Kopfwelten Alphatiere im Psychokrieg


In der neuen Kolumne "Kopfwelten" berichtet stern-Redakteur Frank Ochmann regelmäßig über Neues aus Hirnforschung und Psychologie. Zum Start nimmt er sich des Aufstiegs und Falls der SPD-Genossen an und erklärt, warum Machtkämpfe so brutal verlaufen.

Wie sich der jüngste Machtwechsel bei den Sozialdemokraten politisch auswirken wird, muss sich noch zeigen, psychologisch aber ist er schon jetzt ein grandioses Lehrstück mit allen Zutaten für ein saftiges Drama rund um die Frage: Wer ist oben? Es geht um Macht, um Einfluss, um die soziale Stellung und das Ansehen, das einer dafür von den anderen fordern kann. Wenn nicht gerade der Gedanke an Sex unseren Geist vernebelt, ist unser Rang im Rudel Thema Nummer eins. Der Respekt der anderen ist für unser Gehirn so süß wie Honig. Und entsprechend lustvoll verziehen wir die Lippen, wenn wir davon kosten dürfen.

Vom Sandkasten-Förmchen bis zum Platz im Altersheim

Hierarchien bilden sich schon unter Kindern von zwei Jahren heraus, wie Psychologen beobachten konnten. Ganz von allein und unvermeidlich, denn offenbar steckt uns als sozialen Lebewesen der Vergleich in den Knochen. Auch in den folgenden Lebensjahrzehnten ändert sich daran nichts. Es ist immer dieselbe Frage, die uns im Sandkasten bei der Verteilung der Förmchen nicht anders beschäftigt als später beim abschätzenden Blick auf die Gehaltsliste oder auch noch am Ende, wenn es vielleicht der zugewiesene Sitzplatz im Altenheim ist, der uns zu schaffen macht: Wer hat Vorrang vor wem? Und - trotz selbstverständlich anderslautender Pressemitteilungen - ging es auch bei der SPD-Klausurtagung am Schwielowsee um nichts anderes.

Unsere soziale Stellung muss sich nicht nach einem einzigen Kriterium richten. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten hervorzustechen. Manche Menschen sind sehr angesehen, weil sie schön, andere weil sie reich sind, von überragender Klugheit oder in ihrem Beruf überdurchschnittlich erfolgreich. (Unter diesen Gesichtspunkten hatte es Kurt Beck allerdings durchweg schwer.) Auch Kunst, Sport oder besonders geschätzte Charakterzüge können unser Ansehen mehren: Der eine glänzt vielleicht beim Tennis oder kann begnadet malen. Jemand anderes setzt sich mit größter Hingabe für arme Kinder oder den Schutz der Eisbären ein. All das zahlt sich für den eigenen Status aus, solange es nur bei den anderen Eindruck macht. Denn Eindruck schafft Einfluss.

Wohl darum hat die Frage nach dem Rang in der Gruppe in vielen Jahrmillionen Evolutionsgeschichte so große Bedeutung erlangt. Darum auch leiden nicht nur Tiere vermehrt unter stressbedingten Kreislaufbeschwerden, Angst und Depressionen, wenn sie in der Hackordnung nicht vorankommen oder gar absacken. Unten sein ist wirklich gefährlich. Denn ein hoher sozialer Status sichert normalerweise einen bevorzugten Zugang zu den gemeinsamen Ressourcen der Gruppe und bringt somit Sicherheit, Nahrung, Freundschaft und gelegentlich auch besseren Sex. (Womit klar ist, dass Power und Paarung nicht gänzlich getrennte Themen sind, wie oben vielleicht noch vermutet werden konnte.)

Schlechter Status geht zu Herzen

Wo wir uns einzuordnen haben, ist nicht nur eine Frage angenehmer Gefühle, sondern entscheidet mit darüber, wie oft wir zum Arzt müssen und ob wir diese Welt vielleicht sogar ein bisschen früher verlassen als nötig. Das ist keine klassenkämpferische Propaganda, sondern konnte zum Beispiel aus den seit Jahrzehnten in der "Whitehall-II-Studie" gesammelten Gesundheitsdaten tausender britischer Staatsdiener herausgefiltert werden: Wer sich seelisch verletzt fühlte, weil andere nicht den erhofften Respekt zollten und der eigene soziale Wert nicht stimmte, litt unter einem bis zu 55 Prozent erhöhten Risiko für Herzerkrankungen. Und da waren alle anderen Faktoren wie Rauchen oder Übergewicht bereits herausgerechnet worden. Es gilt also offenbar: Je herabgesetzter wir uns in unserem sozialen Umfeld fühlen, desto mehr geht uns das buchstäblich zu Herzen.

Vor kurzem gelang es einer Forschergruppe um die Neurowissenschaftlerin Caroline Zink vom amerikanischen National Institute for Mental Health in Bethesda bei Washington, Hirnregionen zu bestimmen, in denen unsere Lust auf Rang und Namen besonders beheimatet zu sein scheint. Während die Aktivität in ihren Köpfen in einem Magnetresonanztomografen gescannt wurde, nahmen die gut 70 Probanden an einem Computerspiel um kleinere Geldeinsätze teil und traten gegen Konkurrenten unterschiedlicher Klasse an: Drei Sterne charakterisierten die Cracks, ein Stern signalisierte einen schwächeren Gegner. Was die für den Versuch mit zwei Sternen bedachten Probanden aber nicht wussten: Alle Gegner lebten nur im Computer, und ihr Abschneiden konnte von den Experimentatoren manipuliert werden, um eine gewünschte Situation herbeizuführen - Aufstieg oder Fall, Gewinn oder Verlust.

Wenn das soziale Gefüge instabil wird

Das erste Resultat war nicht überraschend: Zu gewinnen macht Freude, zu verlieren bereitet Frust und Schmerz. Richtig wach wurden die Hirne der Probanden dann, wenn sie es mit Gegnern höherer Klasse als sie selbst zu tun bekamen. Die Aufmerksamkeit stieg, die Hirnsignale wurden kräftiger. Vereinfacht gesagt: Schon die Aussicht, einen Höhergestellten zu besiegen und dann womöglich selbst im Rang aufzusteigen, bereitet uns heftige Vorfreude. Und siegen wir tatsächlich, ist uns ein warmer Schwall angenehmster Gefühle sicher. Frank-Walter Steinmeier waren sie unübersehbar ins mild lächelnde Gesicht geschrieben, als er die Presse vor der brandenburgischen Seekulisse über den angeblich so überraschenden und schockierenden Wechsel an der Parteispitze informierte und dabei so recht keine Betroffenheit aufkommen wollte. Das zumindest war wirklich keine Überraschung.

Aufgepasst, Genossen!

Noch spannender als unter festen hierarchischen Verhältnissen ging es in den Köpfen der Probanden in Bethesda allerdings zu - aufgepasst, Genossen! -, wenn das soziale Gefüge instabil wurde. Das bedeutete, es war nach dem Willen der Experimentatoren für die Versuchsteilnehmer nun deutlich einfacher als zuvor, in der Hierarchie aufzusteigen oder aber zu fallen. Ganz wie im richtigen SPD-Leben also. In der Folge leuchteten vor allem im Stirnhirn der Probanden vermehrt auch solche Regionen auf, deren Aktivität für das Abschätzen der Absichten anderer steht, auch für das Abchecken der eigenen Position und sich bietender sozialer Aufstiegschancen. Das kühle Kalkül paarte sich in solchen Fällen mit der zu erwartenden Befriedigung des eigenen Ehrgeizes.

Wird die Rangleiter also morsch, weckt das Machtgelüste bis in die niederen Stände. Und solche Regungen trüben dann bei den Alphas unübersehbar den Genuss an der eigenen hohen Stellung: Wer es im Scanner an die Spitze gebracht hatte, aber wusste, wie begierig die Meute der Konkurrenten auf der Lauer lag, zeigte auf dem sozialen Gipfel deutliche Lusteinbrüche. Angesichts des nahenden Untergangs, wie ihn Kurt Beck seit Monaten vor Augen hatte, macht es nämlich auch schon vorher keinen großen Spaß mehr, ganz oben zu stehen.

Literatur:

- DeVogli, R. et al. 2007: Unfairness and health: evidence from theWhitehall II study, Journal of Epidemiology and Community Health 61, 513-518
- Harris, M. et al. 2008: Keeping up with the Joneses: A field study of the relationships among upward, lateral, and downward comparisons and pay level satisfaction, Journal of Applied Psychology 93, 665-673
- Izuma, K. et al. 2008: Processing of Social and Monetary Rewards in the Human Striatum, Neuron 58, 284-294
- Saxe, R. & Haushofer, J. 2008: For Love or Money: A Common Neural Currency for Social and Monetary Reward, Neuron 58, 164-165
- Zink, C. F et al. 2008: Know your Place: Neural Processing of Social Hierarchy in Humans, Neuron 58, 273-283


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