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Archäologie: Das Geheimnis der Nasca-Linien

Riesige Linien, Spiralen und Figuren, eingeritzt in den Boden des peruanischen Hochlands - bis heute weiß man wenig über die rätselhafte Nasca-Kultur. Dank neuer Grabungen ist es Archäologen nun gelungen, den Schleier ein Stück weiter zu lüften.

Eigentlich ist Nasca nur eine Kleinstadt im peruanischen Hochland. Doch seit über einem halben Jahrhundert steht ihr Name für einen Mythos: Rund um die Siedlung zwischen den Andenausläufern und der Pazifikküste befinden sich die rätselhaften "Linien von Nasca", kilometergroße Flächen und riesige Figuren, die von den Siedlern vor vielen hundert Jahren in den Erdboden gekratzt wurden. Warum sie das taten und welche Bedeutung die Spiralen, Trapeze und Tierdarstellungen der Geoglyphen hatten, darüber konnten Wissenschaftler lange Zeit nur spekulieren. Waren es Kalender, astronomische Aufzeichnungen, Anzeigen für unterirdische Wasseradern, Botschaften an die Götter oder gar Landebahnen für Außerirdische?

Jetzt bringt ein interdisziplinäres Team von Forscher Licht ins Dunkel, berichtet das Magazin "bild der wissenschaft". "Wenn wir etwas über die Geoglyphen erfahren wollen, müssen wir nach den Menschen schauen, die sie gefertigt haben", beschreibt Markus Reindel, Prähistoriker vom Deutschen Archäologischen Institut, die Motivation des gigantischen Unternehmens. Also vermaßen und erfassten die Forscher nicht nur alle Geoglyphen, sie untersuchten auch den Untergrund, die menschlichen Überreste und die Klima- und Siedlungsgeschichte rund um den Ort Palpa, etwas nördlich von Nasca gelegen, wo die Figuren ungewöhnlich dicht beisammen liegen.

Uralte Kulturen entdeckt

Überraschend stießen die Wissenschaftler dabei nicht nur auf Spuren der von 200 vor Christus bis 600 nach Christus reichenden Nasca-Kultur, sondern auch auf die zweier älterer Gesellschaften: der Paracas-Kultur, die etwa um 800 vor Christus begann, und auf Keramikartefakte einer Gruppe, "die wir zunächst gar nicht einordnen konnten", sagt Reindel. Sie gehören wohl zu einer bislang nahezu unbekannten Kultur, die während der so genannten Initialzeit von 1800 bis 800 vor Christus dort ansässig war. Ergänzt wurden diese Funde schließlich von Daten, die die Klimaentwicklung rund um Palpa während der drei Perioden beschreiben.

Damit ergab sich ein relativ umfassendes Bild für die Forscher: Vor knapp 4000 Jahren veränderte sich das Klima am Fuß der Anden, es wurde trockener und zwang die Menschen, sich in die Nähe der Fluss-Oasen zurückzuziehen. Wahrscheinlich als Folge dieser veränderten Lebensbedingungen begannen sie, Keramiken herzustellen und diese mit Figuren zu verzieren, beispielsweise mit katzenartigen Wesen. Etwa mit Beginn der Paracas-Kultur kratzten die Menschen diese Bilder - Tiere, Menschen, Sterne und mythische Wesen - dann auch in die Felsen, die ihre Flusstäler umgaben. Noch etwas später, Reindels Ansicht nach etwa seit 700 vor Christus, übertrugen sie die Darstellungen schließlich ins Gelände: Sie entfernten Steine von der Oberfläche oder häuften sie auf und schufen so bis zu 30 Meter große Figuren an den Berghängen.

Wurden sie für religiöse Rituale genutzt?

In der Nasca-Zeit veränderte sich das Klima abermals. Es wurde noch trockener und der Rand der nördlichen Atacama-Wüste verschob sich nach Osten in die Berge hinein. Als Folge davon verlegten auch die Menschen ihre Siedlungen in die Hochtäler der Gebirgsausläufer. Gleichzeitig veränderten sich die Erdbilder: Sie wurden nun auf den Hochflächen der Pampa angelegt, wurden größer und bestanden hauptsächlich aus geometrischen Figuren, Linien und Flächen.

Interessanterweise sind die Bilder zwar nur aus der Luft als Ganzes erkennbar, sehen kann man jedoch fast alle von jedem Punkt des Geländes aus. Und genau das war nach Ansicht von Reindel und seinen Kollegen beabsichtigt. "Die Geoglyphen waren nicht dazu da, angeschaut zu werden", betont der Archäologe. Seine Schlussfolgerung: Die Figuren wurden für religiöse Rituale und Feste genutzt.

Die Landschaft ersetzte die Tempel

Hinweise darauf gibt es eine ganze Reihe. So fanden die Forscher entlang der Linien rituelle Gefäße und viele Steinhaufen, die Überreste typischer Opfergaben enthielten. Pfostenlöcher könnten Masten mit Wimpeln und Fahnen enthalten haben und der Boden innerhalb der Linien ist sehr viel stärker verdichtet als außerhalb - möglicherweise, weil viele Menschen darauf herumgelaufen sind. "Das spricht für Prozessionen, vielleicht mit Musik und Tanz, wie das ja auf den Keramiken dargestellt ist", erklärt Reindel. Der Forscher ist sicher: Auf diese Weise wurde die unbelebte Natur in den Alltag der Palpa-Leute einbezogen. "Deswegen haben wir in den Siedlungen auch keine Tempel gefunden - die ganze Landschaft war Kultbereich".

Welche Religion innerhalb der Figuren ausgeübt wurde und wie Gesellschaft und Hierarchie in der Nasca-, der Paracas- und der Initialzeitkultur aufgebaut waren, darüber wissen die Forscher noch sehr wenig. Und daher wird der Mythos um das Gebiet um Nasca und Palpa wohl auch die nächsten Jahre nicht verschwinden.

Ilka Lehnen-Beyel/DDP / DDP
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