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Entspannung: "Mit Yoga sperre ich den Alltag aus"

Er war rastlos vom Stress, alles tat ihm weh, und nichts half - bis er auf den Rat einer Freundin hörte und es mit "esoterischem Verknoten" versuchte. Wie ein Skeptiker zum Fan der indischen Lehre wurde.

Von Nicolas Büchse

Yoga ist längst zu einem Massensport geworden

Yoga ist längst zu einem Massensport geworden

Barfuss sitzt Christian-Johannes May auf einer blauen Matte. Seine Augen sind geschlossen, die Beine zum Schneidersitz verschränkt, er dreht die Handflächen nach oben vor das Brustbein. Um ihn herum im weiß getünchten Raum sitzen fünf Frauen und zwei Männer. Eine ruhige Stimme sagt: "Bringe alle Sinne nach innen und achte auf die Stille in deinem Körper." May genießt die Zeit. "Yoga ist so herrlich uneitel, das gefällt mir", sagt er. Hier, zwischen Gleichgesinnten, muss er sich nicht um sein Auftreten kümmern, hier zählen nicht wie in seinem Job in der PR-Branche Oberflächlichkeit und Exklusivität: "Lifestyle habe ich in meinem Leben schon genug."

Yoga ist auch für Pragmatiker geeignet

Bereitwillig turnt der 28-jährige Hamburger die Übungen unter den wachsamen Augen der Yogalehrerin Ute Marek. Und staunt noch immer ein bisschen über sich selbst. Ausgerechnet er macht Yoga, der Pragmatiker, für den das alles überdrehter Esoterikquatsch von Alt-Hippies war. Bis an jenem Abend vor einem Jahr. Zwei wichtige Fachmessen in zwei Wochen hatte er hinter sich, kein Wochenende zur Regeneration; stattdessen Telefonate, Termine, Meetings. Und jeden Tag: Schmerzen, die die Stunden zur Qual machten. Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Gliederschmerzen.

"Ich kam von der zweiten Messe nach Hause, habe meine Tasche in die Ecke geworfen und geschrien: 'Jetzt reicht's'", erzählt May. "Ich hielt es nicht mehr aus, mit den Kopfschmerzen aufzuwachen, mit denen ich eingeschlafen war." Christian May wusste, dass er Entspannung brauchte, doch er wusste nicht, wie das geht: abschalten. Spätabends rief er noch einmal die E-Mails auf, aus Angst, etwas zu verpassen, und weil er schon einmal dabei war, natürlich auch noch seine Seiten in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Xing. Ständig klingelte, brummte oder piepte es in seiner Umgebung. Wenn er sich ins Bett legte, dachte er schon an die Aufgaben des nächsten Tages, daran, wen er für ein Projekt noch anrufen sollte, wo er Freunde am Wochenende treffen konnte und wann er vielleicht noch Zeit zum Einkaufen hatte. Die Gedanken rasten auch nachts durch seinen Kopf. Sie machten ihn rastlos, sein Körper war ständig unter Strom, sein Nacken permanent verspannt.

Der Stress steckt in den Muskeln

"Ich habe ein starkes Temperament und eine Sensibilität, die mich empfänglich für Reize machen, auch negativer Art", sagt er heute. "Der Stress steckte mir monatelang buchstäblich im Rücken." May hatte schon vieles probiert: Zweimal in der Woche war er zum Rückentraining gegangen, dreimal ins Fitnessstudio. Er hatte gelernt, den Rücken im Alltag zu entlasten, Massagen genommen, sogar einen Sitzball an den Schreibtisch gerollt. Die Schmerzen blieben, sie zogen weiterhin vom Nacken in die Stirn. Yoga hatte er nicht probiert. Es war für ihn gar nicht infrage gekommen, das war Ökokram, esoterisches Verknoten von Menschen in Sackkleidern, die sich an Räucherstäbchen berauschen und "Ommm" murmeln.

Aber an jenem Abend nach der Messe, an dem er erkannte, dass es so nicht weitergehen konnte, schien ihm der Rat einer Freundin nicht mehr völlig abwegig, es vielleicht doch mal mit Yoga zu versuchen. "Du brauchst nicht nur Sport", hatte sie ihm gesagt. "Du brauchst etwas für Körper und Geist, etwas Ganzheitliches." May meldete sich zu einer Probestunde an. Aus dem Versuch sind schon mehr als 100 Yogastunden, aus dem Yogaskeptiker ist ein Fan geworden.

Seine Beine sind nach hinten gestreckt, der Hintern nach oben, die Arme nach vorn, mit den Händen drückt er sich auf zwei Holzklötzen ab, Christian Mays Gesicht läuft rot an. Nur das Gurgeln der Heizung und leises Ächzen der Yogaschüler unterbricht die Stille im Übungsraum. Der Kurs versucht sich am "nach unten schauenden Hund". Ute Marek geht durch den Raum, prüft die Körperspannung ihrer Schüler, korrigiert und lobt. "Diese Stellung streckt die ganze Wirbelsäule und beruhigt das Gehirn", sagt sie, geht auf Christian May zu, setzt die Hände auf seinen unteren Rücken, schiebt sie nach vorn und hilft so, die Wirbelsäule zu verlängern. "Yoga ist ein anstrengender Sport", sagt er gepresst, "ich schwitze wie nach einem Tennisspiel, und nach den ersten Stunden hatte ich einen höllischen Muskelkater." Ute Marek lächelt. Egal, wie verspannt und belastet die Teilnehmer in ihre Kurse kämen, sagt sie, schon nach wenigen Übungseinheiten blühten sie auf. "Die Leute sind auf einmal viel ausgeglichener und fröhlicher", versichert sie. Seit zwölf Jahren unterrichtet die 46-Jährige Iyengar- Yoga.

Diese Variante der indischen Lehre wurde von dem Yogi B. K. S. Iyengar begründet, er ist heute einer der bekanntesten Yogameister mit der größten Anhängerschaft. Obwohl er vor Kurzem 90 Jahre alt geworden ist, begeistert er seine Anhänger noch immer mit körperlichen Höchstleistungen und schafft es locker, 15 Minuten lang im Kopfstand auszuharren. "Alter ist nichts, was uns am Üben hindern könnte. Man muss einen starken Willen haben", lautet ein Lehrspruch des Meisters. Meditative oder philosophische Aspekte nehmen bei seiner Yogarichtung während des Unterrichts etwas weniger Raum ein als bei anderen, es geht vor allem um die Ausführung der Yogahaltungen, der Asanas. Durch sie soll im Laufe der Zeit ein inneres Gleichgewicht erreicht werden.

120 Asanas gehören zu Ute Mareks festem Repertoire. Die Asanas, sagt Marek, stärken die Muskulatur, sie beeinflussen Knochen, Nerven, Bindegewebe. "So lindern sie Druck und Spannungen, die häufig Schmerzen im Lendenwirbel oder im Schulterbereich verursachen." Drei Jahre lang dauerte ihre Ausbildung in Paris, viermal fuhr sie für mehrere Wochen zum Meister ins Iyengar-Zentrum nach Indien, mehrmals im Jahr besucht sie Fortbildungen. Yoga ist eine Lebensaufgabe, sagt sie und zitiert die Zielvorgabe des Meisters Iyengar: "Der Geist soll ruhig sein und der Körper aktiv." Sie hat Briefe bekommen von ehemaligen Yogaschülern: Nach einer Yogasitzung fühlten sie sich sehr wohl, schreiben sie, wie nach einem Dampfbad oder wie in Watte gehüllt. Sie danken für "mehr Lebenslust" und neu gewonnene Kraft und dafür, dass sie gelernt hätten, sich zu entspannen.

Yoga ist wie Aspirin

Denn entspannen können, Abstand finden, Ruhe zulassen, das müssen sich viele ihrer Schüler erst erarbeiten. Als Christian May zum ersten Mal im Schneidersitz in Ute Mareks Yogazentrum in Hamburg-Eimsbüttel saß und die Lehrerin mit einer Meditation begann, hörte er sie sagen: "Löse dich von allem, was heute war, horche in deinen Körper, rücke deine Gedanken in den Hintergrund." Gedanken in den Hintergrund rücken, fragt er sich, wie soll das gehen? Ich lebe davon, mir Gedanken zu machen. "Machen Sie sich mal Gedanken um dieses Projekt, um diesen Kunden, diesen Trend", heißt es doch ständig. In den ersten Sitzungen ging er während der Meditationen im Kopf seinen Terminkalender durch, erst langsam schaffte er es, herunterzufahren, sich auf zwei Stunden Auszeit von Grübeleien vorzubereiten, Ruhe zuzulassen. "Ich fahre jetzt zum Yoga, um bewusst meinen Alltag auszuschalten", sagt May, "natürlich löst das keine Probleme, aber es gibt mir Ruhe und Gelassenheit." "Das Wichtigste aber", sagt er und zeigt auf seine Stirn: "Kopfschmerzen habe ich kaum noch, der Rücken schmerzt nur noch selten." Yoga ist jetzt für ihn wie Aspirin, das er einnimmt, damit der Schmerz verschwindet. Er weiß, dass noch mehr hinter Yoga steckt. Das will er entdecken und trainiert weiter, unermüdlich.

Im Flugzeug streckt er Schultern, am Schreibtisch reckt er seinen Rücken, und abends, sagt er, "sperre ich den Alltag mit Yogaübungen in meiner Wohnung aus." Yoga entzerre seinen vom Alltag gestauchten Körper. Der Yogakurs geht mit einer Meditation zu Ende, Ute Marek dimmt das Licht, die Teilnehmer liegen aufgereiht auf den Matten. Sie haben ihre Augen geschlossen und hören die Lehrerin ruhig und langsam sagen: "Bemerke die Stille, die Kraft und die Harmonie in deinem Inneren und nimm dieses Gefühl mit in den Alltag."

Yoga strahlt in den Alltag hinein

Wenn Christian May nun nach Hause kommt, erzählt er, ist es, als würden seine Gedanken eine Zeit lang pausieren. Dann kann das Telefon klingeln, und er geht nicht ran, dann verschieben sich die Relationen; was eben noch wichtig war, ist plötzlich ganz klein. "Es ist nach dem Yoga bei mir so, als würde ich morgens aufwachen, und es ist Sonntag. Die beruhigende Stille des Yoga strahlt noch tagelang im Verborgenen in den Alltag hinein", sagt er, macht eine Pause und muss laut loslachen, "jetzt klinge ich selbst schon ein wenig spirituell, oder?"

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