VG-Wort Pixel

TV-Kritik zu "The Voice of Germany" Das F-Wort hat Hochkonjunktur


Neue Runde, altes Spiel: Bei "The Voice of Germany" haben sich wieder mal alle bis zum Umfallen lieb. Trotz der ganzen Lobhudelei müssen zum Schluss zwei Kandidaten das Feld räumen - und der Fremdschamfaktor wird ebenfalls aktiviert.
Von Hannah Wagner

Dass es bei dieser Sendung wirklich nur um die Stimmen der Kandidaten geht, beweisen diese gleich zu Anfang der vierten Liveshow von "The Voice of Germany". Zum Auftakt geben die acht Konkurrenten ein Medley von Pink und Maroon 5 zum Besten. Sie wollen die Party in Gang bringen und sich dabei wie Mick Jagger bewegen. Das mit der Party scheint - zumindest bei ihren Coaches - zu klappen. Das mit den Moves weniger bis gar nicht. Aber gut, es geht ja hier nicht um Bühnenpräsenz, Aussehen und Bewegung. Es geht um die Stimme Deutschlands. Heute treten die Teams Rea und Nena gegeneinander an.

Als erstes darf die Achtziger-Ikone eines ihrer Pferde ins Rennen schicken. Yasmina Hunzinger macht den Auftakt mit "Baby Love" von Mother's Finest. Anschließend versucht sich Prince-Double Benny Fiedler an Tim Bendzkos "Wenn Worte meine Sprache wären". Beides nett, beides gut gesungen, so richtig in Fahrt will die Show aber noch nicht kommen. Da kommt die erste Werbeunterbrechung nicht ungelegen.

Anja Kling beim "Blind Date" erwischt

Doch nach der Werbepause scheint in der Werbepause zu sein. Auf einem Streifzug durchs Publikum entdeckt Moderator Stefan Gödde rein zufällig Schauspielerin Anja Kling, die rein zufällig ein totaler Fan der Show ist und rein zufällig die Gelegenheit nutzt, Werbung für ihren neuen Film auf Sat.1 zu machen. Rein zufällig hat sie allerdings nicht alle Sendungen sehen können, aber schon bei den "Blind Dates" habe sie gemerkt, dass alle Kandidaten das Zeug zum Sieger hätten. Na gut, so ein Ausrutscher kann schließlich jedem mal passieren. Dass Gödde sie darauf hinweist, dass die Anfangsphase bei "The Voice" aus "Blind Auditions" bestand, ist ja auch ein bisschen witzig. Finden die beiden zumindest.

Und dann dürfen auch The BossHoss noch etwas Werbung in eigener Sache machen. Die Cowboys präsentieren ihren Song "Don't gimme that" und zeigen den Gesangsazubis dabei, wie es richtig geht. Nachdem die Reklame jetzt gefühlt verdoppelt wurde, darf endlich das nächste Talent auf die Bühne: Sharron Levy, gerne mit Gitarre unterwegs, kann aber auch Schlagzeug, wie der Einspieler verrät. Und der verspicht auch in gesanglicher Hinsicht viel. Sharron singt Tom Jones' "Burning down the House" - und wirkt dabei wie Pink für Arme. Intonation und Look stimmen, es mangelt allerdings an Überzeugungskraft. Auch Jasmin Graf reißt mich nicht vom Hocker. Außerdem beginne ich, je länger die Sendung dauert, am Geschmack des Menschen zu zweifeln, der für die Outfits der Kandidaten verantwortlich ist.

Un-fucking-möglich!

Die Jury ist allerdings fast immer begeistert. Es wird geknutscht, geknuddelt, gehuldigt und gelobt, was das Zeug hält. Die Kandidaten sind unglaublich dankbar. Aber natürlich nicht so dankbar, wie ihre Coaches, die sich freuen, mit so tollen Talenten zusammen arbeiten zu dürfen. Die Wettbewerber sind un-fucking-glaublich und so "fucking awesome". Das F-Wort wird im Laufe der Sendung immer beliebter. Natürlich nur im positiven Sinne. Erst mit dem Auftritt von Michael Schulte aus Team Rea kommt leise Kritik auf. Aber natürlich nicht am Kandidaten, sondern am Coach. Der hat einfach das falsche Lied für seinen Zögling gewählt. Un-fucking-möglich! Vielleicht hätte es aber auch ein besser sitzendes Jacket getan. Nenas Seelenverwandter Behnam Moghaddam singt "Hurt" in der Johnny-Cash-Version und haut seine Mentorin damit vom Hocker. Natürlich.

Die Highlights der Show werden dem Zuschauer wieder einmal bis zum letzten Moment vorenthalten. Da kommt die Frage auf, ob die Reihenfolge der Auftritte Zufall oder Kalkulation ist. Kim Sanders liefert eine traumhafte Version von "Killing me softly" und das Schlusswort hat Publikumsliebling Percival mit "Seven Nation Army" von den White Stripes. Und obwohl das wohl einer der ausgeleiertsten Songs der Musikgeschichte ist - er rockt ihn. Findet auch das Publikum und grölt nach dem letzten Akkord noch in feinster Stadionmanier weiter. Der skurrile Typ zeigt mit seinem Auftritt vor allem, dass es oft eben doch auf Bühnenpräsenz und Entertainment-Qualitäten ankommt.

Nicht mehr als gut gesungene Coverversionen

Im Großen und Ganzen geben die Sänger stimmlich und die Coaches ansonsten alles. Es wird getanzt, gejubelt, auf dem Boden herumgerobbt. Auch an Effekten wird nicht gespart: Lightshow, Pyroeffekte, blinkende Mikrofonständer, massenweise Tänzer. Die wirken in den meisten Fällen allerdings eher ablenkend als unterstützend. Ich habe den Schnelldurchlauf in den letzten Votingminuten bitter nötig, denn dank Kim und Percival habe ich keinen blassen Schimmer mehr, was wer wie eigentlich am Anfang der Sendung gesungen hat. Die meisten Teilnehmer wirken - wie in jeder anderen Castingshow auch - vollkommen austauschbar und hinterlassen kaum bleibenden Eindruck. Auch wenn die Jury nicht müde wird, zu betonen, jeder einzelne hätte den jeweiligen Song zu seinem eigenen gemacht - fast alle hörten sich wie gut gesungene Coverversionen an. Nicht mehr, nicht weniger.

Zum Schluss entscheidet das Publikum sich für Behnam Moghaddam, Kim Sanders, Percival und Jasmin Graf - die zu Recht überrascht ist. Nena und Rea nehmen außerdem Sharron Levy und Michael Schulte mit. Benny und Yasmina haben das Nachsehen. Und was schließen wir daraus? Man kann dieser Sendung einiges vorwerfen, aber ungerecht ist sie nicht. Allerdings braucht es zum Fremdschämen nicht immer schlechte Sänger und Dieter-Bohlen-Sprüche. Eine gute Portion Schmalz tut es auch.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker