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Fall Natascha Kampusch: "Die Bewältigung kann gelingen"

Wie stark hat die Entführung Natascha Kampusch traumatisiert? Im stern-Interview spricht der Traumatologe Eberhard Schulz über die erstaunliche Stärke, die manche Kinder nach Jahren des Missbrauch und der Gefangenschaft zeigen.

Professor Schulz, sind Kinder stärker, als wir denken?

Die Forschung der letzten Jahre spricht dafür. Es gab ja lange Zeit den Mythos vom frühen Trauma, das man nie mehr loswird. Das stimmt so nicht. Kinder, je nach Alter und Entwicklung, haben Mechanismen, extreme Belastungen auch ohne lang anhaltende Störungen bewältigen zu können.

Natascha Kampusch wirkt erstaunlich gefasst.

Das Interview wurde ja relativ rasch nach ihrer Flucht aufgezeichnet und war natürlich gut vorbereitet. Aus ihrem Auftritt kann man noch keine Rückschlüsse ziehen.

Wie kann ein Kind eine so lange Gefangenschaft bewältigen?

Je größer das Gefühl der erlebten Hilflosigkeit, desto größer das Risiko, dass es zu psychischen Störungen kommt und das Kind wie gelähmt bleibt. Es hängt davon ab, wie das Kind sein eigenes Trauma bewertet.

Was ist dabei wichtig?

Gut ist, wenn das Opfer das Gefühl hatte, die Situation wenigstens teilweise zu kontrollieren. Hatte es Hoffnung, da wieder hinauszukommen? Etwa zwei Drittel solcher Kinder und Jugendlicher haben nicht mit psychischen Folgeschäden zu kämpfen. Selbst bei Patienten mit massiven Gewalterfahrungen entwickeln rund 60 Prozent keine Störungen. Fatal ist allerdings, wenn ein Kind sich eine Mitschuld gibt.

Natascha Kampusch kann durchaus ein glückliches Leben führen?

Absolut. Je nach Intelligenz und Persönlichkeit kann es Kindern oder Jugendlichen gelingen, eine lange Gefangenschaft zu bewältigen.

Natascha Kampusch sagt, ihr habe geholfen, in einer zwar nicht glücklichen, aber liebevollen Familie aufgewachsen zu sein. Ihren Entführer dagegen nennt sie "labil".

Intelligente, stabile Kinder merken, ob ein Erwachsener labil ist, wie viel Selbstbewusstsein jemand hat. Daraufhin entwickelt ein Kind Strategien, die eigene Situation erträglicher zu machen.

Immer wieder hat Natascha Kampusch überlegt, wie sie ihrem Entführer entkommen könnte. Warum hat sie es nicht geschafft wegzulaufen?

Genauso geht es Kindern, die in ihrem Elternhaus Gewalt erfahren. Sie bekommen heftigste Angstanfälle, die so stark lähmen, dass ein Weglaufen schon rein körperlich gar nicht mehr möglich ist.

Wolfgang Priklopil hat immer wieder gedroht, er würde sich umbringen, wenn Natascha wegliefe.

Kinder können so manipuliert werden, dass sie in Loyalitätskonflikte geraten. Es entstehen Angstbindungen, die so weit gehen können, dass Kinder sich sogar für das Leben von demjenigen verantwortlich fühlen, der ihnen so Schlimmes antut.

Priklopil hat sein Opfer nicht nur eingesperrt, er hat auch über Jahre bestimmt, was Natascha Kampusch liest, wie sie sich kleidet. Hat der Entführer sich einen Menschen genau nach seiner Vorstellung schaffen wollen?

Möglich. Schon innerhalb von Familien gibt es gewisse Analogien: Wenn Eltern ihre Sorgepflicht missbrauchen und ihr Kind instrumentalisieren. Bei paranoiden Vätern und Müttern ist das oft der Fall, oder wenn ein Kind bei Konflikten um das Sorgerecht in die Schusslinie gerät. So etwas kann das Selbstwertgefühl von Kindern zerstören. Letztendlich kommt es ganz darauf an, wie gefestigt ein Kind ist. Unter Umständen weiß es sogar das Verhalten der erwachsenen Bezugsperson für sich zu nutzen, um sich das eigene Leben erträglicher zu machen.

Natascha Kampusch musste in einem Kellerverlies leben und oft schlimmen Hunger aushalten. Welche Folgen hat das?

Wenn es keine schwersten körperlichen Misshandlungen gegeben hat, sind Probleme wie Nahrungsmangel oder fehlendes Sonnenlicht behandelbar.

Natascha Kampusch wurde ihrer gesamten Pubertät beraubt. Wie schwer wiegt das?

Es kommt auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Opfers an. Ist es in der Lage, seine lange Isolation zu kompensieren? Eine Therapie muss dafür sorgen, dass Betroffene wieder lernen, sich in ein soziales Umfeld einzugliedern.

Das heißt?

Sie müssen lernen, neue Beziehungen einzugehen, Nähe, Distanz, aber auch unvertraute Situationen auszuhalten. Ebenso wichtig ist, dass die Betroffenen üben, auch mit solchen Momenten umzugehen, die sie an die Entführung erinnern. Oft bringt so ein Training viel mehr, als immer wieder im Trauma selbst herumzustochern.

Interview: Eva Lehnen / print
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