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Kopfwelten: Der moralische Mittelfinger

Zivilcourage steht ganz oben auf der Liste positiver Werte. Doch folgt jemand seinem Gewissen - wie die vier SPD-Rebellen - zeigt sich gleich Widerstand. Psychologen haben untersucht, warum wir Abweichler ablehnen. Einer der Gründe: Ihr Verhalten würdigt alle anderen herab.

Von Frank Ochmann

Natürlich achten wir das Gewissen der anderen. Aber beruft sich jemand tatsächlich auf seine inneren Werte und kommt zu einer Entscheidung, die uns nicht in den Kram passt, sieht die Sache etwas komplizierter aus. Das erfahren auch die vier hessischen "Abweichler", die Andrea Ypsilantis Regierungspläne wegen der geplanten und arithmetisch auch erforderlichen Duldung durch die Linke vereitelten. Weil solches Paktieren vor der Wahl ausdrücklich ausgeschlossen worden war, machten die vier Rebellen Gewissensgründe geltend und stellten diese über die Parteidisziplin.

Respekt zollen die einen, Verrat wittern die anderen. Und eine dritte Gruppe - die größte vermutlich - wird es zwar begrüßen, wenn Ehrlichkeit und Gerechtigkeit noch etwas zählen in der Politik. Ob sie die Dissidenten deswegen sympathisch findet, ist eine ganz andere Frage.

"Eine Ratte"

Tatsächlich erleben viele, die sich auf ihr Gewissen berufen und sich nicht mehr an den Verhaltenskodex ihrer Gruppe halten, erhebliche Nachteile. Der damals 24-jährige Militärpolizist Joseph Darby zum Beispiel, der 2004 die Folterpraktiken im US-Militärgefängnis Abu Ghraib anzeigte und Beweisfotos übergab, musste in Schutzgewahrsam genommen werden, um ihn vor seinen Kameraden zu schützen. Eine Ratte sei Darby, sagte ein Soldat damals einem Reporter, und es sei ihm ganz egal, ob ihn andere für einen Helden hielten.

Psychologen ergründen schon länger, warum Menschen, die "das Richtige" tun, oft abgelehnt werden.

Einer der Gründe: Weil es die herabwürdigt, die "das Falsche" getan haben. Wir können es hier offen lassen, wie viele Mitglieder der hessischen SPD-Landtagsfraktion eine Zusammenarbeit mit der Linken tatsächlich aus Überzeugung begrüßt haben und sich aus einer Kooperation einen Vorteil für das Land erhofften. Es dürfte aber keine ganz unrealistische Annahme sein, dass es den einen und die andere gibt, die zu ihrer Position aus reinem Machtkalkül gekommen sind. Und wie stehen die nun da verglichen mit den vier Aufrechten, die andere eine "Viererbande" nennen? Das ist einer der Knackpunkte bei solchen Entscheidungen: Wer sich auf sein Gewissen beruft, klagt gleichzeitig alle an, die zu einem anderen Urteil für ihr Handeln gekommen sind. Auch dann, wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird.

Und darum ist solches Abweichlertum aus moralischen Gründen immer auch eine Bedrohung für die Selbstwahrnehmung der anderen. Sind die einen "mutig", stehen die anderen als "feige" da. Halten die einen das gegebene Versprechen, müssen die anderen wohl Lügner sein. Kein Wunder also, wenn das zum Teil heftige Gegenwehr hervorruft. Je mehr jemand in einer ganz ähnlichen Situation ist oder war, desto stärker. So wird aus Joseph Darby, der dem Foltern in Abu Ghraib nicht länger zusehen wollte, eine "Ratte". Und Abgeordnete, die sich auf ihr Gewissen berufen, müssen sich vorhalten lassen, ihr Verhalten sei "moralisch verwerflich" und eine "menschliche Katastrophe".

Jüngste Studien wie die eines Teams um den Psychologen Benoît Monin von der kalifornischen Stanford University bestätigen dieses Muster von Rebellion aus Gewissensgründen und daraus folgender Ablehnung der Rebellen durch "die anderen". Das Fazit der Forscher ist düster: Wenn in der Theorie geforderte Zivilcourage und moralische Prinzipientreue prompt zu massiven Widerständen führt, sobald sie sich in der Praxis konkret zeigen, wieviel Hoffnung dürfen wir dann wohl noch haben, dass moralische Leitfiguren das Bild unserer Gesellschaften auf längere Sicht prägen können?

Literatur:

Monin, B. et al. 2008: The Rejection of Moral Rebels: Resenting Those Who Do the Right Thing, Journal of Personality and Social Psychology 95, 76-93
Monin, B. 2007: Holier than me? Threatening Social Comparison in the Moral Domain, Revue Internationale de Psychologie Sociale 20, 53-68
Passini, S. & Morselli, D. 2008: Authority relationships between obedience and disobedience, New Ideas in Psychology, doi:10.1016/j.newideapsych.2008.06.001
Rosin, H. 2004: When Joseph Comes Marching Home, Washington Post v. 17.5., S. C01
Epley, N. & Gilovich, T. 1999: Just Going Along: Nonconscious Priming and Conformity to Social Pressure, Journal of Experimental Social Psychology 35, 578-589