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Experimentelle Archäologie: Hamburger bauen Römerkriegsschiff

In einer Harburger Werft findet momentan ein besonderes Projekt Platz: Ein Team baut hier ein Boot, das einem Binnenkriegsschiff der römischen Streitkräfte nachempfunden ist. Später soll das Schiff unter anderem Rhein und Donau befahren. Den passenden Spruch am Heck trägt es schon jetzt.

Akribisch dichtet ein Handwerker die Spalten zwischen den Lärchenholz-Schiffsplanken ab. Mit einem flachen Eisenwerkzeug drückt er Fasern tief in die Ritzen. Das dichtet das Boot ab - mit dem ein Stück römischer Geschichte wieder lebendig werden soll. Ende März soll das orginalgetreu nachgebaute 16 Meter lange Binnenkriegsschiff der römischen Streitkräfte erstmals im Harburger Binnenhafen zu Wasser gelassen werden. Die Reste des etwa 1900 Jahre alten Vorbildes wurden 1986 im bayerischen Oberstimm an der Donau gefunden und 1994 gehoben, erklärt Gerrit Wagener, der als Teamleiter den Bau betreut. "Was wir machen, ist experimentelle Archäologie."

Der 27-Jährige studiert als Leutnant der Marine an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Chef des Unternehmens "Römerschiff" ist Professor Christoph Schäfer vom Historischen Seminar der Hamburger Uni. Wenn 20 starke Ruderer das gut 2,5 Tonnen schwere Boot schließlich bis zu zehn Kilometer in der Stunde schnell antreiben, soll das Römerschiff auf Werbetour für die Ausstellung "Imperium, Konflikt, Mythos - 2000 Jahre Varusschlacht" gehen. Donau, Rhein, Lippe, Ems und Weser wird das schlanke Kriegsschiff bereisen, um Menschen für ein dramatisches Stück Geschichte zu interessieren, das sich zwischen Römern und Germanen im Jahre 9 nach Christus abspielte: die legendäre Varusschlacht.

Eichenholz und Lärche

Bis es soweit ist, muss allerdings noch Detailarbeit geleistet werden. Der Bootskörper mit Kiel und Spanten aus widerstandsfähigem Eichenholz und die Beplankung aus vier Zentimeter starker Lärche ist fertig. Das bis 2,80 Meter breite, langgestreckte Schiff ruht auf Holzböcken mitten in der Halle der Werft "Jugend in Arbeit". Simon Smolarek ist einer der jungen Leute, die hier eine Ausbildung und damit die Chance auf einen guten Start ins Berufsleben erhalten. Der 18-Jährige lernt Bootsbauer und beschäftigt sich mit dem Innenausbau des Bootes. "Ich zeichne die Einzelheiten für ein Buch auf, das über das Schiff erscheinen soll." Etwas ungelenk aber doch gut zu erkennen, bringt er mit Bleistift die Lage jedes einzelnen Brettes zu Papier. Neben dem Gebrauch von Säge, Hobel und Stemmeisen lernt der Azubi so auch, sich mit dem wissenschaftlichen Aspekt des Projektes auseinanderzusetzen.

Ein Bootsbaumeister schaut regelmäßig nach dem Rechten, er trägt die Hauptverantwortung für die Konstruktion. 16 Studenten und 3 Lehrlinge ergänzen das Team. Norbert Wierecky schwingt den Hobel und formt geschickt einen Riemen aus Fichtenholz. "Ich habe mich immer für die Geschichte der Römer in Deutschland interessiert", sagte der 62-jährige Bauingenieur, der vor kurzem in Rente gegangen ist. Zum Projekt ist er gekommen, weil er sich an der Hamburger Uni nach interessanten Veranstaltungen umgesehen hatte und Professor Schäfer traf.

"Es macht einfach Spaß"

Zweimal pro Woche steht er in der Holzhalle der Werft und erfreut sich gleichermaßen an der Handwerksarbeit und der tollen Gemeinschaft. "Sehr früh aufstehen muss ich, Arbeitsbeginn ist um 7.00 Uhr", sagt Wierecky. Sein Gesichtsausdruck macht klar, dass ihn das nicht wirklich stört. Schließlich sieht er in dem Projekt "Jugend in Arbeit" eine hervorragende Einrichtung für junge Menschen. "So viele unterschiedliche Leute sind hier, alles ist völlig unkompliziert. Es macht einfach Spaß."

Auch Teamleiter Wagener freut sich auf die nächsten Schritte. Anfang April soll das rund 230.000 Euro teure Boot im Wasser des Harburger Hafens liegen, damit das Holz quellen kann. Vom 14. April an muss das Boot zeigen, was es kann. Auf dem Ratzeburger See in Ostholstein stehen umfangreiche Erprobungsfahrten auf dem Programm. Mit Rudern und unter Segel - das Schiff der Römischen Binnenflotte verfügt über einen neun Meter hohen Mast mit Rahsegel. Am 30. Mai schließlich soll der Nachbau feierlich auf der Hamburger Alster getauft werden.

Sönke Möhl/DPA / DPA
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