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Merinoschafe in Australien Tierschutzproblem "Mulesing" – Warum Merinowolle oft mit Tierleid einhergeht

Mulesing bei Schafen: Das Problem mit der Merinowolle
Merinoschafe auf einer Farm in Australien: Mit ihren vielen Falten und der starken Bewollung sehen die Tiere ulkig aus, aber so recht zum Lachen ist ihr Erscheinungsbild eigentlich nicht.

© John Carnemolla / Getty Images
Merinoschafe in Australien sind Hochleistungs-Wollproduzenten, die auf immer mehr Bewollung gezüchtet wurden. Das bringt Probleme mit sich, die ihre Halter mit der schmerzhaften Methode des "Mulesing" lösen. 

Merinowolle ist kuschelig weich, atmungsaktiv und wärmt auch bei kalten Temperaturen. Die begehrte Wolle wächst am Merinoschaf, dessen Ursprung wohl in Nordafrika liegt. Im Hochmittelalter gelangte die Rasse nach Spanien und verbreitete sich später auch in anderen europäischen Ländern. Durch die Einfuhr der Schafe von europäischen Siedlern entwickelte sich auch in Australien ein Bestand und wuchs schnell – nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes stammt Merinowolle heute zu knapp 90 Prozent aus dem Land. Australien gilt als größter globaler Wollexporteur.

Was allerdings kaum jemand weiß: Immer noch wird in Australien die schmerzhafte Praxis des "Mulesing" an den Merinoschafen massenhaft angewandt, obwohl die australische Wollindustrie schon bis 2010 eine Alternative finden wollte.

Was ist "Mulesing"?

Als Mulesing, im Deutschen auch Mulesierung genannt, wird die Behandlung von Schafen bezeichnet zum Schutz vor dem Befall der sogenannten "Sheep Blowfly", einer Fliegenart, die ihre Eier in die Hautfalten der After- und Genitalregion der Schafe legt. Weil Merinoschafe auf viele Hautfalten hingezüchtet wurden, um mehr Wolle tragen zu können, sind sie besonders anfällig für den Fliegenbefall – die Insekten fühlen sich in den warmen, schlecht belüfteten und oft verschmutzten Hautfalten besonders wohl. Von dort aus wandern die geschlüpften Fliegenmaden weiter und fressen sich durch die Hautschichten ins Innere der Schafe. Hier kommt es zu schweren Entzündungen, die häufig zum Tod des Tieres führen. Um das zu verhindern, wird das Mulesing angewendet.

Dabei werden Lämmern im Alter von acht bis zwölf Wochen ohne Betäubung und meist ohne jegliche Schmerzmittel mit einem scharfen Messer große Hautstreifen im Bereich des Schwanzes abgeschnitten. Der englische Schafzüchter John H. Mules entdeckte in den 30er Jahren zufällig, dass sich so eine glatte, vernarbte Fläche bildet, auf der sich keine Fliegen einnisten. Er hatte beim Scheren eines seiner Schafe aus Versehen ein Stück Haut am Schwanzbereich abgeschnitten und beobachtet, dass bei ihm kein Fliegenbefall mehr vorkam. Daraufhin testete er die Methode weiter und bald verbreitete sie sich massenhaft unter den Schafzüchtern. 

Studien belegen das Leid der Schafe

Wissenschaftliche Untersuchungen beweisen, was eigentlich längst klar ist: Mulesing führt bei den Tieren zu immensen Schmerzen. Noch zwei Tage nach der Prozedur zeigen sie erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol im Blut und sind noch drei bis vier Tage extrem schreckhaft. Weil sie vor ihren Beschneidern noch mehrere Wochen Angst haben, wenden die Farmer das Mulesing meistens nicht selbst an, sondern lassen es von speziellen Mulesing-Kolonnen durchführen.

Der Deutsche Tierschutzbund wertet das Mulsing als "grausame und schmerzhafte Verstümmelung der Tiere" und lehnt die Methode aus Tierschutzgründen entschieden ab.

Nach Angaben des Vereins führten zahlreiche Proteste internationaler Tierschutzorganisationen gegen das Mulesing und Boykottaufrufe gegen australische Wolle dazu, dass mehrere Handelsketten die Geschäfte mit australischen Schäfern einstellten, welche die Methode anwenden.

Mulesing: Das Leid der Schafe in Australien
Peta-Aktivisten demonstrierten bereits 2005 in der Leipziger Innenstadt vor einem Benetton-Store gegen die Haltung der Merinoschafe in Australien. Benetton ordert in großen Mengen Merinowolle aus dem Land.
© Peter Endig / Picture Alliance

Die australische Wollindustrie selbst versprach im Jahr 2004, das Mulesing bis 2010 einzustellen und Alternativen zu finden. Wenige Jahre später gaben die Farmer ihre Bestrebungen allerdings auf und es hat sich bis heute wenig verändert – dabei mangelt es nicht an Lösungen.

Wie geht es besser?

Der auf langfristige Sicht wohl vielversprechendste Lösungsansatz besteht darin, die Zucht auf weniger Hautfalten und entsprechend weniger Bewollung der Merinoschafe zu konzentrieren. Die Schafe würden weniger Wolle geben, hätten aber auch in der After- und Genitalregion weniger Falten, in denen sich die Tiere einnisten könnten. Für viele Farmer ist diese Lösung natürlich unattraktiv, weil weniger Wolle pro Schaf geschoren und verkauft werden kann.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Wolle der Merinoschafe in der Gegend um den Schwanz mehrmals im Jahr zu stutzen – zusätzlich kann man Insektizide auf den gefährdeten Hautstellen anwenden. Wissenschaftler versuchen außerdem gerade, einen Impfstoff gegen die Fliegenart zu entwickeln. 

Wo kann man Mulesing-freie Merinowolle kaufen?

Nur zehn Prozent der australischen Merinowolle ist nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes Mulesing-frei. Aber wie erkennt man, ob die Schafe für den eigenen Pulli leiden mussten?

Ein eigenes, offizielles Mulesing-free Label, an dem sich Käufer orientieren könnten, gibt es bisher nicht. Labels wie GOTS (Global Organic Textile Standard) oder IVN (Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.), sowie die kbT-Zertifizierung (kontrolliert biologische Tierhaltung) geben aber Sicherheit auf eine artgerechte Tierhaltung.

Merinoschafe werden zudem auch in anderen Ländern wie Neuseeland, gezüchtet, in dem seit 2018 ein Mulesing-Verbot besteht. Ein gleiches Gesetz gibt es auch in Deutschland. In Ländern wie Südafrika, Spanien, Portugal und dem südamerikanischen Kontinent existiert die Sheep Bowfly nicht, deshalb kann Mulesing-freie Wolle dort garantiert werden.

Natürlich ist es nicht leicht, Mulesing-freie Merinowolle zu kaufen, wenn Australien der mit Abstand der größte Exporteur ist und dort nur ein "freiwilliges Verbot" besteht, an das sich kaum jemand hält und das für den Käufer vollkommen intransparent ist. Die gute Nachricht ist jedoch: Einige große Modeketten distanzieren sich mittlerweile vom Mulesing. So bestätigte beispielsweise H&M gegenüber dem stern, seit 2008 nur noch Wolle zu beziehen, die garantiert Mulesing-frei ist. Um das zu erkennen, muss man sich auf der Website des Unternehmens allerdings erstmal schlau machen. 

Bei kleineren Herstellern und Geschäften kann man auch direkt nachfragen, unter welchen Bedingungen die Wolle produziert wurde. Wer fragt, lenkt zudem immer wieder Aufmerksamkeit auf die Debatte und macht deutlich, dass einem nicht egal ist, unter welchen Umständen die eigene Kleidung hergestellt wird. 

QuellenResearch Report: Prevention and control of blowfly strike in sheepDepartment of Primary Industries and Regional Development's Agriculture and Food (Australien), Deutscher Tierschutzbund e.V., Anfrage H&M 

Merinoschafe in Australien: Tierschutzproblem "Mulesing" – Warum Merinowolle oft mit Tierleid einhergeht

Sehen Sie im Video: Alicia Silverstone ist nicht nur erfolgreiche Schauspielerin, sondern setzt sich schon lange für den Tierschutz ein. Im Jahr 2016 zog sich die 40-jährige für Peta aus – um auf die qualvolle Schur von Schafen aufmerksam zu machen.


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