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Raumfähre "Discovery": Pläne für den "worst case"

Die abgeplatzten Teile der Treibstofftank-Isolierung könnten einen sicheren Wiedereintritt der "Discovery" in die Atmosphäre gefährden. Für diesen Fall gibt es verschiedene Alternativen für die Crew - beruhigend klingt keine von ihnen.

Während die "Discovery"-Astronauten Andy Thomas und Soichi Noguchi mit einer Laserkamera die Außenhülle des Space-Shuttles auf Schäden prüfen, sucht die amerikanische Weltraumbehörde Nasa fieberhaft nach Möglichkeiten, um eine neuerliche "Columbia"-Katastrophe zu verhindern. Bereits die Untersuchung mit dem an einem Roboterarm befestigten Kamerasensor ist heikel, da Thomas und Noguchi auf keinen Fall gegen die Außenhaut stoßen dürfen. In Cape Caneveral kalkuliert man indessen für den "worst case".

Sollte sich die Stelle mit den abgeplatzten Schaumstoffteilen des Hitzeschildes als zu bedrohlich für einen erfolgreichen Rückflug erweisen, können die Astronauten zunächst zu einem speziellen "Werkzeugkoffer" greifen. Dieser wurde nach der gescheiterten "Columbia"-Mission mit an Bord genommen. Schon damals hatten Schäden an der Außentank-Isolierung zum Verglühen des Shuttles beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre geführt. Die Besatzung soll jetzt während der Weltraumausflüge zwei neue Techniken zur Reparatur von Hitzekacheln und der besonders verstärkten hitzebeständigen Schicht an der Nase und den Flügeln testen. Dabei wird eine Art klebrige Masse auf beschädigte Stellen aufgetragen.

Eine dritte neue Technik sieht vor, eine Spindel mit einem flachen Metalldeckel in das betreffende Loch in der Außenhaut einzulassen. Das Metallschild würde die beschädigte Stelle wie ein Schirm schützen, schreibt die "Los Angeles Times". Die Astronauten hätten aber zu verstehen gegeben, dass sie nur sehr widerwillig ihr Leben einer noch nie zuvor getesteten Technologie anvertrauen würden.

Zuflucht auf der ISS

Sollte eine Reparatur scheitern, kann die Crew der "Discovery" zunächst Zuflucht in der internationalen Raumstation ISS suchen. Die Nasa würde dann nach der "Challenger" (1986) und der "Columbia" das dritte Space-Shuttle verlieren. Die Länge des Aufenthalts der Astronauten auf der ISS hängt dabei vor allem von der Menge an Lebensmitteln und Wasser ab. Nach Einschätzung russischer Experten reicht im Notfall das Essen und Trinken nur einen Monat.

Die Nasa hat kalkuliert, dass bei der Aufnahme der siebenköpfigen Besatzung Atemluft für 53 Tage vorhanden ist. Dies aber nur im Idealfall, denn bereits im Mai wurde auf der ISS ein Ausfall des russischen Sauerstoffgenerators festgestellt. Der russische Kommandant Sergej Krikalijow hatte deshalb vorgeschlagen, die "Discovery" nur mit vier Mann Besatzung aufsteigen zu lassen. Dies hatte die amerikanische Weltraumbehörde abgelehnt.

Für den Fall einer Evakuierung der "Discovery", stünde die Nasa nach dem Stopp aller Shuttle-Flug-Planungen vor weiteren Problemen. Ein Rettungseinsatz der amerikanischen Raumfähre "Atlantis" ist nach den Worten des Direktors des Shuttle-Programms Bill Parsons ausgeschlossen. Zumindest so lange bis das Problem mit der Schaumstoffisolation vom Außentank gelöst sei.

Der Plan, dass der deutsche Astronaut Thomas Reiter mit dem US-Shuttle "Atlantis" im September zu einem Langzeitaufenthalt auf die ISS fliegt, hat sich damit erledigt. Das gesamte internationale Raumfahrtprogramm gerät nun in arge Schwierigkeiten.

Keine Hilfe aus Russland

Denn auch die russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos betonte, im Notfall die US-Besatzung nicht zur Erde heimholen zu können. Für die harte Landung der russischen Sojus-Kapseln müsse jeder Kosmonaut an Bord in speziell auf ihn zugeschnittenen Schalensitzen festgeschnallt werden, teilte ein Sprecher der Raumfahrtbehörde in Moskau mit: "Solche Sonderanfertigungen gibt es für die sieben 'Discovery'-Astronauten nicht." Zudem sei die US-Crew körperlich nicht auf eine Landung in der an einem Fallschirm hängenden Kapsel vorbereitet.

Selbst wenn man das Risko einginge, bleiben nach Einschätzung russischer Experten bilaterale Hindernisse. Für die Rettung wären drei "Sojus"-Kapseln notwendig, die die NASA bei den Russen kaufen müsste. Bislang verbietet aber ein Gesetz in den USA den Erwerb russischer Raumfahrttechnik.

Das Direktoriums-Mitglieder der europäischen Raumfahrtbehörde Esa Dieter Isakeit beschrieb dem RBB-Inforadio derweil eine Möglichkeit Zeit zu gewinnen. "Die ISS kann zunächst weiter mit russischen Raumfähren versorgt werden." Dies setzt jedoch eine Kooperation von Nasa und Roskosmos vorraus. Der nächste unbemannte russische Versorgungsflug eines "Progress"-Raumfrachters zur ISS war für den achten September geplant.

Im möglichen Fall einer "Discovery"-Evakuierung könnte die "Progress"-Mission jedoch keine erfolgreiche Rückkehr der neun Astronauten auf die Erde gewährleisten. Die Zukunft von Andy Thomas und seinen Kollegen steht momentan noch in den Sternen.

ni mit Agenturmaterial