50 Jahre Telefonseelsorge Hochkonjunktur dank Handy


Sie sind Kummerkasten, Prellbock, Spiegelbild und manchmal auch Lebensretter. Seit 50 Jahren gibt es die Telefonseelsorge - und wird mehr denn je gebraucht.

7000 ehrenamtliche Mitarbeiter der Telefonseelsorge kümmern sich jährlich um etwa zwei Millionen Anrufer. Sie hören Frauen, Männern und Kindern zu, die keinen anderen Ausweg mehr wissen - anonym, kostenlos, rund um die Uhr und ohne Tabus. Seit inzwischen 50 Jahren existieren in Deutschland die Notfallnummern für Menschen in der Krise. Das Jubiläum wird an diesem Samstag mit einem Festgottesdienst im Berliner Dom gefeiert.

Längst keine "Lebensmüdenbetreuung" mehr

Die 1956 vom Berliner Arzt, Pfarrer und Psychotherapeuten Klaus Thomas gegründete Telefonseelsorge ist längst nicht mehr nur eine "Lebensmüdenbetreuung". In Deutschland existieren 105 Einrichtungen, die meisten davon in gemeinsamer Trägerschaft von evangelischer und katholischer Kirche. Seit die Deutsche Telekom am 1. Juli 1997 die Kosten für sämtliche Gespräche übernahm, sind die Anrufe gebührenfrei. Nach eigenen Angaben unterstützt der Konzern die Telefonseelsorge 2006 mit 3,3 Millionen Euro.

In den Gesprächen am Telefon spiegeln sich die Probleme der Gesellschaft. Psychische Erkrankungen, Partnerschaftskrisen und Einsamkeit sind die häufigsten Themen. "Es ist auffällig, dass immer mehr psychisch Kranke anrufen", sagt Erich Biel, Leiter der Telefonseelsorge in Freiburg. "Die Gesellschaft verlangt ein hohes Maß an Durchsetzungsvermögen. Dem sind viele nicht gewachsen. Manche Menschen fallen durch alle sozialen Netze."

15.000 Kontake im Jahr 2005

Biel ist Theologe und Psychologe und seit 26 Jahren dabei. Der 59- Jährige weiß, wie sich manche gesellschaftliche Entwicklung auf seine Arbeit auswirkt. "Es gibt nicht mehr so viele Selbsthilfegruppen wie in den 80er Jahren. Und das Gesundheitswesen baut geradezu darauf, dass kranke Menschen bei uns Unterstützung bekommen."

Fast zwei Drittel der Anrufer sind Frauen. Männer haben nicht weniger Probleme, aber sie sind scheuer als Frauen und anders gepolt, wie Biel sagt. "Viele meinen, die Sache wird auch nicht besser, wenn ich darüber rede." Bei älteren Männern im Rentenalter gebe es die höchste Suizidrate. "Aber gerade die rufen so gut wie nie an." Leichter tun sich Männer mit der Kommunikation via Internet. Dieses Angebot wird immer stärker genutzt, 2005 gab es 15.000 Kontakte.

Mit der Handyschwemme kamen die Kinderanrufe

Mit der Handyschwemme Ende der 90er Jahre explodierte die Zahl der Kinder, die sich telefonisch an Seelsorger wenden. "Es gibt sehr viele Kids, die sich einsam fühlen, trotz intakten Elternhauses und cooler Clique", erzählt Pastorin Friederike Jordt. Die 43-Jährige ist Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Bremen und kennt die Sorgen der unter 18-Jährigen: "Sie haben Liebeskummer, wissen nicht, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen sollen, haben Angst vor den Zeugnissen oder wollen einfach nur ihre Aggressionen ausleben."

Wer meint, dass vor allem im trüben November die Hochzeit bei der Telefonseelsorge anbricht, der irrt. "Im November gehören Depressionen ja fast zum guten Ton", sagt Friederike Jordt. "Aber der Mai, wenn alles grünt und blüht oder ein heißer Sommer, wenn alle fröhlich sind, sind für depressive Menschen viel schlimmer." Rund 12.000 Anrufe pro Jahr gehen in Bremen ein, der Löwenanteil in der Zeit zwischen 14.00 und 18.00 Uhr.

"Vielzahl der Anrufer gehört zu Hochrisikogruppen"

Sich einlassen, aber auch loslassen können - das verlangt Friederike Jordt von den Menschen, die sich als ehrenamtliche Telefonseelsorger ausbilden lassen. "einfühlsame, sensible Zuhörer" sollen sie sein. Zwölf Monate lang werden die Bewerber auf Herz und Nieren geprüft. "Die Menschen sind das Werkzeug am Telefon. Da ist es gut, wenn sie sich selbst kennen", sagt die Ausbilderin. Frauen stellen die überwiegende Mehrheit. Und fast alle sind gläubig, wenn auch nicht zwingend im konfessionellen Sinne. Mancher hat selbst viel Leid erfahren und will nun helfen, es bei anderen zu lindern. Es sind aber nicht nur Menschen mit sozialen oder pädagogischen Berufen, die 12 bis 16 Stunden ihrer Freizeit pro Monat opfern, um anderen zu helfen. Erich Biel hat beobachtet, dass immer mehr Leute aus technischen Berufen "die andere Seite kennen lernen wollen".

Manche machen sich keine Vorstellung davon, was sie erwartet, sagt Biel. In Freiburg werden jährlich etwa 16.000 Gespräche geführt. Zwar liege der Anteil suizidgefährdeter Menschen bei unter einem Prozent. "Aber eine Vielzahl der Anrufer gehört zu Hochrisikogruppen." Nicht immer gelingt es, verzweifelte Menschen vom Äußersten abzuhalten. Und das Erlebnis der Hilflosigkeit brennt sich ein.

Biel hatte vor Jahren einen Mann am Telefon, der sich mit Aufputschmitteln das Leben nehmen wollte. "Er war krank und hatte seine Selbstachtung verloren, weil er nicht mehr für seine Familie sorgen konnte", erzählt er. "Ich versuchte, ihm zu helfen, aber er hat nicht durch die Tür treten können." Der Mann bat den Seelsorger, zwei Stunden später seiner Frau die schlimme Nachricht zu überbringen. "Das hat mich lange nicht losgelassen. Aber man muss auch lernen, dass man nicht allmächtig ist."

Ines Bellinger/DPA DPA

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