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Hominiden: Unsere Vorfahren

Wie groß wurde der Australopithecus? Wann lebte der Homo erectus? Ein Überblick über die wichtigsten Urmenschen.

Australopithecus anamensis

Erster Fund: 1965 entdeckte Bryan Patterson in Kanapoi am Turkana-See im Norden Kenyas den ersten Knochen. Aber noch war dessen Einordnung zweifelhaft. Die gelang erst 1994 bei weiteren Funden von Meave Leakeys Team am selben Ort. Name: »Südaffe vom See« (australis - lat.: südlich; pithekos - gr.: Affe; anam - Turkana-Wort für »See«.)

Alter der Spezies: 4,2 bis 3,8 Millionen Jahre.

A. anamensis wurde bis zu 1,20 Meter groß und wog 35 bis 55 Kilogramm.

Der Schädel war menschenaffenähnlich. Verdickte Strukturen am Schienbein, unterhalb des Kniegelenks lassen darauf schließen, dass dieser älteste bislang gefundene Vormensch schon aufrecht ging.

Australopithecus afarensis

Erster Fund: 1939 von Ludwig Kohl-Larsen im tansanischen Laetoli. Die Zufallsentdeckung wurde 1950 Meganthropus africanus genannt, und erst Ende der siebziger Jahre A. afarensis zugeordnet.

Name: »Südaffe aus (der äthiopischen Region) Afar«.

Alter: 3,7 bis 2,9 Millionen Jahre.

A. afarensis wurde ein bis 1,50 Meter groß und wog 30 bis 70 Kilogramm. Das Schädelvolumen entspricht mit 400 bis 500 Kubikzentimeter (cm3) dem des heutigen Schimpansen.

Von keinem anderen Vormenschen sind so viele Fossilien entdeckt worden: über 120 Individuen, darunter »Lucy« (siehe Seite XY) und die »erste Familie« - die Knochenreste von mindestens 13 Frühmenschen, die wahrscheinlich bei einer Katastrophe gestorben sind. Auch werden Fußspuren von zwei oder drei Hominiden in der tansanischen Laetoli-Ebene aufgrund ihres Alters von 3,6 Millionen Jahren A.afarensis zugeordnet: Aufrecht auf zwei Beinen liefen die Vormenschen durch vulkanische Asche, die dann versteinerte. Diese Hominiden-Art konnte aber auch gut in Bäumen klettern und sich auf allen vier Gliedmaßen am Boden fortbewegen.

Australopithecus africanus

Erster Fund: 1924 in einem südafrikanischen Steinbruch. Raymond Dart ordnete das »Kind von Taung« erstmals der Gattung Australopithecus zu.

Name: »Südaffe aus Afrika«.

Alter: 2 bis 3 Millionen Jahre.

A. africanus wog etwa 30 bis 60 Kilogramm und wurde bis zu 1,40 Meter groß. Über zwei Millionen Jahre hinweg - seit dem Auftreten der ersten Australopithecinen - veränderte sich das Hirnvolumen kaum: Auch bei A. africanus faßt der Schädel 400 bis 500 cm3.

Das »Taung-Baby« wurde vor etwa 2,5 Millionen Jahren wahrscheinlich Opfer eines großen Raubvogels. Darauf deuten zumindest Löcher - Spuren scharfer Krallen - im faustgroßen Schädel hin. Auch »Mrs. Ples« - der vorzüglich erhaltene Schädel eines weiblichen Individuums, den Robert Broom 1936 in einem Steinbruch bei Sterkfontein gefunden und ursprünglich Plesianthropus transvaalensis (»Fastmensch aus Transvaal«) benannt hat, wird heute zur Art A. africanus gezählt.

Australopithecus boisei

Erster Fund: 1959 von Mary Leakey in der tansanischen Olduvai-Schlucht

Name: Der nach dem Leakey-Mäzen Charles Boise benannte Fund hieß zunächst Zinjanthropus boisei, »Boises ostafrikanischer Mensch« (Zinj - arab.: Ostafrika).

Alter: 2,4 bis 1,1 Millionen Jahre

A. boisei war bis zu 1,40 Meter groß, wog etwa 40 bis 80 Kilogramm; das Hirnvolumen betrug bis zu 530 cm3. Er besaß die größten Backenzähne aller Hominiden und wird daher auch »Nussknacker-Mensch« genannt. Mit seiner kräftigen Kaumuskulatur, die an massiven Kieferknochen und an einem »Scheitelkamm« ansetzte, konnte dieser Hominide härtere Pflanzennahrung wie Samen oder zähe Fasern zerkleinern. Vor allem wegen des starken Gebisses zählt er - mit A. aethiopicus und A. robustus - zu den »robusten« Australopithecinen, die manche Wissenschaftler in eine eigene Gattung stellen - Paranthropus (»Nebenmensch«). A. africanus dagegen wird als »grazil« bezeichnet.

Homo rudolfensis

Erster Fund: 1972 von Richard Leakeys Team in Koobi Fora am Turkana-See in Kenya.

Name: »Mensch vom Rudolf-See« - nach dem früheren Namen des Turkana-Sees.

Alter: 2,5 bis 1,8 Millionen Jahre.

H. rudolfensis wurde bis zu 1,55 Meter groß und hatte ein Hirnvolumen von 600 bis 800 cm3. Die zur selben Zeit lebenden Australopithecinen entwickelten ein stärkeres Gebiß, um Veränderungen ihrer Umwelt - zunehmender Trockenheit und damit härterer Nahrung - zu trotzen. Der »Rudolf-See-Mensch«, der erste Vertreter der Gattung Homo, etablierte dagegen vor etwa 2,5 Millionen Jahren die ersten Werkzeugkulturen: Mit scharfkantigen Abschlägen an Steinen vermochte er Kadaver zu zerlegen und sich damit völlig neue Nahrungsquellen zu erschließen. Er entwickelte sich zum Gemischtköstler. Einige Wissenschaftler glauben, daß schon H. rudolfensis als erste Menschenart Afrika verlassen hat.

Homo habilis

Erster Fund: 1960 von Jonathan Leakey in der tansanischen Olduvai-Schlucht - »Jonnys Kind«.

Name: »Befähigter Mensch« - befähigt zur Herstellung von Steinwerkzeugen.

Alter: 2,1 bis 1,5 Millionen Jahre.

H. habilis wurde etwa 1,45 Meter groß, wog bis 40 Kilogramm und hatte ein Hirnvolumen von 500 bis 650 cm3. Auch er war Gemischtköstler. Wahrscheinlich geht die Geröllgeräte-Kultur in der Olduvai-Schlucht auf ihn zurück. Sein Gebiß mit leichterem Unterkiefer und kleineren Backenzähnen war fortschrittlicher als das von H. rudolfensis. Das Skelett hingegen war menschenaffenähnlicher. Von Ostafrika aus besiedelte der »befähigte Mensch« Südafrika.

Homo erectus

Erster Fund: 1891 von Eugène Dubois bei Trinil auf Java.

Name: Dubois glaubte, das Bindeglied zwischen Mensch und Affe, gefunden zu haben und nannte seinen Fund Pithecanthropus erectus - »aufrecht gehender Affenmensch«.

Alter: 1,8 Millionen bis 40000 Jahre.

H. erectus erreichte eine Größe bis zu 1,65 Meter, sein Gewicht betrug bis zu 65 Kilogramm, sein Hirnvolumen 750 bis 1250 cm3.

Der Schädel ist langgestreckt, aber niedrig, mit starken Augenbrauenwülsten und einem vorspringenden Kiefer. Die meisten Wissenschaftler halten Homo erectus für den ersten Menschen, der aus Afrika ausgewandert ist. Er nutzte bereits das Feuer und stellte Faustkeile her, die typischen Werkzeuge der Kulturepoche des Acheuléen. Mit ihnen zerlegte er Tiere und zerschlug vielleicht auch Knochen.

Auch der 1928 entdeckte Pekingmensch Sinanthropus zählt heute zu H. erectus. Einige Forscher stellen die afrikanischen Funde dieser Art in eine eigene Spezies: H. ergaster, »Handwerker-Mensch« - darunter auch das fast vollständige Skelett des 1,6 Millionen Jahre alten »Turkana-Boys«.

Homo sapiens neanderthalensis

Erste Funde: 1856 von Johann Carl Fuhlrott im Neandertal bei Düsseldorf. Frühere Funde aus Belgien und Gibraltar wurden erst nachträglich dem Neandertaler zugeordnet.

Name: »Verständiger Mensch aus dem Neandertal«.

Alter: 220000 bis 27000 Jahre.

Der Neandertaler wurde bis etwa 1,60 Meter groß, wog bis zu 80 Kilogramm und erreichte ein Hirnvolumen, das größer sein konnte als das heutiger Menschen - 1200 bis 1750 cm3.

Er war vor allem in Europa und Vorderasien heimisch und besonders an ein Leben in kühlen Regionen angepasst. Muskulöser Körperbau, massive Knochen, Überaugenwülste und ein fliehendes Kinn unterscheiden ihn vom modernen Homo sapiens. Der Neandertaler war ein erfolgreicher Jäger und erbeutete Tiere bis zur Größe des Wisents. Wahrscheinlich hatten Neandertaler auch schon religiöse Vorstellungen, denn sie bestatteten ihre Toten.

Friedemann Schrenk, Forschungsinstitut Senckenberg

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