten nie zu irgendeiner Zeit irgendwo sein. Auf Restaurantbesuche hatten wir verzichtet, es war uns zu nervig mit Maske, Luca-App und täglichen Tests der Kinder. Stattdessen schmierten wir uns Lunch-Butterbrote, holten wie früher Langnese-Eis am Bretterbuden-Kiosk hinter der Düne und genossen die ungetimte Freiheit. Wir blieben so lange, wie die Sonne uns wärmte, legten die Uhren ab, trafen Bekannte und quatschten im Sand ohne Anschlusstermine. Die Kinder probierten sich im Wellenreiten, ich las mehr Bücher als im bisherigen Jahr zusammen.

Es war, als ob der Sommer nie zu Ende geht. Corona? Ganz weit weg. Als die Sonne ging, gingen wir auch, mit unseren Rucksäcken über die Holztreppe. Ein Blick zurück, morgen würden wir wieder kommen. Oben war Handy-Empfang, unten am Strand nicht. Herrlich entspannend, keine Anrufe, keine Push-Mails. Kein Instagram. Vermisst hat es niemand. 

"Können wir im nächsten Jahr wieder so einen Urlaub machen?"

Wir riefen beim Lister Fischhaus an, orderten das Abendessen und holten es auf dem Rückweg ab. Diniert wurde in unserem temporären Garten, Sand an den Füßen, Sonnencreme im Gesicht. Ein paar Frösche quakten im Hintergrund. Nach dem Essen ging es rein, an den großen Holztisch vor dem Kamin. Es wartete das Abendritual: Monopoly, allerdings in der Sylt-Edition von der Kaufhausikone in Westerland, HB Jensen. Die auf die Insel zugeschnittene Ausgabe des Brettspiel-Klassikers macht gute Laune, selbst wenn man auf dem Gemeinschaftsfeld schon mal für "Falschparken in Kampen" zur Kasse gebeten wird. Ich war final pleite, als ich bei meinem Sohn auf die "Whisky-Meile", formerly known als "Schlossallee" lief. Ein köstlicher Spaß.

Wir hatten einen Flachbildschirm im Wohnzimmer, den wir allerdings nie einschalteten. Wir schauten keine Nachrichten, auch die Olympischen Spiele fanden ohne uns statt. Wir hatten unsere eigenen. Wichtiger als Wahlkampf oder Impfquoten war für uns, wann die Sonne am nächsten Morgen aufging und dass noch genügend Dolomiti-Eis im Tiefkühlfach war. Die Kinder schliefen täglich erschöpft aber glücklich ein und am letzten Tag hatten sie nur einen Wunsch: "Können wir im nächsten Jahr wieder so einen Urlaub machen?"

Wir Eltern brauchten nicht lange nachdenken, denn die neue Freiheit der komplett selbstbestimmten Tagesgestaltung ohne Essens- oder Entertainmentzeiten hat auch uns unglaublich gut gefallen. Zur Pauschalreise werden wir so schnell nicht mehr zurückkehren. Direkt vor Ort auf der Insel buchten wir daher nicht nur für 2022, sondern reservierten unser Traumhaus am Meer auch bereits für 2023.


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