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Film von Valentin Thurn Wie ernährt man zehn Milliarden Menschen?

Im Jahr 2050 werden wir mindestens neun Milliarden Menschen auf der Welt sein. Schon heute werden nicht alle satt. Was passieren muss, damit wir unsere Lebensgrundlage nicht vollends zerstören.
Von Derik Meinköhn

Im Jahr 2050 werden auf der Erde mindestens neun Milliarden Menschen leben und bis Ende dieses Jahrhunderts, je nach Entwicklung der Geburtenrate, zwischen zehn und 17 Milliarden. Die drängendste Frage wird schon für unsere Kinder sein: "Wie werden wir alle satt?" Zehn Gedanken zum Thema.

1. Wir müssen etwas Radikales tun

Stephen Emmott erforscht für ein Labor von Microsoft den Einfluss, den wir Menschen auf unseren Planeten haben. In seinem gerade als Taschenbuch erschienen Bestseller "10 Milliarden" hat er für jeden verständlich ein aktuelles Bild unserer Lage gezeichnet, mit klaren, einfachen Fakten. Sein Fazit: "Wir sind nicht zu retten, wenn wir nicht wirklich etwas Radikales tun." Er macht wenig Hoffnung.

2. Wir müssen uns mit dem Thema beschäftigen

Genau hier setzt der neue Film "10 Milliarden" von Valentin Thurn an. Er stellt die Frage, wie man eine wachsende Weltbevölkerung ernähren kann, und ob die Methoden, die wir heute anwenden, die richtigen sind. Buch und Film haben denselben Titel. Es sind aber zwei unterschiedliche Geschichten, von unterschiedlichen Autoren. Das Buch zeichnet den Status unseres globalen Wachstums. Der Film fragt nach der Lösung für die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung. Zu Wort kommen Menschen aus der industriellen und ökologischen Landwirtschaft, jeder glaubt an sein System und den Erfolg seiner Methode.

3. Ist Gentechnik eine Lösung?

Der Bayer-Konzern setzt auf Hybridpflanzen. Ein Forscher für gentechnisch veränderte Pflanzen möchte diese gerne so schnell wie möglich auf den Markt bringen, er glaubt daran, dass diese den Ertrag der Ernte steigern. Auf jeden Fall steigern sie den Ertrag des Konzerns. Bayer hält weltweit die meisten Patente auf Samen und Pflanzen, mehr noch als Monsanto. Und die Samen für Hybridpflanzen muss ein Farmer jedes Jahr neu kaufen. Dazu noch die passenden Pestizide und Düngemittel. Dafür versprechen ihm die Hybride eine 20 Prozent höhere Ernte. Wenn die Manager im Film darüber reden, dass sie das bevorstehende Ernährungsproblem mit ihren genveränderten Produkten lösen wollen, fragt man sich aber schon, ob das wirklich ihr Ziel ist, oder nicht vielleicht eine Gewinnmaximierung durch Schaffen von Abhängigkeit.

4. Wir müssen zurück zur Tradition

Dass eine höhere Ernte durch Hybride auch ein höheres Risiko bedeuten kann, zeigt im Film ein Reisfeld in Indien. Eine mehrere Tage dauernde Überschwemmung hat ein komplettes Feld mit Hybridreis zerstört. Auf dem Feld daneben jedoc h wächst eine traditionelle Reissorte, sie hat die Überschwemmung überstanden. Die Inderin Kusum Misra sagt, dass die alten Sorten zwar langsamer wachsen und weniger Ertrag bringen, dafür aber wesentlich resistenter gegen Klimaschwankungen, Überschwemmungen und Schädlinge sind. Sie hat deshalb eine Bank für Saatgut gegründet und bewahrt dort über 700 Sorten auf. Ihr Ziel ist die Unabhängigkeit von der Industrie: "Die Saat soll dem Bauern gehören und nicht dem Konzern."

5. Der Kunst-Dünger wird nicht mehr lange reichen

Ein weiteres Problem der industriellen Landwirtschaft ist der gewaltige Bedarf an Düngemittel. Valentin Thurn besucht ein Kalibergwerk und erfährt dort, dass die Erträge vielleicht noch 40 bis 50 Jahre reichen und dass wir eigentlich vor dem Ende des Kunstdünger-Zeitalters stehen. Die großindustrielle Landwirtschaft ist darauf aber dringend angewiesen. Wie soll es dann weitergehen?

6. Nur Nachhaltigkeit hat Zukunft

Der Landwirt Felix zu Löwenstein erklärt, wie er auf seinem Hof ohne künstlichen Dünger arbeitet. Man muss einen Kreislauf von grünem Dung, Viehdung und Pflanzenzucht schaffen. Er pflügt zum Beispiel regelmäßig Klee unter. Klee ist von Bakterien besiedelt, die Stickstoff aus der Luft binden, und der ist gut für den Boden. Auf Hof Habitzheim hat das dazu geführt, dass die Böden über die Jahre hinweg sogar besser geworden sind, die Humusschicht nimmt zu. Das Problem ist nur, dass diese Form der Landwirtschaft aufwändiger ist und weniger Erträge liefert. Trotzdem glaubt Löwenstein daran, dass das die einzige Möglichkeit ist, alle Menschen nachhaltig zu ernähren, weil die industrielle Landwirtschaft zwar ertragreicher ist, das aber nur auf Kosten unwiederbringlich verbrauchter Ressourcen.

7. Wir müssen anders essen

Müssen wir überhaupt so hohe Erträge erwirtschaften? Die Industrie sagt ja. Wenn man aber weiß, dass 85 Prozent der Sojaernte und 35 Prozent der Getreideproduktion weltweit an Nutztiere verfüttert werden, dass sich 70 Prozent des abgeholzten Amazonaswaldes in Viehweiden verwandeln und ein Großteil der restlichen 30 Prozent für den Futteranbau verwendet wird, dann kommt man auch auf eine andere Lösung: Wir müssen weniger Fleisch essen. Wenn wir anders essen, dann kann auch der nachhaltige Landbau für alle genug Nahrung liefern.

8. Wir müssen bewusst wählen

Dass das nicht den vollständigen Verzicht auf Fleisch bedeuten muss, zeigt ein Hof, auf dem Hühner, Schweine und Kühe auf derselben Wiese zusammen leben. Bilder wie aus einem Kinderbuch. Die Tiere düngen den Boden und die Pflanzen ernähren die Tiere. Ein Huhn von diesem Hof kostet mehr als drei Mal so viel wie ein Huhn aus dem Supermarkt. Wissen Sie, wie ein Supermarkthuhn aufwächst? Thurn besucht die größte Hühnerfabrik Indiens, dort werden jeden Tag eine Million Hühner geschlachtet. Wie das geht, haben die Inder von deutschen Firmen gelernt und auch die gezüchtete Hühnerrasse stammt aus Deutschland. Fleischhühner nennt man sie - geboren um zu fressen und zu wachsen. Damit das schneller geht, hat man ihnen das Sättigungsgefühl weggezüchtet. In Indien essen 40 Prozent der Menschen noch kein Fleisch, für die Hühnerzüchter 500 Millionen neue potenzielle Kunden.

9. Wir brauchen alternative Konzepte

Auf Pflanzen statt auf Fleisch setzt man in Japan. In hochmodernen Pflanzenfabriken werden in sterilen Räumen auf mehreren Etagen Pflanzen gezüchtet. Salat wächst in Wannen, ohne Erde, ohne Insekten, ohne Sonne, High Tech auf kleinstem Raum wie aus einem Science Fiction Film. Mary Clears hat die "Edible City" gegründet, die essbare Stadt. Es fing damit an, dass sie auf brachliegenden Grünflächen mitten in der Stadt essbare Pflanzen säte. Inzwischen macht die ganze Stadt mit, überall wächst etwas Leckeres, und jeder kann sich bedienen. Das hat dazu geführt, dass die Bewohner von Durham auf dem Weg zur Arbeit nicht nur frischen Rhabarber pflücken können, sie reden auch mehr miteinander und haben ein völlig neues Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Zusammen zu gärtnern verbindet. 500 Städte waren von Mary Clears Idee so begeistert, dass auch sie zur essbaren Stadt geworden sind.

Auf die eigene, lokale Erzeugung von Nahrungsmitteln zielt auch Will Allen. Er zeigt im Film, wie man mit Fischen und Pflanzen einen Nährstoffkreislauf aufbauen kann. Die Fische liefern Dünger und die Pflanzen Futter. Die Anlage kann so klein gebaut werden, dass sie in den eigenen Garten passt oder man baut sie etwas größer und kann so eine unabhängige Nahrungsquelle für ein kleines Viertel schaffen.

Dass Unabhängigkeit von der Industrie die Lösung ist, glauben auch Fanny Nanjiwa und Rob Hopkins. Nanijwa erzählt, wie ihr Dorf in Malawi anfing, in kleinen Gärten selbst Lebensmittel anzubauen und so von der Maiswirtschaft unabhängig wurde. Und Rob Hopkins hat für die englische Stadt Kinsale ein Programm entwickelt, um den Energieverbrauch und die Abhängigkeit von Industrieprodukten zu verringern. Lokale Märkte und eine Stärkung der Gemeinschaft gehören zum Konzept. Die britische Zeitung "The Independent" wählte Hopkins unter die 100 wichtigsten Umweltschützer des Landes und sein Modell wurde von über 450 Kommunen weltweit übernommen.

10. Jeder kann etwas tun

Der Film "10 Milliarden" bietet keine Lösung für die Speisung der zehn Milliarden. Er macht aber klar, dass jeder einzelne von uns durch sein Verhalten etwas bewirken kann. Durch das, was auf unserem Teller liegt, bestimmen wir über den Weg, den die Landwirtschaft gehen wird. Und den, den wir jetzt gehen, findet Thurn wahnwitzig "Wenn alle so viel Fleisch essen wollten wie wir, bräuchten wir vier Planeten." Es ist Zeit, darüber nachzudenken, was wir morgen essen wollen.

"10 Milliarden" ist nach "Taste the Waste" der neue Film von Valentin Thurn. Er läuft seit dem 16. April im Kino.


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