Evolution Kick it like Cheeta


Auch auf Rasen und Tribüne sind wir zuallererst Affen. Frans de Waal erforscht, was uns Primaten verbindet. Zum Beispiel die Lust an Spiel und Sieg.
Interview: Frank Ochmann

Herr Professor de Waal, von Schimpansen sagen Wissenschaftler wie Sie: Hätten sie Waffen wie wir, würden sie auch wie Menschen kämpfen. Gäben wir unseren nächsten genetischen Verwandten also einen Ball und die Regeln der Fifa, würden sie dann auch Fußball spielen wie der PSV Eindhoven oder Bayern München?

Schimpansen lieben den Wettbewerb und sind sehr ehrgeizig. Sicher würden sie es versuchen. Allerdings hätten sie kaum Erfolg, im Team zu spielen. Um als siegreiche Mannschaft auftreten zu können, fehlen Schimpansen zwei wichtige Voraussetzungen: Wer keine Leistung bringt, wird nicht bestraft oder ausgegrenzt. Und zudem würde kein Affe zu einem Mitspieler flanken, wenn der für einen Torschuss besser positioniert wäre als er selbst. So weit voraus können sie dann doch nicht denken. Wahrscheinlich würden sie wie Kinder alle gleichzeitig hinter dem Ball herlaufen.

Fußball hat also nichts mit dem "Affen in uns" (Frans de Waal, "Der Affe in uns - Warum wir sind, wie wir sind", Hanser, 24,90 Euro, erscheint im August) zu tun, dem sie als Forscher auf der Spur sind?

Doch, sehr viel sogar. Wenn auch mehr auf der Ebene der Gefühle als auf der taktischen. Vor allem das für den Fußball so typische Zusammengehörigkeitsgefühl ist auch den Schimpansen sehr vertraut. Sie sind Stammestiere wie wir. Deshalb kommen dann bei Menschen und Affen ganz ähnliche und evolutionsgeschichtlich sehr alte Emotionen hoch.

Zum Beispiel?

Schauen Sie sich etwa an, wie sich Sieger und Verlierer gebärden. Triumphierendes Aufspringen und Jubelgeschrei bei den einen, hängende Schultern und traurige Stille bei den Losern. Dieses Gehabe finden sie bei allen höheren Primaten.

Richtige Kerle zeigen ja angeblich keine Gefühle. Warum gilt das nicht mehr auf dem Platz oder im Stadion, wo offenbar geweint, getobt und geküsst werden darf, ohne dass der Macho-Ruf darunter leidet?

Im Kampf ist das etwas anderes. Da dürfen die Gefühle raus, weil die Grenzen des Erlaubten anders abgesteckt sind als sonst. Wenn sich zum Beispiel zwei Spieler auf dem Rasen umarmen und küssen, dann ist das für alle auf den Tribünen völlig in Ordnung. Stellen Sie sich die Reaktion Ihrer Fans dagegen mal vor, wenn die beiden sich irgendwo auf der Straße oder in einem Einkaufszentrum in den Armen lägen. Da gelten eben andere Regeln. Auch betrunkene Kerle dürfen sich ohne Gesichtsverlust küssen, nüchterne nicht.

Würden Sie der These zustimmen, dass Fußball so etwas wie ein Stammeskrieg mit beschränkten Mitteln ist?

Ja. Damit es aber nicht wirklich kracht, ist eine "Ritualisierung" erforderlich, wie wir Wissenschaftler sagen. Solche Eingrenzungen finden sie bei Schimpansen, aber auch schon bei Schlangen: Statt sich per Biss zu vergiften, klatschen die einfach nur kraftvoll mit ihren Leibern zusammen, bis einer nachgibt. So wird Schlimmeres verhindert und trotzdem festgestellt, wer der Stärkste ist.

Auf den Menschen übertragen, hieße das: Die Regeln der Fifa fürs Fairplay sind unsere Ritualisierung solcher Auseinandersetzungen?

Genau. Gäbe es keine Regeln, käme es zur Eskalation. Solche Wettbewerbe sind ja emotional sehr aufgeheizt. Wie nah Fußball gefühlsmäßig beim Krieg liegt, sehen Sie schon daran, dass es tatsächlich brutal und blutig werden kann, wenn die Gesetze der Fairness erst einmal missachtet werden. Egal, ob auf dem Spielfeld oder auf den Rängen. Sogar zu richtigen Kriegen haben Fußballspiele schon geführt.

Können Sie ein Fußballspiel überhaupt noch als Fan genießen, oder schaut da immer gleich der Primatenforscher zu?

Ich bin zwar kein eingefleischter Fan, aber wenn es wie jetzt um die Weltmeisterschaft geht, dann begeistert mich das schon. Es wird Sie nicht wundern, dass ich dem holländischen Team die Daumen drücke. Besonders faszinieren mich natürlich die Stars auf dem Platz. Da geht es mir wie den meisten Zuschauern.

Nun sind die Stärksten und Besten aber nicht zugleich die Mächtigsten. Die sitzen normalerweise in den Vereinsvorständen oder Verbänden wie der Fifa. Da weicht der Fußball dann wohl doch von seinen tierischen Vorbildern ab, oder nicht?

Wieso? Auch bei den Schimpansen werden die kräftigen, ausdauernden und geschickten Jungen - die Stars - von den schon ergrauten, aber immer noch enorm einflussreichen Männchen für ihre eigenen Zwecke eingesetzt. Das sind dann halt die Blatters und Beckenbauers.


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