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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Verschenkt großzügig das wertvollste Geschenk der Welt

Großmutter und Enkel, eine lebenslange Liebe
Großmutter und Enkel, eine lebenslange Liebe
© privat
Wenn ich – wie in der Vorweihnachtszeit so oft – "Last Christmas" im Radio höre, dann denke ich an meine Großmutter Hanne. Sie war die Wärme meiner Kindheit, ein lebendig gewordener großer roter Herz-Luftballon. In diesen Tagen kann ich nur allen raten, möglichst viel Quality-Time mit den ältesten Familienangehörigen zu verbringen. Diese Zeit kehrt nie mehr zurück und jede gemeinsame Stunde ist unendlich kostbar.

Zeit: Beginn der Adventszeit, Mitte der 70er Jahre. Location: Otterndorf, ein beschaulicher Luftkurort am Weltschifffahrtsweg. Meine beiden Geschwister und ich saßen hinten im vollgepackten silbernen Fort Taunus Turnier. Von der Nordseeküste ging es wie so oft nach Hannover, die Mutter meines Vaters, unsere Großmutter besuchen. Ihr Mann, unser Opa, war vor ein paar Jahren gestorben, sie vermisste ihn sehr, der Kontakt zu ihren Kindern und Enkelkindern war die wärmende Sonne ihres Alters.

Ich erinnere mich auch Jahrzehnte später noch an ihr glückliches Gesicht im Türrahmen in der Wohnung im ersten Stock, in der Nähe der Eilenriede. Sie strahlte über beide geröteten Backen, ihre Augen leuchteten und nur wer genau hinsah, entdeckte die glitzernden Tränen des Glücks. Ich sah schon damals immer ganz genau hin, denn ich liebte meine Großmutter, ihre Güte, ihr Lächeln, ihr Verständnis, ihre weichen Umarmungen. Den Duft der selbstgebackenen Plätzchen habe ich auch noch in der Nase, jedes einzelne liebevoll verziert mit bunten kleinen Perlen auf dem dunklen Schoko-Untergrund. Sie schmeckten so, wie sie aussahen: göttlich. 

Frank Behrendt: Der Guru der Gelassenheit

Frank Behrendt (58) gehört zu den bekanntesten Kommunikationsberatern Deutschlands. Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule war Top-Manager in der Musikindustrie, beim Fernsehen und in großen Agenturen. Sein Buch "Liebe dein Leben und NICHT deinen Job" avancierte direkt nach Veröffentlichung zum Wirtschafts-Bestseller. Die Deutsche Public Relations Gesellschaft zeichnete den Mann, der immer gute Laune hat, als "PR-Kopf des Jahres" aus. Weitere Infos: www.frankzdeluxe.de Direkter Dialog: frankzdeluxe@gmail.com

Traditionell bekamen mein Bruder und ich bei jedem Besuch ein Matchbox-Auto im winzigen blau-gelben Pappschuber geschenkt. Unsere kleine Schwester bekam stets ein Pferd von Schleich. Die kleinen Autos hielten wir in Ehren, sie stehen heute noch in einem Schränkchen im Keller. Mein absolutes Lieblingsauto, das mir Großmutter einst schenkte, ein gelber Jeep, auf dessen Ladefläche sich ein kleiner Löwe dreht, steht seit Jahrzehnten auf meinem Schreibtisch. Als Glücksbringer und liebevolle Erinnerung an Oma. 

Schreib doch mal

Ich weiß noch, dass mich meine Eltern früher immer gebeten haben, den Großeltern doch regelmäßig eine kleine Karte - zu besonderen Anlässen auch mal einen Brief - zu schreiben. Und sonntags, wenn mein Vater traditionell mit ihr telefonierte, sollten wir auch kurz einen lieben Gruß durchs Telefon senden. Ich will bei der Wahrheit bleiben: Wir haben auch oft gemurrt, mussten angetrieben werden, ein paar Zeilen aufs Papier zu bringen. Immer gab es was anderes Spannendes zu tun, am Bonanza-Rad herumzuschrauben oder Bonanza im Fernsehen zu schauen.

Aber unsere Eltern waren unerbittlich und im Nachhinein war es auch gut so. Heute würde ich alles dafür geben, wieder mit meiner Großmutter zu reden. Tage- und nächtelang. Ich würde alles von ihr hören wollen, würde vielleicht sogar ein Buch über ihre Erinnerungen schreiben, sie in meinen Podcast einladen. Aber das ist leider nicht mehr möglich.

Also bin ich in die motivierenden Fußstapfen meiner Eltern gestiegen und treibe nun unseren Nachwuchs an, sich regelmäßig bei den beiden Großmüttern zu melden. Wenn sie murren, lächle ich es weg und bleibe dran, bis sie meinen Wunsch erfüllt haben. Es geht um eine gute Sache und woher sollen sie auch im jungen Alter wissen, wie wunderbar und wertvoll Großeltern sind und wie sehr man sie vermisst, wenn sie mal nicht mehr da sind. 

Eine magische Familienfeier

Natürlich pflegen auch wir die Familientradition, dass Weihnachten gemeinsam mit der ganzen Familie gefeiert wird. Das ist schließlich in den von mir geliebten Erzählungen von Astrid Lindgren über die Kinder von Bullerbü genauso. Alle sind da, feiern mit und sitzen unterm festlich geschmückten Tannenbaum. Meine Erfahrung mit Besuchen ist zudem, dass man lieber einmal mehr - auch spontan - die Verwandtschaft besucht, als zu wenig.

Ich habe dabei immer das Erlebnis im Hinterkopf, als mein verstorbener Vater einst zum Hauskonzert ins blaue Haus an der Nordseeküste einlud und wir zunächst absagten, weil uns der Weg zu weit war und es andere Dinge in der Nähe von Köln zu erledigen gab. Aber ich hatte damals eine Eingebung, eine innere Stimme, die mich antrieb, doch noch am Samstagmittag mit Kind- und Kegel ins Auto zu steigen und 450 Kilometer in den Norden zu fahren. Also packten wir schnell das Nötigste ein, holten den verschlammten Junior vom Fußballplatz ab, die Jüngste saß bereits im Kindersitz, Bibi Blocksberg hexte fröhlich im CD-Player. Meine Frau buchte unterwegs telefonisch ein Hotel, meinen Eltern sagten wir nichts. Wie befürchtet, gab es jede Menge Staus, wir quälten uns durch. Bibi Blocksberg wurde im Wechsel von Benjamin Blümchen abgelöst.

Wir kamen genau in dem Moment an, als mein Vater die zahlreichen Gäste mit einer kleinen Ansprache begrüßte. Er weinte vor Glück als er uns - vor allem seine beiden jüngsten Enkelkinder - sah. Es wurde ein unvergesslicher Abend, ein absolut magischer Moment der Familiengeschichte. Gerade weil es eine absolute Überraschung war, hatte sich mein Vater unermesslich gefreut. Eine Woche später ist er viel zu früh verstorben. Wir waren unendlich traurig, aber es war ein kleiner Trost, dass er mit einem emotionalen Happening im Kreis seiner Herzensmenschen von dieser Welt gegangen ist.

Auch in diesem Jahr sorgen wir in der Vorweihnachtszeit für Überraschungen, die geliebten Verwandten Tränen in die Augen treiben werden. So wie sie damals meine Großmutter hatte, als wir Knirpse mit lustigen Pudelmützen vor ihr standen. In diesem Jahr, so liest man überall, werden diverse Geschenke knapp oder sind gar nicht mehr verfügbar. Egal. Das wertvollste Geschenk war, ist und bleibt gemeinsame Zeit. Verschenkt sie bitte sehr, sehr großzügig.

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