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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Früher wäre mir die Wahlentscheidung viel leichter gefallen...

Wahlplakat von Helmut Schmidt 1976
Wahlplakat von Helmut Schmidt 1976
© Peter Popp/DPA / Picture Alliance
Vom Wahlkampf bin ich ebenso wenig begeistert wie von den unterschiedlichen Typen, die an der Spitze  zur Auswahl stehen. Deshalb dachte ich in den letzten Tagen oft zurück an meinen vor 45 Jahren ersten bewusst erlebten Bundestagswahlkampf.
Von Frank Behrendt

Spätsommer 1976. Ich war 13 Jahre jung und es lief der Bundestagswahlkampf. An der Hauptstraße im beschaulichen Städtchen Otterndorf an der Nordseeküste hingen überall Plakate. Auf einem, genau gegenüber dem Café Brüning, blickte mir unter einer dynamischen schwarz-rot-goldenen Deutschlandflagge ein entschlossener Helmut Schmidt direkt in die Augen.

Den Spruch dazu habe ich heute nicht mehr genau im Kopf, aber Google hilft natürlich auch bei dieser Fragestellung sekundenschnell: "Den Nutzen unseres Volkes mehren, Schaden von ihm wenden und für Freiheit und Gerechtigkeit sorgen. Dafür arbeiten wir weiter." Darunter die geschwungene, blaue handschriftliche Signatur des seit 1974 amtierenden Bundeskanzlers. 

"Schmidt-Schnauze", wie der smarte SPD-Politiker gerne scherzhaft aufgrund seiner Redegewandtheit genannt wurde, machte optisch was her. Er hatte fast eine Filmstar-Aura mit dem akkurat sitzenden Scheitel, seinen silbernen Strähnen im Haar und den markanten Gesichtszügen. Aber der Mann kam nicht nur auf Plakaten gut rüber, er war auch ein Fels in der Brandung, wenn es darauf ankam. 1962 wurde Hamburg von einem Jahrhunderthochwasser bedroht, 315 Menschen kamen damals ums Leben. Helmut Schmidt war Innensenator in der Hansestadt und koordinierte den Großeinsatz der Rettungskräfte.

"Den konnte man schicken"

Während heutzutage den verantwortlichen Politikern im vergleichbaren Krisenfall oft Zögern und Zaudern vorgeworfen wird, von unpassenden Lachern im Katastrophengebiet mal ganz abgesehen, handelte der passionierte Segler Schmidt konsequent. Er scherte sich nicht um Formalitäten, sondern forderte sogar die Bundeswehr an, obwohl es seinerzeit noch gegen die Verfassung verstieß, dass Streitkräfte für zivile Aufgaben im Land herangezogen wurden. Sein vorbildliches Wirken im Jahr vor meiner Geburt hat meine Eltern schwer beeindruckt, nicht nur für sie genoss er als Typ und "Macher" fortan geradezu Heldenstatus.

Auch später musste er das Land durch Krisenzeiten steuern. 1977 erschütterte der Terror der "Rote Armee Fraktion" (RAF) Deutschland, es gab kaum eine Ausgabe der "Tagesschau", in dem dieses furchtbare Thema nicht vorkam. Ich erinnere mich an die Bilder von der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut". Die Airline mit dem Kranich im Logo, die unsere Familie Jahre zuvor sicher und zuverlässig in unsere temporäre neue Heimat Brasilien und wieder zurück nach Frankfurt geflogen hatte, stand plötzlich im Fadenkreuz von Terroristen. 

Helmut Schmidt befiehlt im Oktober 1977 die Erstürmung des Jets in Mogadischu. Das Sondereinsatzkommando "GSG 9" befreit die Geiseln, drei der vier Entführer werden erschossen, die RAF-Köpfe Ensslin, Baader und Raspe nehmen sich danach in ihren Gefängniszellen das Leben. Es waren furchtbare Tage, die auch für den damaligen Bundeskanzler eine schwere Prüfung waren. Der leidenschaftliche Schachspieler Schmidt hat die Lage analysiert, überlegt und entschlossen gehandelt. Seine Geradlinigkeit, seine Konsequenz und seine Führungsstärke haben mich nachhaltig beeindruckt.

Als während meiner Schulzeit ein Austausch mit einer französischen Partnerschule vereinbart wurde, erlebte ich hautnah, wie unser erster Mann im Staat auch im Ausland allerhöchstes Ansehen genoss, da Helmut Schmidt einen intensiven Kontakt mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d`Estaing pflegte. Die beiden riefen den Weltwirtschaftsgipfel ins Leben, aus dem die späteren G8-Treffen hervorgingen. Ich habe das staatsmännische Auftreten unseres früheren Kanzlers in aller Welt immer bewundert, "den konnte man schicken", kommentierte mein Onkel Friedemann damals. 

Der spezielle Faktor: Format

Ich bin ganz ehrlich: Ein Typ wie Helmut Schmidt, gerne auch in einer weiblichen Ausgabe, fehlt mir aktuell auf dem Wahlzettel, egal für welche der relevanten demokratischen Parteien sie oder er antreten würde. Es geht mir dabei nicht darum, den vorhandenen KandidatInnen die Eignung abzusprechen. Sie haben – wie wir alle – ihre individuellen Stärken und Schwächen. Für mich gehört als entscheidender Indikator für die optimale Tauglichkeit im Kanzleramt allerdings noch ein spezieller Faktor dazu: Format.

Über "Format haben" steht im geschätzten Duden: "Stark ausgeprägtes Persönlichkeitsbild, außergewöhnlicher Rang aufgrund der Persönlichkeit, bedeutender Fähigkeiten o.Ä." – all das traf auf den eloquenten gebürtigen Hamburger mit dem Allerweltsnachnamen Schmidt zweifelsohne zu. Wenn ich derzeit höre oder lese, dass viele BundesbürgerInnen nicht so recht wissen, für welche Partei sie denn votieren sollen, dann hat das aus meiner Sicht auch damit zu tun, dass allen drei KandidatInnen etwas zum vollständigen Ausfüllen des Spitzenamts fehlt: Das besondere Etwas, das Weltgewandte, das maximal Vertrauenswürdige, das Kantige und Klare.

Auch mir fällt die Wahl in diesem Jahr besonders schwer, aber als überzeugter Demokrat mache ich selbstverständlich von unserem in der Verfassung verbrieften Wahlrecht Gebrauch und hoffe, dass es möglichst viele Mitbürgerinnen und Bürger ebenso handhaben. Als ich vor ein paar Tagen in meiner alten Heimat im hohen Norden war, hingen wieder die Wahlplakate an der Hauptstraße, auch vor dem altehrwürdigen Café Brüning. Wenn ich sie mir jetzt nochmal im inneren Rückspiegel vor Augen führe, sehe ich auf allen allerdings nur Helmut Schmidt.


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