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Gentechnisch veränderte Tiere: Das Geschäft mit dem Leid blüht

Mit dem Versprechen medizinischen Fortschritts manipulieren Forscher die DNA von Tieren, züchten ihnen Diabetes und Demenz an. Die Geschäfte laufen gut - doch die erhofften Erfolge bleiben meist aus.

Von Christoph Koch

Gentechnisch veränderte Tiere bringen Geld. Auf "Mausmodelle" sollen jetzt auch Affen folgen. Ihr Leiden wird dabei billigend in Kauf genommen.

Gentechnisch veränderte Tiere bringen Geld. Auf "Mausmodelle" sollen jetzt auch Affen folgen. Ihr Leiden wird dabei billigend in Kauf genommen.

Wir Deutschen haben sie nie sehr gemocht, doch ihren weltweiten Siegeszug konnten wir nicht aufhalten: Die Gentechnik blüht. Nicht nur auf dem Acker fast überall sonst auf der Welt, sondern längst auch im Tier. Genau wie eine neue Nutzpflanze lässt sich auch etwa eine Maus zum Patent anmelden. Vorausgesetzt, sie enthält etwas Neues. Veränderte Gene sind so etwas Neues. Und immer einfacher zu machen, wie der Gentechnik-Experte Christoph Then in einer jetzt vorgestellten Untersuchung belegt: Es gibt einen gigantischen Boom bei patentierten, erbgutmanipulierten Tieren.

Und einen wesentlichen Unterschied: Die Pflanze pflanzt man, das patentierte Saatgut lässt sich verkaufen, der Agrokonzern verdient. Mit den Tieren ist es anders: Die große Mehrheit von ihnen soll niemand essen. Sie sind speziell für Versuchslabors designt. Und die liegen in einem aggressiven Wettbewerb, um etwa medizinische Durchbrüche mit Milliarden-Potenzial zu ersinnen. Das ist zumindest die gängige Begründung.

Mäuse mit Diabetes und Demenz

Then, zuvor lange Gentechnik-Experte bei Greenpeace und heute Geschäftsführer von "Testbiotech", einer biotechnologiekritischen Denkfabrik, widerspricht: "Tierversuche sind längst zum Selbstzweck geworden. Das maßgeschneiderte Tierversuchsmodell wird heute als lukratives Produkt. Vor diesem Hintergrund wäre es naiv anzunehmen, dass der Anstieg der Versuche mit gentechnisch veränderten Tieren durch medizinische Notwendigkeiten begründet ist."

Und tatsächlich hat sich ein längst ein riesiger Markt für "Tiermodelle", wie die veränderten Lebewesen kalt-technisch heißen, herausgebildet: Es gibt extrem dicke Mäuse, groß wie eine Faust, mit Diabetes, Arthritis und Stoffwechselentgleisungen aller Art. Demente Mäuse, deren Gehirn programmiert verfällt, Mäuse ohne Immunsystem - und vieles andere mehr, was den Patentschatz von Unternehmen oder das Publikationsverzeichnis aufstiegsorientierter Wissenschaftler füllt. Wer schätzen will, wie hoch der jährliche "Verbrauch" genmanipulierter Tiere allein in Deutschland ist, der liegt meist zu niedrig: Es ist knapp eine Million. Und die Zahl wächst gegen den Trend. Denn die Tierexperimente insgesamt wurden leicht weniger.

Viel Leid für nichts

Die erste Patentmaus von 1992 war ein "Krebsmodell" - ihr sind seither, so hat es Then zusammengezählt, 1.500 patentierte Mutanten gefolgt, weitere 5.000 Anträge liegen schon bei Amt. "Viele der Patentanmeldungen erfolgen durch relativ unbekannte Firmen oder Institutionen. Aber auch große Pharmakonzerne finden sich unter den Anmeldern", erläutert Then. Innerhalb der Gruppe der weltweit zehn größten Pharmakonzerne haben Hoffmann La-Roche (und deren Tochter Genentech), Pfizer und Novartis die meisten dieser Patentanträge eingereicht. Auf jede der Firmen kommen nach Datenbankrecherchen zwischen 100 bis 400 Anträge, die Tiere und deren Verwendung betreffen.

Doch obwohl es viele Kritiker, auch innerhalb der Wissenschaft, gibt, die den Nutzen der gewaltigen Expansion der Forschung am mutierten Tier bezweifeln, hat der Protest gegen die "Patente auf Leben" im Fall der Tiere nie die Schlagkraft erreicht wie der gegen die grüne Gentechnik, die die Deutschen de facto von ihren Äckern verbannt haben. Das liegt sicher daran, dass die Anwendungen der "Tiermodelle" hinter Labormauern verborgen und oft sehr kompliziert sind. Aber bestimmt auch daran, dass Heilung von schweren Krankheiten verheißen wird. Nicht immer ist das falsch, nur ist der große Erfolg ungeheuer selten - und meilenweit von den gewaltigen Versprechungen entfernt, mit denen das Gen-Zeitalter, etwa nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts 2001, sich selber angepriesen hat.

Doch der zurückhaltende Protest könnte bald Fahrt aufnehmen. Denn längst meldet man nicht mehr nur kleine, unscheinbare Nagetiere beim Patentamt an, sondern längst auch unsere eigenen Cousins: Schimpansen. Für mehrere gültige Patente konnte Then belegen, dass sie sich auf die nächste Verwandtschaft des Menschen erstrecken. Und spätestens da wird der Boden für Experimentatoren sehr heiß: Nicht nur, weil europäisches Recht den Primaten einen wesentlich besseren Schutz zusichert, sondern auch weil die Vergangenheit zeigt: Wo an Affen experimentiert wird, egal, wie ausführlich begründet, gibt es gewaltig Zoff. Selbst das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen beschloss vergangenen Monat, seine Affenversuche auslaufen zu lassen, zermürbt durch jahrelange Gegenaktionen. Und das, obwohl sich selbst der grüne Oberbürgermeister der Universitätsstadt, Boris Palmer, für eine Fortsetzung der Experimente aussprach.

Einstweilen gilt also: Mäuse machen Moneten, Affen Ärger. Doch eine breite Diskussion über gute, schlechte und überflüssige Forschung und über Patente als Spekulationsobjekte, gibt es tatsächlich nicht. Then fordert sie ein. Deshalb wird es in der kommenden Woche in Berlin eine Kongress zum Thema geben. Seine #link;www.testbiotech.org/node/1265;heute veröffentlichte Studie# ist der Denkanstoß dazu.

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