VG-Wort Pixel

F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Wertschätzung – die wertvollste Währung der Welt

Dirk Nowitzki bei der Trikotzeremonie in Dallas
Dirk Nowitzki bei der Trikotzeremonie in Dallas
© Lm Otero / DPA
Kürzlich sah ich mir gemeinsam mit meinem Teenie-Sohn Josh das "Jersey-Retirement" von Dirk Nowitzki an: Sein Trikot mit der Nummer 41 wurde unter die Hallendecke gezogen. Eine hoch emotionale Show voller Wertschätzung. Ich hatte Gänsehaut, wir waren beeindruckt, auch von der Rede des Geehrten. 

Als der einst schlaksige Junge "from Würzburg, Germany" - mittlerweile ein hünenhafter Mann - vor die jubelnde Menge ans Mikro trat, war Ruhe. Alle - und zwar wirklich alle - lauschten verzückt, denn der Typ, den man früher als "The German Wunderkind" tituliert hatte, vergaß niemanden. Egal, wer wann und wo an seiner Seite war, es regnete ein Dankeschön.

Für die MitarbeiterInnen in der Geschäftsstelle des Clubs in Dallas, die dem Frischling in Amerika einst einen Mietwagen besorgten, ebenso, wie für die Eltern, die ihn jahrelang klaglos von Trainingshalle zu Trainingshalle gefahren hatten. Auch seinen langjährigen persönlichen Mentor und Trainer Holger Geschwindner vergaß er nicht. Der bescheidene Mann lächelte verschämt, er schätzt das Rampenlicht nicht. Diesmal war es nicht zu vermeiden, Dirks Wertschätzungs-Feuerwerk entkam niemand. 

Am Ende dankte er allen Fans in der Arena. Für ihre Unterstützung - nicht nur bei den größten Triumphen - sondern auch nach den kapitalsten Niederlagen. Der Riese verbeugte sich, die Menschen wischten sich Tränen aus den Augen und jubelten ihrem Idol zu. Dankbarkeit auf beiden Seiten.

Menschen auf Augenhöhe begegnen

Dabei muss es nicht immer ein prall gefüllter Super-Dome im Showbiz-versierten Amerika sein, um zu dokumentieren, dass man die Leistung anderer schätzt. Als meine jüngste Tochter im Kindergarten war, beeindruckte mich eine Erzieherin ganz besonders. Die Kinder liebten sie, sie war der wichtigste Grund morgens in die kreativ gestaltete Einrichtung zu gehen. Wenn Sandra lächelte, ging auch bei Regen im Herzen die Sonne auf.

Nie vergessen werde ich, dass sie jedes Kind auf Augenhöhe begrüßte. Sie ging in die Knie, sah den Kleinen direkt in die Augen. "Ich mache das auch, damit die Kinder früh lernen, dass man nie jemanden von oben herab behandeln sollte", hat sie mir mal erklärt, als wir uns länger unterhielten. Ich hatte über den Spruch "jemanden von oben herab behandeln" noch nie intensiv nachgedacht. Seitdem schon. 

Früher, als die Gesellschaft noch sehr stark in Ober- und Unterschicht eingeteilt war, gehörte es dazu, dass Menschen aus "höheren" Gesellschaftsschichten gar nicht oder kaum mit "niederen" Gesellschaftsschichten kommunizierten. Und wenn, dann sprach man "von oben herab" mit ihnen. Heute gilt nicht nur für vorbildliche LeaderInnen das Prinzip einer Kommunikation auf Augenhöhe. Ein werthaltiger Dialog funktioniert eben viel besser, wenn man entsprechend zugewandt auf gleicher Ebene miteinander spricht.

Die wunderbare Sandra war übrigens auch eine Meisterin der Wertschätzung. Wann immer Kinder etwas geschafft hatten, fand sie ein nettes Wort, lobte. Wie oft hat Holly davon berichtet, dass Sandra das Piratenfernrohr aus drei Klopapierrollen oder das aus Knete geformte Elefantenbaby "sehr wunderschön" fand. Wertschätzung macht glücklich, vermittelt Selbstvertrauen, motiviert. Im Kindergarten oder der Schule genauso wie im Job. 

"Feedback von Herzen"

Mein erster Chef, Gerhard W. Patt, Vollblut-Bayer und Kommunikations-Urgestein in der Aviation-Branche, erklärte mir als Jungspund in der Kantine vom Flugzeugbauer Dornier in Oberpfaffenhofen mal die Grundlagen guter Führung. Eine seiner Botschaften, die ich auf meinem weiteren Berufsweg nie vergessen habe: "Echte Wertschätzung ist bedeutender als jede Gehaltserhöhung. Interessiere dich für die Menschen, schätze ihren individuellen Beitrag und gib ihnen dafür ein Feedback von Herzen." Ein "Feedback von Herzen", genau so hat er es gesagt. Nachhaltig grandios.

Als ich später seine wertvollen Impulse in der Praxis umsetzte, stellte ich fest, dass mir die ehrlich rübergebrachte Wertschätzung auch selbst extrem viel zurückgab. Positiv gefeedbackte Personen behalten das Gefühl über den ganzen Tag, sie verlassen den Raum mit anderen Bewegungen, als sie reingekommen sind, sie schweben regelrecht. Das mitzuerleben, macht auch selbst Freude.

Nicht nur im unmittelbaren Arbeitsumfeld freuen sich Menschen über eine persönlich ausgesprochene Anerkennung ihrer Leistung, sondern auch im weiten Universum anderer Dienstleistungen. Trinkgeld ist immer eine gute Form "Dankeschön" zu sagen und sollte auf keinen Fall eigespart werden. Aber die finanzielle Zuwendung lässt sich noch veredeln. Als meine Familie und ich im letzten Sommer auf der Nordseeinsel Sylt im urigen "Piratennest" im Hafen von List speisten, kamen wir in den Genuss einer ganz ausgesprochen netten Servicekraft. Der junge Mann verstand es grandios, die Corona-Hygienemaßnahmen mit einem Lächeln zu verpacken, hatte eine zauberhafte Art mit den Kindern zu sprechen, spielte mit unserem Hund. Er war aufmerksam, nie aufdringlich, versprühte einen zum Ambiente passenden Humor.

Dafür lobten wir ihn beim Hinausgehen ausdrücklich, baten ihn, so zu bleiben: Ein liebenswerter Mensch, der durch die außergewöhnliche Art, wie er seinen Job erledigte, andere besonders happy machte. Der junge Mann war regelrecht gerührt, fast ein wenig sprachlos. "Mensch, seid ihr eine nette Familie, euch hätte ich am liebsten immer hier", entfuhr es ihm und wir versprachen ihm die Freude öfter zu machen. Als wir ihn später, nachdem wir uns ein Eis geholt hatten, beim Abräumen der Tische noch einmal sahen, winkte er uns zu und formte mit seinen Daumen und Zeigefingern ein Herz. Wertschätzung macht glücklich. Immer und überall.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker