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Skandal in der Tierhaltung: Schweine fressen sich gegenseitig bei lebendigem Leib

Es sind Bilder von Tierquälerei, wie man sie aus einem Schweinestall selten sah: kranke Tiere, die von anderen aufgefressen werden. Dabei wurde der niedersächsische Betrieb über Jahre kontrolliert.

Von Mirja Hammer

Das halbtote Schwein wurde sich selbst überlassen. Es hätte längst eingeschläfert werden müssen. Stattdessen fressen seine Artgenossen an seinen Wunden.

Das halbtote Schwein wurde sich selbst überlassen. Es hätte längst eingeschläfert werden müssen. Stattdessen fressen seine Artgenossen an seinen Wunden.

Was die Tierschutzorganisation Animal Right Watch (ARIWA) veröffentlicht hat, übersteigt vieles, wenn nicht alles, was bislang an Scheußlichkeiten aus Schweineställen öffentlich wurde: Zu sehen sind Tiere mit abgefressenen Ohren, mit von Geschwüren überwucherten Augen und verwesende Kadaver, die einfach liegengelassen wurden. Ein weiteres Bild zeigt ein krankes Schwein, das zu schwach ist, um sich noch gegen seine Artgenossen zu wehren. Es wird bei lebendigem Leibe gefressen.

So etwas habe er noch nicht gesehen, sagt Erasmus Müller von ARIWA, der zusammen mit einem anderen Aktivisten am 17. Oktober und am 10. November in die Anlage bei Cloppenburg geschlichen war, um sich ein Bild von den Zustände hinter den Stallmauern zu machen. Vorher habe er einen Hinweis bekommen, mal in jenem Schweinestall bei Cloppenburg nachzusehen. Schließlich war der Betrieb bereits vor drei Jahren durch seine tierrechtsverletzende Haltung straffällig geworden.

Die Kontrollen wurden wieder eingestellt

2011 waren in den drei Masthallen des großen Familienbetriebs Schweine verhungert, weil das Fütterungssystem über Tage ausgefallen war. Scheinbar wurde der vollautomatisch funktionierende Stall von seinen Betreibern über Wochen nicht überprüft, sodass ein Großteil der Tiere starb. Andere hatten nur überlebt, weil sie ihre toten Artgenossen aufgefressen hatten. Dem Betreiber wurde dafür eine Freiheitsstrafe auf Bewährung auferlegt und das Veterinäramt Cloppenburg schaute fortan regelmäßig bei dem Schweinebauern vorbei. Im Oktober 2013 wurde der Betreiber schließlich wieder sich selbst überlassen.

Der jetzt aufgedeckte Fall sei ein Extremfall, sagt Sandra Franz, Pressesprecherin von ARIWA. Er mache besonders deutlich, dass die Veterinärämter selbst auffällig gewordene Betriebe nicht ordentlich kontrollieren könnten, sodass zumindest die gesetzlichen Mindeststandards umgesetzt würden.

Das zuständige Amt in Cloppenburg habe sich nichts vorzuwerfen, sagte Veterinäramtsleiter Karl-Wilhelm Paschertz dem NDR. Zwischen dem Tag, als der Betrieb 2011 auffällig wurde, bis zum Ende der Kontrollen im Oktober 2013 habe es keine weiteren Beanstandungen mehr gegeben.

Kontrolleure kündigen sich 24 Stunden vorher an

Laut NDR würden Mastbetriebe im Schnitt nur alle zehn Jahre kontrolliert. Zwar sind regelmäßige, risikoorientierte und unangekündigte Kontrollen gemäß der Schweinehaltungshygieneverordnung vorgeschrieben, die Ämter würden sich jedoch in den meisten Fällen 24 Stunden vorher ankündigen. Sie wollten sicherstellen, dass sie nicht vor verschlossenen Türen stehen, sagt Manfred Böhling, Sprecher des Landwirtschaftsministeriums Niedersachsen dem stern. Ein Tag im Voraus - theoretisch Zeit genug, um Missstände im Schweinestall rechtzeitig zu beseitigen.

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer zeigte sich empört über die Bilder aus dem Cloppenburger Mastbetrieb. "Grausam und unertäglich" sei das. Er unterstützt die Forderung des Landkreises, dem Betreiber das Recht auf Tierhaltung zu entziehen. Der Fall läge bereits der Staatsanwaltschaft vor. Dieser Extremfall zeige, dass die Haltungsbedingungen nicht stimmten. Daher dränge das Ministerium ja auch darauf, dass die Bedingungen verbessert würden. Etwa durch Beschäftigungsmaterial für die Tiere und Schulungen für ordentliches Stallmanagement, damit solche kannibalischen Vorfälle verhütet würden, sagt Böhling. Zudem müsse man nun prüfen, ob zukünftig nicht häufiger und unangekündigt kontrolliert werden müsse.

"Kontrollen sind illusorisch"

ARIWA feiert das drohende Haltungsverbot des niedersächsischen Landwirtes noch nicht als Erfolg. Es gehe ihnen nicht um diesen einen Fall, sagt Sandra Franz. "Natürlich darf dieser Mensch keine Tiere mehr halten, man hätte es ihm schon vor drei Jahren verbieten müssen." Die Organisation wolle vielmehr klarmachen, dass Kontrollen nichts bringen. In jeder normalen Mastanlage fände man Tiere, denen die Schwänze abgeschnitten würden, die mit ihrem sensiblen und intelligenten Wesen unter der Monotonie und Enge litten und anfingen, sich zu bekämpfen oder gar zu töten. "Es ist illusorisch zu glauben, dass man Tausende Mastbetriebe überwachen kann."

Über das Nachsinnen der Regierung, bessere Kontrollen einzuführen, können die Tierschützer nur müde lächeln. "Unsere Gesellschaft sollte eigentlich schon viel weiter sein. Statt über Kontrollen sollten wir lieber darüber diskutieren, wie wir von der Tierhaltung wegkommen." Ansonsten würde es nicht das letzte Mal sein, dass solche grausamen Bilder an die Öffentlichkeit kämen.