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"Mars 500"-Projekt Der erste Mensch wird zum "Marsianer"


Am Montag betritt zum ersten Mal ein Mensch den Mars. Nach einer gut achtmonatigen "Reise" haben die Teilnehmer der "Mars 500"-Mission ihr Ziel erreicht. Der Rote Planet, den sie heute erkunden, liegt allerdings in einer Halle in Moskau.
Von Lea Wolz

Die Reise ist alles andere als ein Kurztrip: Isoliert von der Außenwelt simulieren drei Russen, ein Franzose, ein Italiener und ein Chinese seit Juni 2010 den Hin- und Rückflug zu unserem Nachbarplaneten - in Echtzeit. 520 Tage oder 12.480 Stunden sind die Raumfahrer in die braun-silbernen Container eingesperrt, die auf dem Institut für Biomedizinische Probleme (IBMP) in Moskau stehen. Am Samstag hat die Besatzung der "Mars 500"-Mission ihr Ziel erreicht: Drei der Männer sind auf dem "Roten Planeten" gelandet.

Gefährlich war die Landung zwar nicht. "Die Aktion wird am Computer simuliert, in Wirklichkeit bewegen sich die Männer keinen Zentimeter", sagt Peter Gräf, Projektleiter für den deutschen Teil der Mission am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Doch der Druck war groß. "Auch wenn sie nur virtuell die ersten Menschen auf dem Mars sind, wollen die Männer ihr Bestes geben."

Bereits seit einer guten Woche wurde die Raumfähre für die drei Pioniere Alexander Smolejewski, Diego Urbina und Wang Yue vorbereitet. Am Samstag sind die Kosmonauten damit auf dem virtuellen Mars gelandet. In den kommenden Tagen werden die Männer insgesamt drei Ausflüge auf dem Mars simulieren, den ersten an diesem Montag. Die nachgebaute Marslandschaft ist Teil eines einzigartigen Forschungskomplexes in Moskau: In fünf Modulen sind dort Wohn- und Landetrakt, ein Versorgungsbereich und die virtuelle Oberfläche des Roten Planeten untergebracht.

Ohne Tageslicht und die Möglichkeit, zwischendurch mal frische Luft zu schnappen, harren die Männer in den holzvertäfelten Röhren seit über 250 Tagen auf 180 Quadratmetern aus. Geduscht werden darf alle zehn Tage, gegessen wird streng nach Plan. Aus den fensterlosen Containern übertragen Kameras das Geschehen in einen Kontrollraum. Ein bisschen Privatsphäre haben die Mars-Pioniere lediglich in ihren drei Quadratmeter großen Kabinen. Die Kommunikation mit der Bodenstation erfolgt über Funk und, wie in der Realität, zeitverzögert. 20 Minuten braucht ein Signal vom "Mars" zur Erde.

Positive Halbzeit-Bilanz

Das wissenschaftliche Experiment dient vor allem dazu, eine Frage zu beantworten: Verkraften Menschen eine so lange Zeit in der Isolation? Sind sie in der Lage, Millionen Kilometer von ihrem Heimatplaneten entfernt und auf engstem Raum eingepfercht zivilisiert miteinander umzugehen? Oder kippt die Stimmung in der Gruppe - so wie bei einem Vorgänger-Experiment vor gut zehn Jahren im IBMP. Damals zerstritten sich die Teilnehmer heillos, es kam sogar zu einer Prügelei "an Bord", ein Teilnehmer stieg frustriert frühzeitig aus.

Bei dem "Mars 500"-Projekt ziehen die Verantwortlichen eine positive Halbzeit-Bilanz. "Die Crew ist geistig und körperlich in einer sehr guten Verfassung", sagt Gräf. Die europäische Raumfahrtagentur Esa und das DLR sind an dem insgesamt gut zehn Millionen Euro teuren Projekt mit zwei Millionen beteiligt. Elf der über 100 wissenschaftlichen Experimente stammen aus Deutschland.

Für die Forscher bietet der Versuch traumhafte Bedingungen. "Die Crew kann über einen langen Zeitraum kontrolliert untersucht werden", sagt Gräf, der die Ankunft und den Ausstieg der Raumfahrer vor Ort in Moskau beobachtet. Die Teilnehmer befolgen während ihres Aufenthaltes in der Raumkapsel einen strikten Zeitplan, der Experimente, Wartungsarbeiten, Fitnesstraining und Ernährung regelt.

Monotonie macht mürbe

In einem Experiment analysieren Forscher, wie Salzkonsum und Bluthochdruck zusammenhängen. Erste Ergebnisse liegen bereits vor. Weniger Salz im Essen habe zu einer deutlichen Senkung des Blutdrucks geführt, berichtet der Mediziner Jens Titze von der Universität Erlangen-Nürnberg. Dies belege, dass eine salzreduzierte Ernährung auch für Gesunde sinnvoll sei und langfristig Schlaganfall, Herzinfarkt oder Arteriosklerose vorbeugen könne. Daneben beobachten Wissenschaftler, wie sich der Stress auf das Immunsystem auswirkt, wie sich Keime in geschlossenen Lebensräumen verbreiten und wie es um die Leistungsfähigkeit der Kosmonauten bestellt ist.

Dass die alltägliche Monotonie in der Raumkapsel Geist und Körper mürbe machen kann, weiß der Maschinenbauingenieur und Bundeswehr-Hauptmann Oliver Knickel. 2009 hatte der 30-Jährige an einem ersten Marsflug-Experiment teilgenommen und 105 Tage in dem Moskauer Container verbracht. "Psychologisch ist die Isolation belastend, das Zeitgefühl geht schnell verloren", sagt Knickel. "Die Reize fehlen, man ist lange nicht so leistungsfähig wie sonst." Sein Versuch, die Zeit zu nutzen und russische Grammatik zu pauken, war jedenfalls wenig erfolgreich. Der Ingenieur hat sich bewusst entschieden, nicht am 520-Tage-Projekt teilzunehmen - "unter anderem da meine Hochzeit in diese Zeit fiel". Den Mars-Spaziergang seiner Nachfolger will er allerdings nicht versäumen. "Ich werde ihn von der DLR-Zentrale in Köln live verfolgen", sagt er.

Die Rückreise dauert acht Monate

Auf dem Mars in Moskau warten Sand, Steine und ein kleiner Rover auf die Teilnehmer. Lichter an der Decke sollen funkelnde Sterne darstellen. "Für Montag ist der erste Spaziergang auf dem Planeten geplant", sagt Gräf. Zuerst werde vermutlich der Russe Alexander Smolejewski die nachgebaute Marslandschaft in einem schweren Raumanzug betreten, dann folgt der Italiener Diego Urbina. "Insgesamt wird es drei jeweils anderthalb- bis zweistündige Ausflüge geben", sagt Gräf. Einen Monat werden sich die drei Männer auf dem künstlichen Planeten aufhalten, dann geht es zurück zum Raumschiff und der simulierte Rückflug beginnt.

Fast acht Monate dauert die Rückreise zur Erde. "Das ist die eigentliche Herausforderung", sagt Gräf. Da der Höhepunkt der Mission vorbei sei, werde die tägliche Monotonie womöglich noch belastender. Um diese zu durchbrechen, warten auch auf dem Rückweg simulierte Notfälle auf die Raumfahrer: plötzliche Stromausfälle, Unterbrechung des Funkkontaktes oder Systemausfälle. Daneben vertreiben sich die Männer die Zeit mit Lesen, Videospielen oder Musizieren. 80.000 Euro erhält jeder von ihnen für die Teilnahme - das sind etwas mehr als 150 Euro pro Tag. Wirklich Angst, nicht wieder auf der Erde anzukommen, muss keiner haben.

"Alle Aspekte einer realen Mars-Mission können nicht nachgestellt werden", sagt Gräf. Der Schwerelosigkeit sind die Teilnehmer ebenso wenig ausgesetzt wie der Weltraumstrahlung. Ganz gleich ob sich der Mensch überhaupt zum "Marsianer" eignet, und die Crew eine Reise physisch und psychisch übersteht: Bis die ersten Pioniere zum Roten Planeten aufbrechen können, müssen ohnehin noch ein paar technische Probleme gelöst werden. "Die Massen, die wir dafür in den Orbit bringen müssten, sind immens groß. Raketenantriebe, mit denen dies möglich wäre, müssen erst noch entwickelt werden", sagt Gräf.


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