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Do-it-yourself-Wissenschaft: Leben in Zahlen

Eine wachsende Szene von Do-it-yourself-Wissenschaftlern macht den eigenen Körper zum Experimentierfeld - nicht mit Drogen, sondern mit dem Vermessen der Daten des eigenen Körpers.

Von Georg Dahm, Amsterdam

Viele Do-it-yourself-Wissenschaftler wissen, wie viele Stunden sie letzte Nacht im REM-Schlaf verbracht haben

Viele Do-it-yourself-Wissenschaftler wissen, wie viele Stunden sie letzte Nacht im REM-Schlaf verbracht haben

Eine gewaltige schwarze Spinne umklammert Jakob Eg Larsens kahles Haupt und nährt sich von seinen Gedanken. Was kein Grund zur Beunruhigung ist, weil der Wissenschaftler das Vieh nicht nur selbst dort platziert, sondern auch erschaffen hat. "Endlich kommt mal einer mit einem Gehirnscanner", twittert ein zufriedener Zuschauer, als der große, schwarz gekleidete Däne die Bühne betritt und seine Kreation präsentiert: Ein tragbares EEG-Gerät, das laufend Larsens Hirnaktivität misst und als buntes 3-D-Bild auf seinem Smartphone abbildet.

Jederzeit genau zu wissen, was im eigenen Kopf passiert: ein Traum für die Szene, die sich an diesem Wochenende in einem Amsterdamer Designhotel versammelt hat. "Selbsterkenntnis durch Zahlen" lautet das Motto der in Kalifornien entstandenen "Quantified Self"-Bewegung, die am Wochenende ihre erste Europa-Konferenz abgehalten hat.

Freaks und Forscher

Wie eine Mischung aus Selbsthilfegruppe, Forschertagung und Startup-Inkubator wirkt die Zusammenkunft von Menschen, die mit einer Leidenschaft ihr Leben vermessen, dass jedem Datenschützer ganz schwindlig wird. Viele hier wissen genau, wie viele Schritte sie heute gegangen sind und wie viele Stunden sie letzte Nacht im REM-Schlaf verbracht haben. Andere können eine Stimmungskurve der letzten drei Monate an die Wand projizieren, speichern die GPS-Daten ihrer Trainingsläufe oder fotografieren jede ihrer Mahlzeiten. Viele wollen leistungsfähiger werden, Stimmungsschwankungen verstehen, sich besser fühlen, abnehmen oder effektiver trainieren. Andere treiben chronische Krankheiten wie Diabetes, Asthma oder Parkinson dazu, ihren Alltag in allerlei Statistiken zu überführen - und nach Stellschrauben zu suchen, die ihr Arzt nicht findet.

Um die Leidenschaft für dieses "Self tracking" und "body hacking" ist eine schnell wachsende Forscher- und Unternehmerszene entstanden. "Vor vier Jahren hat man auf diesen Treffen noch viel mehr Freaks getroffen", sagt der dänische IT-Unternehmer Mads Rydahl, "jetzt geht es ganz oft ums Geschäft." In Amsterdam stellt Rydahl seinen Online-Dienst Pulsetracks vor, über den Läufer GPS-Protokolle abspeichern können - so entsteht ein Weltatlas der beliebtesten Strecken.

Den Startups folgen die Konzerne

Inzwischen stehen den Do-it-yourself-Forschern eine Vielzahl von Messinstrumenten, Apps und Onlinediensten zur Verfügung. Der Schrittzähler Fitbit, das Schlaf-Messgerät Zeo, die Stimmungsplattform Moodscope und der Zeitprotokoll-Dienst Rescuetime gehören zum Werkzeugkasten vieler Self-Tracker. Und die Entwicklung geht weiter, unter die Startup-Gründer mischen sich auch Vertreter von Konzernen wie Unilever, die aus der Mess-Leidenschaft ein Geschäft machen wollen.

Dem Verbraucher im Alltag auf Schritt und Tritt zu folgen, interessiert auch die Medizinbranche: Das US-Startup Asthmapolis etwa will Asthmatiker zu mobilen Datensammlern machen, um herauszufinden, wann und wo die Luft für sie besonders gefährlich ist. Das Instrument: Ein Funksensor, der genau registriert, wann und wo Asthmatiker ihr Notfallspray benutzen - wertvolle Daten auch für den Arzt und den Patienten, der oft keinen Überblick darüber hat, wie oft er einen asthmatischen Anfall hatte.

Ein breiteres Publikum spricht der britische Psychologe Caspar Addyman an: Mit seiner Gratis-App Boozerlyzer können Smartphonebesitzer nicht nur ihren Alkoholkonsum protokollieren, sondern auch mit einer kleinen Testbatterie die Wirkung messen. Die anonymisierten Daten nutzt Addyman für seine Forschung - langfristig will er mit einer weiter entwickelten App die Wirkung der grassierenden Designerdrogen erforschen.

An der Liebe gescheitert

Ob die selbst geschnitzten Forschungsprojekte, über die sich die Self-Tracker hier austauschen, wissenschaftlichen Standards genügt, ist den meisten Selbsterforschern herzlich egal: Hauptsache, sie fühlen sich besser, Hauptsache, das Resultat stimmt. Schon das Messen, das Sichtbarmachen des Alltags kann disziplinierende oder heilende Wirkung haben, ist die immer wieder geäußerte Erkenntnis. Die junge US-Forscherin Nancy Dougherty spielt ganz bewusst mit diesem Effekt: In einem Selbstversuch nahm sie erfolgreich Placebo-Tabletten gegen Konzentrationsstörungen und Antriebsschwäche- wohl wissend, dass sie keinen Wirkstoff enthielten. Es genügte ihr, die aufkeimenden Gefühle wahrzunehmen und statistisch zu erfassen.

Nur mit der Erfassung eines Lebensbereichs tun sich die leidenschaftlichen Datensammler doch ein bisschen schwer: Liebe. Ja, als Spiel hätten er und seine Freundin sich schon mal eine Zeitlang Beziehungsnoten gegeben, sagt der Leiter einer Diskussionsrunde über quantifizierte Beziehungen. "Aber das machen wir nicht mehr."

FTD
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