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Funktionskleidung: High Tech in Schichten

Bei Kälte und Nässe outen sich die wahren Sportskanonen. Damit Sie mithalten können, brauchen Sie Disziplin - und ein Outfit, das warm und trocken hält.

Hamburg, minus 25 Grad. Der eisige Sturm, der mit Windstärke neun herantobt, treibt Mario Bouyahia die Tränen in die Augen. Ein grimmiges Lächeln im angespannten Gesicht, ein Kopfnicken, ein gegen den Wind angebrülltes "Nicht schlecht, was?" - und mit einem Knopfdruck lässt Bouyahia den Orkan abflauen. Durchatmen, das taube Gesicht befühlen, geschafft.

Der Wettermacher ist Bereichsleiter für Bekleidung beim Wander- und Sportgeschäft Globetrotter in Hamburg. Und die Kältekammer, ein zirka sechs Quadratmeter großer Raum mit einem vergitterten Ventilator an der Wand und Eisblöcken, so groß wie Wasserkisten, auf dem Boden, ist sein bestes Verkaufsargument. Hier demonstriert er Kunden, was sie bei einer Joggingrunde im Januar erwartet, wenn der Wind von vorn bläst. Oder wie es sich anfühlt, ganz oben zu stehen. Auf der Zugspitze, mitten im Sturm.

Fitnesskleidung für Herbst und Winter ist Teil eines gewaltigen Marktes. Allein im vergangenen Jahr gaben die Deutschen sieben Milliarden Euro in Sportgeschäften aus - Tendenz steigend. Genug Geld für 500.000 Kleinwagen. Kein Wunder, dass "viele Hobbysportler mittlerweile bessere Kleidung haben als wir Profis", sagt Sabrina Mockenhaupt, die amtierende deutsche Leichtathletik-Meisterin über 10.000 Meter.

Zwölfmal pro Woche rennt sie, bei jedem Wetter. Da braucht man eine Menge Durchhaltewillen. Und die richtigen Klamotten. Sportbekleidungshersteller bestücken ihre Sortimente mit unterschiedlichen Stoffen und Schnitten und versehen die Eigenschaften ihrer Produkte mit pompösen Namen. Doch in einem zentralen Punkt sind sich alle einig: Sportkleidung für den Herbst, egal ob für Mountainbike-Touren im Nieselregen oder für Nordic Walking bei Sturm, beginnt nicht mit Sportjacken aus High-Tech-Fasern. Sondern mit der richtigen Unterwäsche.

Aus zwei Millionen Drüsen strömt bei einer Joggingrunde der Schweiß aus unserem Körper, bis zu zwei Liter sind es pro Stunde. Ein Baumwoll-T-Shirt saugt den Schweiß auf und speichert ihn. Die Folge: "Husten, Grippe, Fieber, Tod", scherzt Thomas Meyer zur Capellen, Dozent für Textiltechnik an der Akademie Mode & Design in Hamburg. "Aber mal ernsthaft: Nasse Baumwolle legt sich platt auf die Haut, und es fehlt eine Luftschicht zwischen Stoff und Körper. Die Hauttemperatur sinkt um acht bis zehn Grad."

Die Lösung für Sportler kommt aus Chemielaboren. Fasern aus Polyester oder Polypropylen, dem Stoff, aus dem Plastiktüten gemacht werden, sind nahezu perfekt für Sportunterwäsche. Die Hemden und Slips werden in Sportgeschäften als "Funktionsunterwäsche" verkauft. Sie ziehen den Schweiß an, ohne ihn zu speichern, und lassen die kleinen Tropfen auf der Oberfläche verdunsten. Wird das Wetter schlecht, reicht es nicht, wenn Sportkleidung lediglich den Schweiß abtransportiert. Sie muss auch vor Wind und Regen schützen.

Im Jahr 1875 beobachtete der norwegische Kapitän Helly Hansen, wie seine Seeleute ihre Baumwollkleidung mit Ölfarbe bestrichen, um sich vor Wind und Wetter zu schützen - und hatte eine Idee. Der kluge Seefahrer erfand das erste Ölzeug, den Ostfriesennerz. Ein guter Anfang. Moderne Sportkleidung schafft sozusagen einen Spagat. Sie schützt den Körper vor Regen und Sturm. Sie leitet den von der Wäsche angezogenen Schweiß nach außen, ist leicht und flexibel.

Viele Jacken schaffen das mit Membranen - dünnen Folien, die zwischen die Stofflagen der Jacke geschweißt oder geklebt werden. Unter dem Mikroskop sehen diese Schichten aus wie ein zerrissener Hefeteig. Auf einem Quadratzentimeter hat eine Membran 1,4 Milliarden Poren. Unsere Körperwärme schiebt Wasserdampf - also den Schweiß - von innen nach außen. Die Poren der Membran sind groß genug, um Wasserdampfmoleküle auf ihrem Weg nach außen passieren zu lassen. Ein Wassertropfen hingegen ist 20.000-mal größer als eine Pore der Membran - und perlt deshalb an der Oberfläche ab.

Für die Eigenschaft von Membranen, den Wasserdampf von innen nach außen zu lassen, haben sich die Werbeagenturen eine schicke Vokabel ausgedacht: atmungsaktiv. "Ein reines Marketingschlagwort", sagt Thomas Meyer zur Capellen. Tatsächlich steht Atmungsaktivität nur für Wasserdampfdurchlässigkeit.

Es gibt zwei Haupttypen von Membranen. Variante eins ist winddicht. Diese Stoffe sind dünner als ihre wasserdichten Pendants und lassen mehr Dampf durch. Im Normalfall halten sie den Körper trocken, doch bei einem Gewitterguss kommt irgendwann Feuchtigkeit durch die Nähte. Variante zwei sind wasserdichte Membranen. Sie fühlen sich steifer an, halten aber bei der Walkingtour auch einem einstündigen Dauerregen stand. Eine dritte Art von Funktionskleidung kommt ohne Membran aus: Jacken aus Mikrofaser. Zehn Kilometer Mikrofasergarn wiegen gerade einmal ein Gramm, es gibt Modelle, die nur 85 Gramm auf die Waage bringen. Zusammengeknüllt passen sie in die Brusttasche eines Oberhemdes. Und da die Jacke sehr dicht gewebt ist, perlt Wasser ab, und Wind gelangt nicht hindurch. Nur bei längere Zeit andauerndem Regen lässt auch die Mikrofaser Feuchtigkeit nach innen dringen.

All diese Jacken haben eines gemeinsam. Sie halten Wind und Wasser ab - aber sie halten nicht warm. Denn sie haben kein Futter. Deshalb brauchen Läufer, Radler und Walker noch eine Kleidungsschicht zwischen Unterwäsche und Jacke. Ein Sweatshirt? Solch ein Baumwollpulli hat die gleichen Eigenschaften wie Baumwollunterwäsche: Ist das Gewebe nass, klebt es am Körper und hält nicht mehr warm. Besser funktioniert Fleece. Wie auch Funktionsunterwäsche besteht Fleece (englisch für "Flausch") oft aus Polyester und ist wasserdampfdurchlässig.

Viele der modernsten Materialien sind durch die Hände von René Rossi gegangen. Wichtige Sportbekleidungshersteller - Schoeller, Gore, Sympatex und Dupont - kommen zu ihm, um Stoffe zu testen und neue zu entwickeln. Der 37-jährige Schweizer ist Abteilungsleiter der Empa, der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt in St. Gallen. Auch der neueste Trend in Sachen Sportkleidung wurde von Rossi getestet: die Softshells. Diese Sportjacken haben das Fleece für kalte Tage bereits eingenäht, und ihre Oberfläche ist weich, sprich: soft. "Softshells sind für 90 Prozent aller Outdoor-Aktivitäten geeignet", sagt Rossi. "Für einen Sportler, der eine Stunde joggt, für Wanderer, Radfahrer, Inlineskater."

Die Crux: Das Wort Softshell ist ein Sammelbegriff, und jeder Hersteller versteht etwas anderes darunter. Gemeinsam ist den Jacken dies: Sie sind warm, weich, wasserabweisend, elastisch. Sie lassen Wasserdampf hindurch und sind robuster als die meisten Sportjacken. Einen Pulli braucht der Träger nicht mehr. Das ist nicht nur praktisch, sondern sieht auch gut aus. Denn viele Softshells haben dank schlichter Farben und enger Schnitte nicht den Regenjacken-Abenteuerurlaub-Fahrradhelmträger-Appeal typischer Outdoor-Kleidungsstücke.

Was also anziehen?

Das hängt von der Belastung ab, mit der man Sport treibt. Ein Walker verbraucht 250 Watt pro Stunde, ein Läufer je nach Geschwindigkeit 600 bis 800 Watt. Weil sein Körper weniger Energie verbrennt, muss der Walker sich wärmer anziehen als der Läufer.

Jacke wie Hose?

Nicht unbedingt. Beim Sport im Herbst ist der Schutz des Oberkörpers wichtiger als der der Beine, sagt René Rossi: "Unser Rumpf muss besonders warm gehalten werden, denn hier sitzen unsere lebenswichtigen Organe. Wenn unsere Füße oder Beine auf 20 Grad herunterkühlen, ist das nicht gleich gesundheitsschädlich." Dennoch fühlt sich eine vollgesogene Baumwolljogginghose unangenehm auf der Haut an. Anders dagegen eine Lauftight, die eng anliegende Variante aus Polyester, die nach dem gleichen Prinzip arbeitet wie Funktionsunterwäsche und kein Wasser aufsaugt - also weder Regen noch Schweiß.

Macht die perfekte Kleidung einen Läufer schneller?

Nein. Aber gute Kleidung ist das Ende aller Ausreden, bei schlechtem Wetter nicht vor die Tür zu gehen. Und einfach loszurennen.

Zehn goldene Regeln für Sportkleidung im Herbst:

> Jacken mit WWW wählen
Am Etikett der Jacke sollte ein Vermerk sein, dass sie wasserdampfdurchlässig ("atmungsaktiv"), winddicht und wasserdicht ist.

> Viel Saft, dünne Faser
Wenn Sie stark schwitzen, kaufen Sie eine Jacke aus Mikrofaser. Sie lässt mehr Wasserdampf durch als jede Jacke mit Membran.

> Eng funktioniert
Funktionsunterwäsche kann Schweiß nur abtransportieren, wenn sie eng am Körper liegt. Kaufen Sie die Wäsche also in einer kleinen Größe. Gleiches gilt für Jacken. Modelle in Übergrößen halten nicht warm, weil die Luftschicht zwischen Körper und Jacke sich nicht ausreichend erwärmt.

> Silber hilft gegen den Mief
Wer in Chemiefaserwäsche nicht stinken will, sollte sich Modelle mit eingearbeiteten Silberionen kaufen. Auch diese Wäsche riecht zwar irgendwann, aber bei weitem nicht so intensiv wie normale Polyesterwäsche.

> Die im Dunkeln sieht man nicht
Kleidung, mit der Sie im Dunkeln unterwegs sind, sollte Licht reflektieren. Etwa durch reflektierende Nähte oder Bündchen. Die wahrscheinlich eleganteste, weil schlichteste Lösung: Jacken und Hosen aus einem Material mit Namen Illuminite. Sie sind einfarbig und kommen ohne Leuchtstreifen aus. In den Stoff sind winzige Schalen eingearbeitet, die Licht bündeln und zurückwerfen wie Satellitenschüsseln. Tagsüber fällt dieser Effekt nicht auf.

> Ausziehtest machen
Auch wenn es einfach klingt: Eine gute Sportjacke muss auch einen guten Reißverschluss haben, damit man die Jacke schnell und leicht öffnen kann, wenn es zu warm wird. Hakt und stottert der Verschluss bereits im Laden, haben Sie das falsche Modell erwischt.

> Hand und Fuss
30 Prozent der Körperwärme geben wir über Hände und den Kopf ab. Sportler brauchen deshalb bei Kälte Mütze und Handschuhe.

> Profis müssen sich warm anziehen
Je austrainierter ein Körper ist, desto mehr Kleidung sollte er tragen. Denn besonders "fitte" Sportler traben die Runde um den Stadtsee bei geringer Wattzahl, erzeugen also auch weniger Wärme. Deshalb müssen sie sich wärmer anziehen als Anfänger.

> Schlitz im Kleid
Auch die beste Membran lässt nicht so viel Dampf heraus wie eine Öffnung in der Jacke. Deshalb haben viele gute Sportjacken verschließbare Luftschlitze am Rücken oder unter den Achseln.

> Wie viel Gramm sollen es sein?
Viele Fleece-Pullis haben ein Etikett, das verrät, wie viel ein Quadratmeter des Fleece wiegt - 100, 200 oder 300 Gramm. Für Jogger ist die leichteste Variante richtig, 200er oder 300er Fleece ist für Walker und Wanderer ideal.

York Pijahn / print