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Hörschäden bei Jugendlichen: Krank durch Krach

In vielen Discos lärmt es so laut wie ein Düsenjet im Tiefflug. Die Folge: Gehörschäden. Weil alle Appelle zur freiwilligen Lautstärkenbegrenzung bei Disco-Betreibern auf taube Ohren stießen, wollen Gesundheitsminister den Lautstärkepegel jetzt gesetzlich runterdrehen.

Von Brigitte Zander

Das Rockkonzert von "HIM" and "The Rasmus", das Verena Rudloff mit ihrer Freundin in der Essener Grugahalle besuchte, "war ein dröhnender Hexenkessel und einfach umwerfend". Noch auf dem Heimweg schwärmten die beiden 18jährigen von den morbide angehauchten Love Metal Songs des Front-Sängers Ville Valo. Dass Schülerinnen an diesem Abend "ein bisschen taub waren und so'n Piepen" im Ohr hatten, erschien ihnen normal. Das kannten sie von anderen Pop-Konzerten. Bei der Freundin verschwand das Piepen auch am nächsten Tag. Aber Verena leidet seit diesem 9. Februar 2006 immer noch an störenden Ohrgeräuschen.

Jeder vierte Jugendliche ist schwerhörig

Dabei habe sie "alles versucht", jammert Verena: Blutverdünnende Tabletten, Infusionen, Cortison-Spritzen, Elektrodenmessungen am Kopf, Ohrenstöpsel, Schmerztabletten, Schlafmittel. Das Dauerrauschen nervte anfangs so schlimm, dass das zierliche Mädchen mit den langen braunen Haaren und den dunklen Augen auf den geringsten Lärm hysterisch reagierte. "Jedes Auto, jedes Gespräch, selbst das Besteckklappern am Nachbartisch im Restaurant macht einen fertig." Sie weinte bei jeder Anspannung. Als letztes Mittel gegen diese hochgradig lärmtraumatische Innerohrschädigung verordnete ihr HNO-Arzt absolute Ruhe; Verena durfte vier Wochen nicht einmal mehr in die Schule; "und das in der Abiturvorbereitung!" Die Taubheit ist inzwischen verschwunden, die Lärmempfindlichkeit etwas gelindert. Doch mit dem Tinnitus, einem störenden Sausen, Brausen oder Piepen im Ohr, muss Verena leben. "Den kriegt man nie mehr weg", weiß die Essenerin.

Ihr Leiden ist weit verbreitet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schätzt, dass bereits ein Viertel aller 16- bis 24jährigen an Hörschäden leiden. Jeder vierte Jugendliche sei schwerhörig, bestätigen auch die Bundesärztekammer und die Deutsche Gesellschaft für Akustik. Viele Teenager haben schon mal kurzzeitig einen Tinnitus gehabt, bei anderen ist die Krankheit schon chronisch, belegen Forschungen. Ein Drittel der jungen Menschen von heute werde spätestens als 50jährige ein Hörgerät benötigen, prophezeite der Hörwissenschaftler an Kiefer vom Münchner Klinikum rechts der Isar kürzlich auf einem Gesundheitsforum.

Appell an DJs und Discobetreiber zur Lautstärkenbegrenzung

Auslöser des Übels sind keine Fabriken mit donnernden Maschinenparks, sondern der Freizeitlärm. Neben frisierten Motorrädern gelten Discotheken, Pop-Konzerte und Ipods als die schlimmsten Ohrenkiller. "Würde man Berufstätige einem Schallpegel von über 100 Dezibel aussetzen, gingen die Gewerkschaften auf die Barrikaden," sagt Frank Rosanowski, Oberarzt der Phoniatrischen und Pädaudiologischen Abteilung (für Stimm- und Hörleiden) am Universitätsklinikum Erlangen. Im Rahmen einer Studie untersuchte er 88 Studenten, die ihr Gehör noch ganz in Ordnung fanden. Präzise Messverfahren aber enthüllten bei vielen Probanden schon Schäden im Innerohr - selbst bei Testpersonen, die nur einmal monatlich eine Disco besuchten.

Mediziner und Politiker bemühten sich bisher, die Gefahr friedlich zu entschärfen. Vor zwei Jahren appellierte die Gesundheitsministerkonferenz der Länder, bei "Veranstaltungen mit hohem Schallpegel einschließlich Discotheken" die Spitzenlautstärke auf unter 100 Dezibel zu senken. Die nördlichen Bundesländer Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie Baden-Württemberg führten daraufhin das Qualitätssiegel "Freiwillig kontrollierte Lautstärke" ein, und forderten alle DJs und Pop-Konzertbetreiber auf, sich an dem Präventionsprojekt zu beteiligen.

"Freiwillige Schallschutz-Appelle stoßen auf taube Ohren"

Im Süden startete der bayerische Gesundheitsminister Werner Schnappauf eine landesweite Aufklärungskampagne in den Discotheken, die Tolenzgrenze von 99 Dezibel einzuhalten. "Mit der Selbstkontrolle sind wir mächtig auf die Nase gefallen", resümiert ein Ministeriumssprecher, nachdem jüngst eine Forschergruppe des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit in zwanzig Discos des Landes nachmaß. Dabei stellten die Wissenschaftler ihre Messgeräte in der "heißen" Zeit zwischen 23 und bis 2 Uhr morgens auf der Mitte der Tanzfläche auf. In 16 Läden wurde die Minister-Empfehlung überschritten. Der Spitzenwert lag bei 127 Dezibel. Das entspricht etwa dem Lärm eines Düsenjets im Tiefflug. (siehe Tabelle unten)

"Freiwillige Schallschutz-Appelle stoßen auf taube Ohren", weiß Minister Schnappauf, bei dem nun die Schmerzgrenze überschritten ist. Auf der Gesundheitsministerkonferenz im Juli will er die Kollegen animieren, mit strengen Lärmschutzgesetzen gegen die ohrenbetäubende Branche anzugehen, wie in der Schweiz, wo seit dem 1. Mai diesen Jahres eine Schall- und Laserverordnung Vergnügungslärm auf 100 Dezibel limitiert.

Musikmanager hören das ungern. "Jeder Club sollte seine Lautstärke selbst finden", sagt Tom Kriegenherd von der Münchner Disco "8 Saisons", die beim jüngsten Nachmessen auch durch gewaltige Schallwellen aufgefallen war. Und sein Kollege Peter Nowak vom "Ksar Klub" warnt gar: "Wenn eine Beschränkung kommt, dann findet einfach keine Party mehr statt". Angeblich können die Kids nur feiern, wenn die Bässe im Bauch dröhnen und Töne im Kopf flirren.

"Jede Woche ein neuer Patient mit der Diagnose Lärmtrauma"

Anders Rainer Müller, Betreiber der Disco "Tirili" in Würzburg. "Manche DJs haben - trotz Ohrschoner - längst einen Hörschaden. Dennoch: Wenn die Stimmung sich entwickelt, dreht mancher gern noch mehr auf", beschreibt der 46jährige Eventmanager, gleichzeitig Sprecher der Sparte "Musik und Szene" im Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband, das Inferno.

Das menschliche Ohr passt sich mit der Zeit an den Lärmpegel an; es schaltet seine Empfindlichkeit herunter. Ein zusätzlicher Kick verlangt dann noch lautere Musik. Disc-Jockeys, die gleich donnernd starten, müssen folglich im Laufe des Abends die Lautstärke weit über den Grenzwert von 99 Dezibel hinaus aufdrehen. Um diese Eigendynamik zu bremsen, zeigt auf dem Schaltpult im "Tirili" ein Laptop- Bildschirm den aktuellen Schallpegel an. Neben Smirnoff-Vanilla, Afri-Cola und Hefeweizen können die Besucher auch bunt gemusterte Ohrenstöpsel an der Theke bestellen: 4 Stück für 2 Euro. "Spaß ohne Extreme, auch bei Classic Rock und Heavy Metal" heißt Müllers Direktive.

Die Auswirkungen des Musikgedröhns erleben die HNO-Ärzte morgens in der Sprechstunde. "Jede Woche ein neuer Patient mit der Diagnose Lärmtrauma", meldet beispielsweise Roland Schuderer, der seine Praxis in der Münchner City hat. Nach seinen Erfahrungen akzeptieren fanatische Disco-Fans auch das Piepen, Quietschen oder ein "Watte-im-Ohr-Gefühl danach. Erst bei Dauerleiden nehmen sie auf das sensible Organ im Kopf Rücksicht. Aber dann ist es meist zu spät. "Das Ohr hat eine gute Regenerationsfähigkeit, aber es vergisst nichts", predigt Schuderer.

Schädigungen der Haarzellen in der Hörschnecke sind irreparabel

"Sind die empfindsamen Haarzellen in der Hörschnecke einmal geschädigt, ist das irreparabel. Das funktioniert wie im Kornfeld: bei leichter Brise werden die Halme nur gebogen, bei Sturm knicken sie ab." Wer direkt an einer High-Tech-Box steht, bekommt die schlimmsten Tonbomben ab. Einer von Schuderers Patienten hatte auf einer "Afterwork-Party" eine Stunde mit dem linken Ohr in Richtung Box gestanden. Danach war er links taub. Hochgedrehte Ipods und MP3-Player mit Kopfhörer haben ähnliche Effekte.

Zu den manifesten Hördefiziten der Ipod-Generation gehört der Verlust der Frequenzvielfalt. Man verliert die Fähigkeit, leise und hohe Töne wahrzunehmen. Störgeräusche im Innerohr erschweren Unterhaltungen im großen Kreis.

Bei den Krankenkassen steigen seit Jahren die Disco-Folgekosten. Bei der Techniker-Krankenkasse beispielsweise haben die Ausgaben für Hörhilfen für Kinder und Jugendliche in den vergangenen sechs Jahren um 30 Prozent zugenommen. Mit steigender Tendenz. Um das Problem an der Wurzel zu packen, organisiert die Techniker Krankenkasse zusammen mit dem Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT) seit Ende 2005 bundesweit Fortbildungskurse für DJs über Lärm-Limits, die gesundheitlichen Folgen lauter Musik, und verbesserte Tontechnik. Von Eckernförde bis München haben bisher 1800 Discjockeys daran teilgenommen, und damit den DJ-Führerschein erworben.

DJs sollen Nachhilfeunterricht bekommen

Die Lehrer waren erstaunt, wie wenig die Musikmacher über die Auswirkungen ihrer Tonwellen wissen. Die meisten glaubten, ein Dezibel über der Toleranzgrenze von 99 Dezibel sei doch nur ein knappes Prozent lauter. Aber die Schallenergie verdoppelt sich rechnerisch in 3-dB-Schritten. Und der Gesundheitsschaden potenziert sich mit der Beschallungs-Dauer. Eine Stunde bei 101 dB hat die gleiche gehörschädigende Wirkung wie eine 40-Stunden-Woche bei 85 dB. Und nur fünf Minuten bei 105 dB wirken aufs Ohr wie eine Tagesdosis von 85 dB, lernt man in den DJ-Kursen.

Nach der aktualisierten EU-Schallrichtlinie von 2006 müssen Werksmitarbeiter bei einer Dauerbelastung von 85 Dezibel Gehörschutz tragen. Vielen HNO-Fachmedizinern wie Professor Gerhard Hesse, Chefarzt der Tinnitus-Klinik in Bad Arholsen, ist die Disco-Schallgrenze von 99 Dezibel deshalb viel zu hoch. "Warum sollten junge Ohren in der Freizeit mehr aushalten als Werktätige", fragt Hesse. Durchschnittlich 15 Prozent seiner Patienten sind Jugendliche, und vier von fünf dieser Kids haben sich den Gehörschaden bei einer Musikveranstaltung geholt. "Manche halten's monatelang aus, andere Patienten mit sensiblen Ohren landen schon nach einem Rockkonzert im Krankenbett", sagt der Chefarzt und bedauert, dass viele Discofans keine Ohrstöpsel tragen: "Anscheinend sind die nicht hip".