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Kopfwelten: Die Lüge vom Lohn für Leistung

Im Wahlkampf überbieten sich Politiker mit Forderungen nach Fairness: Jeder soll entsprechend seiner Anstrengung verdienen. Mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit hat das nichts zu tun.

Von Frank Ochmann

Leistung muss sich lohnen!" Kaum eine Partei, kaum eine Wirtschaftsvereinigung oder Gewerkschaft, die sich diese Devise nicht zu Eigen macht. Das klingt ja auch nicht schlecht, soll es doch heißen: Strengst du dich an, wird das angemessen vergütet.

Auf einen solchen simplen Satz könnte man vermutlich eine komplette Theorie der ökonomischen Gerechtigkeit aufbauen. Und wohl deshalb nicken so viele zustimmend, wenn sie Politiker diesen Satz wieder und wieder von der Wahlkampftribüne herunter verkünden hören: Jawohl, Leistung muss sich lohnen! Und auf welchem Lohnniveau liegt darum bei uns die Betreuung von Kindern und Kranken?

Leistung ist Energie pro Zeit

Beginnen wir grundsätzlich: Leistung ist Energie pro Zeit, sagen Physiker. Wer etwas leistet, macht sich Mühe, wird dadurch müde und muss irgendwann auftanken. Indem er etwas isst, indem er schläft, indem er entspannt. Das Potenzial wird wieder aufgefüllt, und wir können für eine gewisse Zeit erneut etwas leisten.

Allein aber, weil das Auftanken etwas kostet, ist es kein unvernünftiger Gedanke, für Leistung eine Gegenleistung zu erwarten. Doch wie viel für welche Leistung? Das ist nicht so trivial, wie es aus dem Munde von Politikern oft klingt. Da heißt es meist: Wer viel leistet, soll auch viel verdienen! Aber wer leistet denn "viel"?

Wir können Energie zum Beispiel bei körperlicher Arbeit loswerden. Wenn wir einen Gelähmten aus dem Rollstuhl heben, ein Kind aufs Töpfchen oder eine Waschmaschine auf einen Umzugs-LKW. Der dafür erforderliche Energieaufwand lässt sich berechnen. Und je nachdem, wie lange wir ihn aufbringen, ergibt das eine bestimmte erbrachte Leistung.

Die Leistung der Denkarbeit

Auch im Sitzen und ganz ohne auffällige physische Anstrengung lässt sich Energie verbraten: beim Denken zum Beispiel. Nur zwei Prozent der Körpermasse eines Menschen steckt im Gehirn. Dessen Anteil am gesamten Energiebedarf aber liegt bei stattlichen 25 Prozent. Deshalb ist Kopfarbeit wirklich anstrengend, auch wenn das auf dem Bau oder vor dem Hochofen vielleicht belächelt wird. Doch schon von der Physik und Physiologie her kann kein Zweifel bestehen, dass die Planer und Entscheider hinter den Schreibtischen etwas leisten. Wir müssen allerdings nicht lange rechnen, um zu der Einsicht zu kommen, dass es solche Leistung nicht sein kann, die real existierende Unterschiede bei den Löhnen begründet.

Nehmen wir dazu ein aktuelles Beispiel: Das unterste Tarifniveau von Verkäufern im Einzelhandel liegt derzeit bei 1500 Euro brutto im Monat. Arbeitet eine solche Verkäuferin oder ein Verkäufer in einem noch existierenden Karstadt-Kaufhaus, dann liegt deren Gehalt um gut den Faktor 150 unter dem des eben ausgeschiedenen obersten Chefs Karl-Gerhard Eick. Dessen Leistung wäre nämlich mit etwa drei Millionen Euro pro Jahr vergütet worden, hätte er seinen kompletten Fünfjahresvertrag erfüllt. Wegen der Pleite, die er nicht verhindern konnte, bekommt Eick jetzt allerdings nach etwa einem halben Jahr Leistung für das Unternehmen die gesamte Vertragssumme von etwa 15 Millionen Euro. Was dann umgerechnet zu einem Jahresgehalt von rund 30 Millionen Euro führt und Pi mal Daumen dem 1500-fachen der untersten Tarifgruppe entspricht. Muss man ihm daraus einen Vorwurf machen? Eick bekommt nur, was ihm beim Vertragsabschluss von denen, die ihn eingestellt haben, zugebilligt worden ist. Fragt sich allerdings, warum eine solche Summe überhaupt in Erwägung gezogen wurde. Und für was eigentlich?

Es könnte ja zum Beispiel sein, dass geistige Arbeit bei uns - im "Land der Dichter und Denker", im "Land der Ideen" - grundsätzlich viel höher entlohnt wird als körperliche. Natürlich stünde dahinter dann eine bestimmte gesellschaftliche Wertung, die über eine reine Leistungsbilanz hinausginge. Das wäre also möglich, kann aber nicht sein. Denn dann würden hierzulande viele Geisteswissenschaftler nicht versuchen, nach ihrem Studium als Taxifahrer oder Fahrradkuriere finanzielle über die Runden zu kommen. Und es ließe sich auf der anderen Seite auch nicht erklären, warum Prinz Poldi und Co. mit einer doch weitgehend körperlichen Leistung auf dem Fußballrasen Millionen verdienen.

Es geht um den sozialen Rang

Was also wird in diesem Land wirklich entlohnt, wenn es nicht der Vorrang des Geistes ist? Ganz sicher auch nicht die Leistung, die uns müde macht. Denn es darf ohne allzu viel Spekulation vermutet werden, dass sich die Erschöpfung eines Arbeiters und eines Managers nach einem vollen Arbeitstag nicht wesentlich unterscheidet. Es darf zudem - zumindest in grober Annäherung - vermutet werden, dass auch die psychische Belastung beider die so unterschiedliche Entlohnung nicht erklären kann. Sich Gedanken über das vielleicht auf der Kippe stehende Auskommen seiner Familie zu machen, über Schulden und drohende Arbeitslosigkeit, dürfte jedenfalls nicht weniger Stress und vielleicht auch Schlaflosigkeit und Herzrhythmusstörungen bereiten, als die vielbeschworene Last der Verantwortung eines Managers.

Bringen wir es zu Ende: Das Wort von der Leistung, die entlohnt wird, ist nichts als eine glatte Lüge, reines Wortgeklingel. Allen, die Bilanz ziehen und nachrechnen, was in ihrem Portemonnaie oder auf dem Konto geblieben ist, und was sie dafür getan haben, soll dadurch eine Illusion erhalten bleiben: Der Traum, dass erbrachte Anstrengung immer auch eine entsprechende und vergleichbare Anerkennung durch die findet, die von dieser Anstrengung profitieren. Unsinn.

Was wirklich entlohnt wird, ist der soziale Rang. Oder präziser gesagt: Der Status - die verdiente, zugesprochene, ererbte, erschlichene oder auch erzwungene gesellschaftliche persönliche Macht also - geht als alles entscheidender Faktor in die Entlohnung einer Leistung ein, die sich, zumindest vom Grad des Energieverbrauchs her, von der untersten bis zur obersten Gehaltsstufe nicht wesentlich unterscheidet.

Oder sorgen sich etwa die Karstadt-Kassiererin und der Lagerarbeiter rund 150 Mal weniger um ihr Unternehmen als der bisherige Chef? Sind sie aufgrund ihrer Leistung abends 150 Mal fitter als der und kommen darum mit knapp drei Minuten Schlaf pro Nacht aus, wenn wir Karl-Gerhard Eick einmal großzügig sieben Stunden auf dem Kissen zubilligen?

Soziale Wahrheit in den Tariflisten

Wer bis zur Erschöpfung arbeitet, ist eben erschöpft, ganz gleich, was er oder sie dafür getan haben. Das ist Leistung. Aber die wird nicht entlohnt, und sie soll auch gar nicht entlohnt werden. Wenn trotzdem anderes behauptet wird, dann vor allem um zu übertünchen, welchen sozialen Status, welches Ansehen also, bei uns welche Arbeit tatsächlich hat und welches Vermögen - auch im übertragenen Sinne - damit verbunden ist.

Heißt es zum Beispiel nicht oft, die Leistung in den pflegerischen Berufen oder in der Kinderbetreuung könne für unsere Gesellschaft gar nicht hoch genug bewertet werden? Wie diese Arbeit bei uns tatsächlich eingeschätzt wird, zeigt ein Blick auf die trübsinnig stimmenden Tariflisten. In denen steht die soziale Wahrheit, nicht in den geschliffenen Redemanuskripten. Geltende Werte drücken sich in einer Gesellschaft wie der unseren in Geldwert aus und sonst nichts. Für alles andere können wir uns buchstäblich nichts kaufen.

Vielleicht ist es ja wirklich nur bonbonfarbene Sozialromantik, sich hin und wieder seufzend und manchmal vielleicht auch vor Wut schnaubend andere Werte zu wünschen und neue Bewertungen. Würden wir selbst denn die Eickschen Millionen wie selbstverständlich verschmähen? Auch diese Frage muss fairerweise - und ehrlich, bitteschön - beantwortet werden.

Aber wie auch immer - ist es denn schon zu viel verlangt, zum Beispiel Menschen, die anderen in der Kita, im Altenheim oder im Krankenhaus für ein vergleichsweise lächerliches Entgelt Tag für Tag den Hintern abwischen, nicht zu belügen? Ist es also nicht wenigstens möglich, das heuchlerische Gerede vom "Lohn für Leistung" endlich zu beenden?

Literatur:

Ahuvia, A. 2008: If money doesn't make us happy, why do we act as if it does?, Journal of Economic Psychology 29, 491-507

Berridge, K. C. & Robinson, T. E. 2003: Parsing Reward, Trends in Neurosciences 26, 507-513

Grabenhorst, F. & Rolls, E. T. 2009: Different representations of relative and absolute subjective value in the human brain, NeuroImage 48, 258-268

Reyes-García, V. et al. 2007: The origins of monetary income inequality - Patience, human capital, and division of labor, Evolution and Human Behavior 28, 37-47

Saxe, R. & Haushofer, J. 2008: For Love or Money: A Common Neural Currency for Social and Monetary Reward, Neuron 58, 164-165

Schölvinck, M. L et al. 2008: The cortical energy needed for conscious perception, NeuroImage 40, 1460-1468