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"Kopfwelten" zu Facebook und Co.: Die Last mit den "Likes"

Viele pflegen das Netz ihrer Freunde über soziale Medien wie Facebook. Tatsächlich kann das Beziehungen festigen und das Gefühl des Dazugehörens stärken. Es kann aber auch eine große Last sein.

Von Frank Ochmann

Kennen Sie das Gefühl, Sie müssten jetzt endlich mal wieder etwas – irgendetwas! – tweeten oder auf Facebook posten, um nicht in einigen Stunden für tot gehalten zu werden? Als "soziale Tiere", die wir nun mal sind, können wir nicht ohne die anderen leben. Wir brauchen gegenseitige Lebenszeichen, um uns in Verbindung zu wissen. So schenken wir uns Zuneigung und Sicherheit. So auch werden wir einander wichtig im Leben, denn der soziale Kontakt mit wohlmeinenden Menschen ist das, was uns Stress abbauen und innere Ruhe finden lässt.

Facebook und die anderen "social media" sind da keine Ausnahme. Natürlich fühlen sich die Kontakte dort anders an als die Begegnungen im richtigen Leben, in dem wir uns die Hände schütteln und umarmen können. Doch dass Stressabbau und füreinander Dasein auch zum Kern der neuen Medien gehören, zeigen zum Beispiel die Untersuchungen von Gustavo Mesch und Ilan Talmud von der Universität Haifa.

Ähnlichkeit als sozialer Klebstoff

Das Netz der Freunde und Bekannten ist zumindest bei den jüngeren Usern von Facebook und Co. zwar weiter gesponnen als bei denen ohne eine Anbindung ans Web 2.0. Doch wer zu wem findet, entscheidet sich im Netz prinzipiell nach den gleichen Kriterien wie "draußen": Freunde – solche mit relativ häufigen Kontakten über Chat, Mail und Postings jedenfalls – sind sich demnach von den Interessen her ziemlich ähnlich, ungefähr gleich alt und oft auch aus derselben geografischen Region. Ähnlichkeit ist also auch im Web der stärkste soziale Klebstoff, den es gibt.

Das hat aber auch eine Kehrseite: Gerade weil einer wichtig ist in unserem Leben, beobachten wir ihn, vergleichen uns, passen uns an. Denn der Zusammenhalt einer Gruppe lebt von der Konformität oder kommt durch sie überhaupt erst zustande. Darum auch vergleichen wir uns ständig mit anderen, suchen Übereinstimmung, Zustimmung, Harmonie. Weil unser "soziales Gehirn" auch in den Zeiten des Web 2.0 noch genau so tickt wie zuvor, sind die Leitlinien unseres Miteinanders weitgehend konstant.

An den Verhältnissen um uns herum allerdings hat sich Gravierendes verändert in den vergangenen Jahren. Kannte man sich früher oder war befreundet, sah man sich vielleicht bei der Arbeit, besuchte sich ab und zu, ging zusammen zum Essen oder auf eine Party. Natürlich wurde auch telefoniert. Man schickte sich Urlaubskarten und Glückwünsche zum Geburtstag. So gut wie immer aber lagen zwischen den einzelnen Kontakten Tage, wenn nicht Wochen oder gar Monate. Es sei denn, man wohnte zusammen.

Jeder will "geliked" werden

Der Takt des sozialen Austausches hat sich seither dramatisch verändert, obwohl es die "alten" Formen gesellschaftlichen Umgangs auch weiter gibt. Wer es heute darauf anlegt, kann sich stündlich, ja minütlich darüber informieren, was sich bei denen tut, die es in die Freundschaftsliste geschafft haben. Und all diese "Freunde" wahrzunehmen, muss man nicht gleich mit ihnen chatten. Es reicht, sich ihre Postings anzusehen, Fotoalben durchzuklicken oder ihren Links zu folgen. Ein amüsanter Zeitvertreib kann das sein – oder eine Last. Denn was, wenn uns nicht gefällt, was wir sehen, weil wir anderer Meinung sind oder uns benachteiligt fühlen?

Wie auch schon vor den neuen Medien wird von uns jede soziale Information, jeder auch noch so vage Eindruck von Zustimmung oder Ablehnung penibel registriert und bewertet. Gibt es etwas Wichtigeres als gemocht zu werden? Doch wann werden wir gemocht? Wenn wir das mögen, was die anderen mögen. Einfacher: Am liebsten wäre uns eine Welt, in der uns alle – alle, die uns wichtig sind zumindest – freundlich zunicken und dieselben "Like"-Button klicken wie wir. Solche Harmonie ist unser unbewusstes Idealbild. Und wir werden manches tun, um ihm im Leben näher zu kommen.

Gefährlicher Einfluss

Der "Like"-Button ist vor diesem Hintergrund kein Mittel neutraler Information oder hin zu einer "Weisheit der Freunde", wie das Facebook nennt, sondern ein ziemlich mächtiges Mittel der Beeinflussung. Es ist nämlich anstrengend, sich gegen die Masse, den Zeitgeist oder eben auch Hunderte von "Like"-Klicks zu stellen. Doch gerade, wer sich nicht so gern die Mühe macht, durch eigenes Denken einer Sache auf den Grund zu gehen, neigt offenbar besonders stark dazu, sich im Web 2.0 zu vernetzen. So jedenfalls eine eben publizierte Studie der Pennsylvania State University, bei der ein Blick auf den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und sozialem Online-Leben geworfen wurde. Ist aber die eigene Position nicht sonderlich gefestigt, wirkt der Einfluss der anderen besonders stark. Und das ist nicht nur eine virtuelle Gefahr.

Seit 2004 erst gibt es Facebook, Twitter kam zwei Jahre später. Und erst seit kurzem entwickeln sich solche Netzwerke und Blogging-Dienste zu einem wahren Massenphänomen. Die Häufigkeit, mit der wir solchen Impulsen ausgesetzt sind oder wenigstens sein können, ist in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel. Das muss nicht gleich zu einem "neuen Menschen" führen und alle Horror- oder Scifi-Visionen wecken. Doch was dieser mächtige Strom der sozialen Beinflussung mit uns machen wird, ist noch nicht recht abzusehen. Versiegen jedenfalls wird er künftig wohl nur noch in Diktaturen oder bei Stromausfall.

Literatur:

  • Graham, A. 2011: The Wisdom of Friends (and Others Too). Facebook-Blog vom 24.3.2011 (http://blog.facebook.com/blog.php?post=10150110059982131)
  • Harrison, F. et al. 2011: Strength of Social Tie Predicts Cooperative Investment in a Human Social Network. PloS ONE 6, e18338
  • Mesch, G. S. & Talmud, I. 2010: Wired Youth – The Social World of Adolescence in the Information Age. London: Routledge
  • Sheldon, K. M. et al. 2011: A Two-Process View of Facebook Use and Relatedness Need-Satisfaction: Disconnection Drives Use, and Connection Rewards It. Journal of Personality and Social Psychology 100, 766–775
  • Zhong, B. et al. 2011: Less effortful thinking leads to more social networking? The associations between the use of social network sites and personality traits. Computers in Human Behavior 27, 1265-1271
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