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Neues Buch "Mit Gift und Genen": Monsanto - wie ein Konzern die Welt verändert

"Nein" zum Genmais, "Ja" zur Genkartoffel. Mit ihren unterschiedlichen Beschlüssen zum Gen-Saatgut ist Bundesagrarministerin Ilse Aigner in die Kritik geraten. Passend zur Debatte um genveränderte Pflanzen ist das Buch "Mit Gift und Genen" erschienen. Ein spannender Wirtschaftskrimi, der zeigt, wie mächtig der Monsanto-Konzern bereits ist.

Von Lea Wolz

Die Genkartoffel Amflora darf in Deutschland angebaut werden, der Bt-Mais MON 810 dagegen nicht. Rund einen Monat nach dem Anbauverbot von Genmais haben Wissenschaft und Landwirtschaft vor einem Ende der Gentechnik-Forschung in Deutschland gewarnt. Die Forschung in der "grünen Gentechnik" sei unverzichtbar, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Die Forschungsfreiheit dürfe keinem Wahlkampf zum Opfer fallen, sagte DFG-Präsident Matthias Kleiner. Er sorgt sich nach dem Genmais-Verbot um den Forschungsstandort Deutschland. "Es besteht die Gefahr, dass damit in Deutschland eine wichtige Forschungsrichtung verloren geht", sagte er. Freilandversuche würden immer stärker durch Zerstörungen beeinträchtigt.

Passend zu der seit einigen Monaten schwelenden Debatte um genveränderte Pflanzen ist das Buch der französischen Journalistin Marie-Monique Robin "Mit Gift und Genen" erschienen. Ein spannender Wirtschaftskrimi, der allerdings nicht zu einer vorurteilsfreien Debatte über die Grüne Gentechnik beiträgt. Das Buch beruht auf den Recherchen für den gleichnamigen Film, den der Sender Arte vor einem Jahr ausstrahlte, ist jedoch um ein paar Details erweitert. Drei Jahre hat die Tochter französischer Bauern sich mit Monsanto beschäftigt, weltweit mit Landwirten, Wissenschaftlern, Behörden und Politikern gesprochen, wissenschaftliche Studien und Dokumente gesichtet und die Firmengeschichte studiert. Ihr Fazit: In vielen Ländern wurden gentechnisch veränderte Organismen (GVO) eingeführt, ohne fundiert eine schädliche Auswirkung auf den Menschen und die Umwelt ausgeschlossen zu haben. Schlimmer noch, kritische Stimmen bringe der Konzern zum Schweigen und sichere sich durch Lobbyarbeit Einfluss. Getrieben von Profitgier sei es das erklärte Ziel des Konzerns, die Ernährung der Welt zu kontrollieren - über eine Monopolstellung beim Saatgut.

Patente auf Leben

In der Tat erschrecken die Zahlen: 90 Prozent aller weltweit angebauten Gen-Pflanzen stammen derzeit schon von Monsanto. Der Agrobiotechnologie-Agentur ISAAA zufolge, die seit 1996 die Anbautrends gentechnisch veränderter Pflanzen weltweit beobachtet, haben Landwirte 2008 in 25 Ländern auf 125 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Nutzpflanzen wie Baumwolle, Raps und Mais angebaut. Damit stieg der Anbau um gut zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Beim Soja-Anbau liegt der Anteil der genveränderten Pflanzen weltweit schon bei 70 Prozent. Ein mächtiger Markt also, auf dem sich Monsanto Robin zufolge zunehmend Einfluss sichert.

Doch wer ist dieser Biotechnologie-Konzern mit Sitz in St. Louis im US-Staat Missouri eigentlich? In dem Buch "Mit Gift und Genen" wird die Firma näher beleuchtet, die in den aktuellen Debatten immer wieder auftaucht. Ausführlich zeichnet Robin die Entwicklungsgeschichte des Monsanto-Konzerns von einer Chemiefabrik zum Produzenten von gentechnisch verändertem Saatgut nach. Dabei deckt sie Beziehungsgeflechte zwischen dem Konzern, Ministerien und Zulassungsbehörden auf und zeigt, wie Personal hin- und hergeschoben wurde. Aussagen von Monsanto selbst fehlen allerdings, da Robin diese nicht bekam. Dafür betreibt die Autorin ausreichend Feldarbeit: Sie spricht mit Bauern über die Auswirkungen des genveränderten Saatgutes auf Umwelt und Erträge. Zudem wirft sie die Frage auf, ob überhaupt Patente auf Lebewesen vergeben werden dürfen - zum Beispiel auf Schweine. Denn solche Patente treiben Landwirte in die Abhängigkeit. Bei genverändertem Mais zum Beispiel dürfen keine Körner für die nächste Saat aufgehoben werden. Vielmehr muss das Saatgut in jedem Jahr neu bei dem Konzern bestellt werden.

Trotzdem bleibt bei aller Ausführlichkeit ein Rest Skepsis nach der Lektüre. Zu arrangiert wirken die Fakten, zu offensichtlich die Bemühungen, den "Ansturm auf die Gene" als "eine der größten Intrigen der Agrarindustrie" und damit die Gentechnik als große Verschwörungstheorie darzustellen. Und wenn Robin davon spricht, dass Molekularbiologen das Fremdgen mit Hilfe eine Vermittlers "mit Gewalt" (Hervorhebung im Original) in die Zelle schleusen, verrät diese Dramatik mehr über die Ambitionen der Autorin als über die Gentechnik.

Daher hilft das Buch auch nicht, eine vorurteilsfreie Diskussion über Chancen und tatsächlich vorhandene Gefahren der grünen Gentechnik anzustoßen. Nötig wäre eine solche Diskussion allerdings, da Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner mit ihrem Verbot der Maissorte MON 810 keine Grundsatzentscheidung zum Umgang mit dieser Technologie getroffen hat. Die Frage, ob gentechnisch veränderte Pflanzen in Deutschland angebaut werden dürfen oder nicht, wird sich daher in Zukunft wieder stellen.