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Nasa-Projekt: "Kanonenkugel" auf Kometenjagd

Wenn am Mittwoch die mit einem Projektil bestückte Nasa-Sonde "Deep Impact" die Erde verlässt, beginnt eine spektakuläre Weltraummission. Erstmals nehmen Menschen eine Veränderung an einem anderen Himmelskörper vor.

Ein Raumfahrzeug rast auf einen Kometen zu und nimmt ihn unter Beschuss - mit einer Art Kanonenkugel, die ein riesiges Loch in den Schweifstern schlägt. Es folgt eine Explosion aus Gestein, Eis und Staub, so zu sagen ein himmlisches Feuerwerk - genau passend zum 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag. Ein neuer Science-Fiction-Film? Keineswegs. Das Script stammt nicht von einem Drehbuchschreiber, sondern von NASA-Wissenschaftlern, und nur der Titel ist aus Hollywood entliehen: "Deep Impact" in Anlehnung an das 1998er Leinwandspektakel über einen Kometen, der auf der Erde einzuschlagen droht.

Kosten belaufen sich auf 285 Millionen Dollar

Spektakulär ist auch das Vorhaben der NASA. 285 Millionen Dollar (etwa 218 Millionen Euro) kostet die Mission, die - wenn alles planmäßig läuft - an diesem Mittwoch beginnen wird. Dann soll gegen 20 Uhr Mitteleuropäischer Zeit in Cape Canaveral (Florida) ein Raumfahrzeug mit Hilfe einer Delta-Rakete auf den rund 130 Millionen Kilometer langen Weg zum Kometen "Tempel 1" geschickt werden. An Bord ist ein etwa kühlschrankgroßes kupfernes "Geschoss" mit einem Gewicht von 372 Kilogramm, das sich am 4. Juli 2005 in das "Herz" des kartoffelförmigen Kometen bohren und einen Krater von der Größe eines Stadions und der Tiefe eines mehrgeschossigen Hauses erzeugen soll.

Die Weltraumteleskope Hubble und Chandra werden genau beobachten, wie durch die Wucht des Aufpralls Materie aus dem Kern des im 19. Jahrhundert vom gebürtigen deutschen Astronomen Ernst Wilhelm Leberecht Tempel entdeckten Kometen ins All geschleudert wird. Auch Teleskopenaugen des "Mutterraumschiffes" werden auf das Loch im Himmelskörper, der alle fünfeinhalb Jahre die Sonne umkreist, gerichtet sein, während Instrumente an Bord zugleich die Zusammensetzung der herausgewirbelten Gesteine, Eisbrocken und der freigesetzten Gase analysieren. Die NASA-Wissenschaftler erhoffen sich davon wichtige Erkenntnisse über die Entstehung des Sonnensystems vor rund 4,5 Milliarden Jahren.

Schon seit Jahrtausenden beobachten Menschen fasziniert die Kometen, rätseln über die Bedeutung dieser Himmelskörper, die früher oft als Vorboten verhängnisvoller Ereignisse galten. Für die Wissenschaft sind Kometen vor allem eines: Zeitkapseln, in denen möglicherweise die ursprünglichen Bausteine für unser Sonnensystem konserviert sind. Was Astronomen bisher über die "schmutzigen Schneebälle" wissen, wie die Kometen wegen ihres Eis-, Staub- und Gesteinsgemischs genannt werden, beruht nur auf der Untersuchung der Oberfläche und insbesondere des Schweifs aus Gas und Staub bei früheren Missionen. Aber dieses Material ist so zu sagen manipuliert - etwa durch die starke Sonneneinstrahlung, denen Kometen auf ihrer stark ellipsenförmigen Laufbahn ausgesetzt sind.

Kollision für 4. Juli 2006 geplant

"Die Sache ist eigentlich ganz simpel. Willst Du wissen, was in einem Gegenstand steckt, dann bohrst oder hämmerst Du ein Loch und wirft einen Blick ins Innere", sagt Astronom Michael A'Hearn, Chefwissenschaftler des "Deep-Impact"-Projekts. So soll denn das Raumfahrzeug am 3. Juli das rund 370 Kilo schwere "Projektil" aussetzen, das über Kameras sowie einen eigenen Navigator verfügt und sich direkt in die Bahn des etwa sechs Kilometer breiten Kometen steuern wird. Die Kollision am 4. Juli erfolgt nach den NASA-Plänen bei einer Geschwindigkeit von 10,2 Kilometern pro Sekunde. Die dabei frei gesetzte Energie entspricht etwa der von 4,4 Tonnen des Sprengstoffs TNT.

Das klingt gewaltig, aber die NASA ist trotzdem wenig besorgt, dass der Kometenkern durch die Wucht auseinander brechen könnte: Dazu sei er zu weich. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Komet von seiner Bahn abkommt, wird als sehr gering eingestuft. Schließlich, so sagt ein NASA-Wissenschaftler mit Blick auf die Größe des Geschosses und des Kometen, "ist es so, als ob eine Mücke auf einen Jumbo-Jet trifft".

Gabriele Chwallek/DPA / DPA