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Kolumne Winnemuth: Es steckt alles in dir

Was für eine Entscheidung nach 56 Jahren: mal etwas anders machen. Mal etwas wagen. Ein bisschen Streisand sein. Oder Adele. Und wer weiß, wer noch.

Adele singt auf der Bühne - Kolumnistin Maike Winnemuth ist von ihren Fingernägeln beeindruckt

Wenn man nur will, kann man auch mit 56 noch so werden wie Adele, meint Kolumnistin Meike Winnemuth. Zumindest kann frau sich die Fingernägel wachsen lassen.

An dieser Kolumne habe ich zwölf Wochen lang gearbeitet, unermüdlich, Tag und Nacht. Ich habe in dieser Zeit etwas getan, was ich nie im Leben auch nur in Erwägung gezogen hätte. Etwas geschafft, was ich nicht für möglich gehalten habe. Mich einer Herausforderung gestellt, die … ach, schon gut: Ich habe mir die Fingernägel wachsen lassen.

Es ist so: Mit den Jahren entwickelt man ja ein ziemlich stabil gezimmertes Selbstbild. Zu meinem gehört seit 56 Jahren: kurze, praktische Nägel (als : kurze, abgebissene Nägel, aber das ist eine andere Geschichte). Ich hatte mein Lebtag noch keinen Nagellack auf den Fingern, das hätte auch nicht zu meinen kerligen Händen gepasst; will ich aussehen wie eine Dragqueen?

"Die Kleine ist zauberhaft, Hubbell"

Und dann sah ich zufällig mal wieder "The way we were" mit und Robert Redford. Wie Barbra mit diesen unfassbar langen roten Nägeln (mit denen sie übrigens auch kommunistische Manifeste in die Maschine hämmert und als Imbisskellnerin arbeitet, der Himmel weiß, wie) dem schlafenden Prinzen Redford die blonden Strähnen aus der Stirn streicht, äußerst vorsichtig und fassungslos darüber, wie so was Schönes je in ihrem Bett gelandet ist, das kriegt mich jedes Mal wieder. Und wie sie das am Ende noch mal tut, als sie ihn nach Jahren zufällig mit seiner neuen, langweilig hübschen Frau auf der Straße trifft, und wie sie sagt: "Deine Kleine ist zauberhaft, Hubbell" … Entschuldigung, ich muss hier irgendwo noch ein Taschentuch haben.

Jedenfalls begann ich meine Nägel zu züchten in der Art, wie sich Männer im Urlaub einen Bart stehen lassen. Vielleicht steckt ja doch eine Frau in mir, dachte ich. Eine Barbra. Eine Adele. Eine Frau mit langen Nägeln, die singen kann. Meinetwegen auch nur eine Frau mit langen Nägeln. Ich begann, lederne Handschuhe bei der Gartenarbeit zu tragen. Dann begann ich, unter den Gartenhandschuhen Einmalhandschuhe aus Latex zu tragen. Ich kaufte eine Glasfeile und Handcreme, die erste meines Lebens. Ich kaufte, der Herr steh mir bei, farblosen Nagellack. Ich fand heraus, dass man Kartoffelchipskrümel unter den Nägeln am besten mit einem Kartoffelschälmesser entfernen kann (und ich wünschte, ich hätte diesen Satz nie geschrieben). Ich begann, mit den immer länger werdenden Nägeln äußerst vorsichtig die blonden Ohren meines Foxterriers zu kraulen und dabei "Dein Frauchen ist zauberhaft, Fiete" zu flüstern.

Ich starre dauernd verliebt auf meine Hände

Es ging nicht ohne Krisen ab: Ich betrauerte den Verlust des rechten Mittelfingernagels beim Roden einer Krüppelkiefer. Ich begann, mich immer öfter zu vwrtopü … zu vertippen. Ich starre trotzdem mehrfach am Tag, eigentlich andauernd, sehr verliebt meine Hände an. Sind das überhaupt noch meine? Sind das nicht die einer anderen, deutlich eleganteren Frau? Oder zumindest die eines gut abgehangenen Konzertgitarristen oder eines Drogenbosses aus einem asiatischen Ballerfilm? Wenn Leute sich äußerlich verändern – durch einen Bart, eine neue Frisur, eine kleinere Nase –, wächst sich das in der Regel auch nach innen aus. So stabil sind die Selbstbilder nicht, dass sie nicht durch ein paar Millimeter totes Gewebe über den Haufen geschmissen werden könnten.

Ich bin noch nicht fertig. Ich weiß nicht, wo das alles noch hinführt. Vielleicht sollte ich Gesangsunterricht nehmen. Vielleicht könnte ich doch noch eine Barbra werden, ich müsste mir nur die Nase brechen lassen, schielen und einen Seidenturban aufsetzen. Alles machbar.

Ich gucke auf meine Hände und denke: Das steckt alles in dir drin. Du musst es nur wachsen lassen.