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Kolumne Winnemuth Bitte eine Ananas!


Alle Jahre wieder ruft die Mutter an und fragt nach einem Weihnachtswunsch. Man ist bescheiden - aber irgendwie ist auch das nicht richtig.
Von Meike Winnemuth

"Was wünscht du dir zu Weihnachten?", fragt meine Mutter am Telefon. Ungewöhnlich spät, sonst fragt sie immer schon im Oktober. Seit Jahren ist meine Antwort dieselbe: "Nichts. Wirklich gar nichts, ehrlich. Ich brauche nichts." Natürlich ist es beim Wünschen und Schenken selten darum gegangen, ob man was braucht. Im Gegenteil - Dinge, die man wirklich braucht, möchte man nicht geschenkt haben. Bei uns in der Familie gab es mal einen Eklat rund um ein geschenktes Kartoffelschälmesser, von dem ich besser nicht wieder anfange. (Und es hatte nicht mal mit dem Aberglauben zu tun, dass man keine Messer verschenken dürfe, weil sonst ... ach, halt irgendwas passiert, was nicht passieren soll, ich kann mir so was nie merken.)

Ein Sommerhaus in Ananas-Form

"Komm", sagt meine Mutter. "Irgendwas wirst du dir doch wünschen." - "Na schön" , sage ich, "da wäre was." - "Ja?" - "Eine Ananas." - "Eine ..?" Eine Ananas. Ich lese nämlich gerade über die Ananas, den einstigen Wert der Ananas, die ganze verrückte Geschichte der Ananas. Die erste Begegnung zwischen Europäern und der Ananas fand am 4. November 1493 statt, auf Guadeloupe, einer der karibischen Inseln über dem Winde. Sie wurde Christoph Kolumbus als Willkommensgeschenk überreicht. Kolumbus brachte sie nach Europa (eine einzige überlebte einigermaßen unbeschadet die lange Seereise), wo sie schnell zum Statussymbol wurde. Weil sie unmöglich zu transportieren und im europäischen Klima nur schwer zu züchten war, kostete eine Ananas im 17. Jahrhundert nach heutigem Geld rund 7000 Euro. Gedichte wurden über sie geschrieben, der britische König Charles II. ließ sich mit ihr porträtieren, der Earl of Dunmore ließ ein Sommerhaus in Form einer Ananas errichten. Bei fürstlichen Diners wurde sie zum triumphalen Finale hereingetragen - nicht etwa, um gegessen zu werden, sondern um von reitenden Boten zum nächsten Schloss gebracht zu werden: Noch im 19. Jahrhundert absolvierte eine wohlgeratene Frucht gleich mehrere Auftritte pro Abend. Wer es sich leisten konnte, verfeuerte halbe Wälder zum Beheizen spezieller Ananas-Treibhäuser. In Sanssouci wurde 1779 stolz eine Ernte von 400 Früchten vermeldet. Die Ananas-Liebhaberin Katharina die Große ließ sie aus Schlesien nach Russland importieren. Jawohl, es gab Ananas-Treibhäuser in Schlesien. Was man nicht alles lernt in dieser Kolumne, oder? "Bist du noch dran? Wir waren gerade bei: eine ..?", sagt meine Mutter ungeduldig am Telefon. Eine Ananas. Einst die kostbarste, royalste, glamouröseste Frucht der Welt. Und dann kamen das 20. Jahrhundert und die Konservendose und Toast Hawaii und die Kühlkette. Und heute kostet eine Ananas von der Größe eines Rugbyballs 1,99 Euro. Und der Gartenzwerg, im 19. Jahrhundert ein Statussymbol zum Preis eines Arbeitermonatsgehalts, ist heute ein Ding der Lächerlichkeit.

Und was noch?

"Wird das wieder eine deiner Konsumpredigten? Ich habe nämlich noch Bügelwäsche ..." Nein, ist doch irre. Wenn etwas schwer zu kriegen ist, finden wir es kostbar, und wenn wir es haben, ist es uns egal. Die Ananas schmeckt immer noch so wie 1750, vermutlich besser, weil sie nicht in schlesischen Treibhäusern wächst, wo sie nur apfelgroß wurde. Es gibt zwei Arten, reicher zu werden, sagt der Philosoph Alain de Botton: mehr Geld verdienen oder den Dingen, die wir schon haben, einen neuen Wert geben. Oder einen alten. Wir sind reicher, als man uns glauben macht, sagt er. "Amen. Wenn ich dich richtig verstanden habe, wünscht du dir eine Ananas und einen Gartenzwerg. Und was noch?"


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