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Yoga-Urlaub: Von wegen abhängen!

Atmung, Dehnung, Hingabe - Yoga-Urlaub klingt nach totaler Entspannung. Auf Ibiza kam unsere Autorin bei ihrer Radikalkur für Körper und Geist jedoch mächtig ins Schwitzen.

Von Mareile Grimm

Stellen Sie sich mal vor, Sie wären ein Baum. So ein aufrechter, wohlgeratener, mit kräftigem Stamm. Eine vollkommene, in sich ruhende Schöpfung der Natur. Zugegeben, ein seltsamer Gedanke. Dabei ist es ein fantastisches Gefühl, so ein Baum zu sein. Es ist nur leider verdammt schwer. "Verlagert das Gewicht auf das rechte Bein, zieht die Kniescheibe hoch und spannt den Oberschenkelmuskel an", sagt James, der Yoga-Lehrer. "Stellt den linken Fuß im 90-Grad-Winkel an die Innenseite des rechten Beines, streckt die Arme senkrecht über den Kopf. Bauch fest, Schulterblätter herunter, den Blick geradeaus!" 16 Bäume ragen kerzengerade bis knapp unters Sonnensegel der Dachterrasse. Niemand wankt, nichts wackelt. 16 zufriedene Gesichter. Und dann sagt James leise, mit einem Lächeln: "Und nun schließt die Augen." Zwei Sekunden Stille. Dann brechen die ersten Äste. Zahlreiche Stämme knicken mit lautem Getöse ein, einige Bäume kippen gänzlich entwurzelt zu Boden. Ein spontanes, kollektives Waldsterben. Willkommen beim Ashtanga- Yoga! Und Vrksasana, wie die Baumstellung in der altindischen Sprache Sanskrit heißt, ist noch eine der leichteren Übungen.

Es war bereits dunkel, als ich die Bucht von Benirràs, einen der nördlichsten Strände Ibizas, erreichte. Die Frau bei der Autovermietung hatte sich schwergetan, den Weg in diesen entlegenen Winkel der noch immer als Party-Destination bekannten Baleareninsel zu beschreiben. Kein Schild weist den Weg nach "Ibiza Yoga" bei Sant Miquel. Vorbei an Feldern, wilden Wiesen, einsamen Gehöften und Pinienwäldern offenbarte sich schließlich das unter Yoga-Jüngern gelobte Land. Zur Linken, ein wenig erhöht in den Hügeln gelegen, ragt die Villa Roca zwischen Baumwipfeln hervor - das Hauptquartier des britischen Reiseveranstalters. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tales, von der Straße kaum einsehbar, mein Zuhause für die nächsten sieben Tage: Villa Palmas - mit eigenem Pool, großzügiger Terrasse und Yoga-Deck eine luxuriöse Mischung aus Hollywood- Haus und Landschulheim. Denn Wohnzimmer, Küche und Bäder werden unter den acht Bewohnern geteilt. Ferien mit Fitnessprogramm und Familienanschluss also. Eine ungewohnte Vorstellung.

"Ein echter Killer"

"Du solltest dir den Wecker stellen und morgen vor Kursbeginn zumindest eine Banane essen", empfiehlt Zimmernachbarin Sonja, Produktmanagerin bei Dr. Oetker in Bielefeld. "Auf nüchternen Magen sind drei Stunden James ein echter Killer". Die 33-Jährige hat bereits zum zweiten Mal in der Yoga-Villa eingecheckt, diesmal gemeinsam mit Kollegin Anna. Anna macht zu Hause in Tiefkühlpizza, Sonja in Joghurt. Hier sind sie zwei von insgesamt 60 Gästen, die der Wunsch eint, für eine Woche der Alltagshektik zu entfliehen, um mittels Körperübungen und Meditation sich selbst ein wenig näherzukommen.

Am nächsten Morgen öffne ich die Terrassentür meines "Seaview"-Zimmers und sehe, tatsächlich: das Meer! Die Sonne! Den Strand! Keine Hotelburgen weit und breit. Keine Touristenbusse, keine billigen Souvenir-Shops. In der Bucht von Benirràs hat sich wenig verändert, seitdem in den Sechzigern die Hippies kamen und ihre Vollmondpartys feierten. Noch heute treffen sich sonntags Trommler, Jongleure und Feuerkünstler, um barfuß im Sand zu tanzen, in der kleinen Strandbar Bier zu trinken und aufs Meer zu schauen. In dem Felsen, der aus der Mitte der Bucht emporragt, erkennt man mit etwas Fantasie einen sitzenden Buddha. Mehr Yoga-Atmo geht wirklich nicht.

Nach einem "Higher Vitality"-Tee aus der Gemeinschaftsküche fühle ich mich fit für die erste der täglichen, dreistündigen Yoga-Lektionen. James De Maria, sonnengebräunter, durchtrainierter Cheftrainer, bespricht zunächst, was wir alle bis dato für selbstverständlich und nicht vieler Worte wert gehalten haben: unsere Atmung. Die meisten Menschen atmeten heutzutage falsch, erklärt er. Zu flach, nicht aus der Tiefe des Bauches heraus. Was zu einer permanenten Unterversorgung der Organe, des Gehirns mit Sauerstoff führe. Die Folge: Unkonzentriertheit, Müdigkeit, Gestresstheit. Es ist auch von unserer Anspannung die Rede und wie wir sie - zumindest vorübergehend - aus Kopf und Körper lösen. Wie wir all die negativen Gedanken, Sorgen, Ängste, die uns tagtäglich beherrschen, einfach an uns vorbeiziehen lassen. Wie dunkle Wolken am blauen Himmel. Ich höre ihm gern zu, diesem attraktiven, tiefenentspannten Yogi. Und bemerke gleichzeitig, dass ich es nicht schaffe, meinen - wie die Buddhisten es nennen - "monkey mind" in den Griff zu bekommen. Wie ein Äffchen schwingen sich meine Gedanken von Ast zu Ast, streift der Geist ungezügelt und undiszipliniert Dutzende von Ideen pro Minute. "Gib dir selbst ein wenig Zeit", sagt James, ganz sanfter Frauenflüsterer. Und dann, in deutlich männlicherer Tonlage: "Und in der Zwischenzeit hör auf, deine Schultern hochzuziehen, die Zehen in die Matte zu krallen und die Oberarme nach außen zu drehen. Gewicht in die Ferse, Beckenboden anspannen, kein Hohlkreuz!"

Yoga ist kein Wettbewerb

Wir lachen viel in diesen ersten drei Stunden. Yoga "James-Style" bedeutet zum Glück nicht nur anspruchsvolle Körperarbeit, sondern auch Leichtigkeit, loslassen, eben Lebensfreude. Er erklärt uns, dass die Asanas, die Übungen, nichts mit Sport zu tun haben, Yoga kein Wettbewerb ist. Es geht hier nicht darum, wer der beste, biegsamste, beeindruckendste Schüler ist. Wer in der Schildkröten-, Hunde- oder Fischstellung das perfekteste Bild abgibt. Yoga hat weniger mit Kraft zu tun als mit Hingabe. Es geht darum, hundert Prozent Einsatz zu bringen, um hundert Prozent Wirkung zu erzielen, jeder auf seinem eigenen Level. Am Ende der Session, als die Mittagssonne uns zum Abschluss sanft durch den Stoffhimmel des Yoga-Decks hindurch streichelt, haben wir alle das Gefühl, uns selbst gerade neu entdeckt zu haben. Eine tiefe Zufriedenheit breitet sich aus. Und ich denke tatsächlich: nichts!

"Ist es nicht grossartig, wenn man endlich mal nichts entscheiden und nichts beweisen muss?", resümiert Hannah, Grafikdesignerin aus London, als wir nach einem köstlichen vegetarischen Mittagessen um den Holztisch der Villa Palmas herum sitzen. Sehr entspannt, sehr satt und sehr zufrieden mit uns. "Yoga ist eben das Gegenteil von Alltag", pflichtet ihr Angela, TV-Producerin, bei. Sie ist mit ihrem Mann Gerald angereist, einem der wenigen Männer im Camp. Während Angela in der Villa Palmas bei den etwas fortgeschritteneren Yogis praktiziert, hat er sich der Anfängergruppe in der Villa Roca angeschlossen. Diese wird von Liliana Galvis angeleitet, einer attraktiven Kolumbianerin, die seit einem Jahr zur Ibiza-Yoga-Familie gehört. Abends trifft man sie, genau wie James, meist in der kleinen Bar am Benirràs- Strand - mit einem Bier in der Hand.

"Das ist doch überhaupt das Allerbeste hier", erklärt Luigia, Redakteurin bei der britischen "National Geographic", lachend, "man muss keine anstrengenden Wollsockendiskussionen führen, und ein bisschen Party nebenbei geht auch." Und in der Tat: Yoga-Asketen trifft man auf Ibiza eher selten. Hier passiert es einem schon eher, dass man auf der Matte neben sich Kate Moss oder Sadie Frost entdeckt oder nachmittags am Pool mit amerikanischen TV-Stars die Highlights der Klatschpresse diskutiert.

De Marias Kurse gelten bei Yogis als Geheimtipp

Kari Matchett, 31, Schauspielerin aus Los Angeles, ist bereits zum vierten Mal angereist, bleibt jedes Mal mehrere Wochen. James De Marias Ashtanga-Kurse gelten inzwischen bei Yogis in aller Welt als Geheimtipp. Ashtanga entspricht zunächst mal am wenigsten dem Bild, das man sich im Westen von Yoga macht. Und ist gleichzeitig die wohl westlichste Variante der jahrtausendealten indischen Körperlehre. Ashtanga ist kraftvoll und schweißtreibend, denn die rund 40 Übungen der ersten Serie gehen fast nahtlos ineinander über. Die Verbindung stellen die sogenannten Vinyasas dar - Varianten des Sonnengrußes oder simpler ausgedrückt: viele, viele Liegestütze. Yoga im "James-Style" ist deutlich alltagskompatibler als die reine Lehre des Ashtanga-Gurus Pattabhi Jois, einem mittlerweile 91-jährigen Yoga-Gelehrten aus Mysore, Indien. James’ Stunden sind Meisterwerke der Choreografie, denn der ehemalige Ballett- und Modern-Dance-Profi lässt das Beste aus allen Yoga-Strömungen sowie Pilates-Übungen in seine Stunden einfließen. Ihm gelingt es sogar, die Gruppe am dritten Tag, dem bekanntlich schwersten für Körper und Geist, zu motivieren. Wir dehnen und stretchen, biegen und beugen uns in den unglaublichsten Bodenpositionen so lange über das Holzdeck, bis auch das letzte bisschen Muskelkater wegmassiert ist. Am Ende schaffen wir es sogar alle noch einige Zentimeter tiefer in die Übungen.

Als wir uns wenige Tage später zum letzten Mal in die Baumstellung begeben, die Kniescheibe hochgezogen, den Oberschenkelmuskel angespannt, ist die Stimmung fast ein wenig bedrückt. Wir verabschieden uns innerlich aus einer der gefühlt längsten Wochen unseres Lebens. Von neuen Freunden, von (man wagt so was ja kaum auszusprechen): verwandten Seelen. Erholung hat für uns hier eine neue Bedeutung bekommen. Wir sind ganz ruhig, ganz bei uns. Und dann schließen wir einfach die Augen.

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