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Kopfwelten: Glauben - Heilmittel ohne Nebenwirkung?

Spirituelles ist nicht nur an Feiertagen wie Ostern gefragt. Wenn sich die Vergänglichkeit materieller Güter so dramatisch zeigt wie in den vergangenen Monaten weltweiter Krise, sucht mancher Trost in Geistigem. Doch wie alles, hat auch das zwei Seiten.

Von Frank Ochmann

Mal schrumpft ein Tumor wie durch ein Wunder, mal hellt eine im Gebet gewonnen innere Strahlkraft das triste Dasein auf. Die vermeintliche Heilkraft des Glaubens erlebt inzwischen nicht nur in Nischenmedien eine Renaissance. Lourdes steht als katholischer Wallfahrtsort der Kranken ebenso für diese Rückbesinnung auf geistige Krankenpflege wie manche evangelikale Kirche in den USA und auch schon hierzulande.

Und wer es mit der Kirche in all ihren Schattierungen nicht so hat, meditiert vielleicht asiatisch und übt "Achtsamkeit" im kleinen Kreis oder sucht Hilfe beim Schamanen und dessen seit Jahrtausenden bewährten Kontakten zur Natur und ihren Geistern. Schließlich trug auch Ötzi schon Tätowierungen, die auf Gedanken über das rein Sinnliche hinaus schließen lassen.

Wo die Natur versagt, muss die Übernatur her

Eines verbindet die Heilsuchenden unserer Tage: Es reicht nicht oder hat enttäuscht, was der Doktor auf den Rezeptblock geschrieben oder als Leitlinien für eine Änderung des Lebensstils empfohlen hat. Wo aber die Natur versagt, muss die Übernatur her.

Daran gibt es ja erst einmal auch gar nichts zu mäkeln. Und es ist auch zutiefst menschlich, wie eingehende Untersuchungen von Psychologen und Hirnforschern seit einigen Jahren immer deutlicher machen. Der Mensch hat einen natürlichen Hang zum Religiösen, könnte man salopp sagen. Und darum bilden ja auch manche Gottlosen gleich eine Art Gegenkirche wie die "Brights", die glauben, dass sie überhaupt gar nichts glauben und alles auf Messbares eindampfen könnten. So richtig "bright" ist das nicht, wenn der aktuelle Forschungsstand etwas gelten soll.

Wirkt sich Spiritualität auf die Gesundheit aus?

Jedenfalls gilt der pragmatische medizinische Grundsatz: Wer heilt, hat recht. Eine andere Frage ist die, was denn eigentlich zu einem nur gefühlten oder tatsächlich verbesserten Wohlbefinden eines Menschen geführt hat. Haben wirklich Engel geholfen? Oder war es allein die Gewissheit, Sinn und Bedeutung im Leben gefunden zu haben, weil ein guter Gott auf einen herabschaut? Könnte eine andere Lebenszufriedenheit nicht zum gleichen Ergebnis führen? Vielleicht die eines glücklichen Tierschützers oder eines überzeugten Mitglieds der freiwilligen Feuerwehr? Spielt der Inhalt der einen Lebenssinn stiftenden Überzeugung eines Menschen eine Rolle oder nur, dass er überhaupt eine solche Überzeugung hat. Reicht nicht vielleicht ein guter Grund, morgens aus dem Bett zu steigen und sich auf den Tag zu freuen? Und das allein wäre schon nicht wenig.

Egal ob der Glaube an Gott und Himmel Kranken wirklich hilft, er kann wenigstens nicht schaden, denken viele. Aber stimmt das? Mediziner kennen jedenfalls die Faustregel: Was keine Nebenwirkung hat, hat auch keine Hauptwirkung. Gemeint ist: Nimmt etwas auf unseren unvorstellbar komplexen Organismus Einfluss und greift in seine vielfach miteinander verbundenen Abläufe ein, dann hat das normalerweise nicht nur einen einzigen, isolierten Effekt, weil eben letztlich alles mit allem zusammenhängt. Wer an einem biochemischen Rädchen unten links dreht, muss sich nicht wundern, wenn sich auch ein anderes Rädchen oben, hinten rechts bewegt - und wo weiter. Und wie immer in solchen Fällen müssen wir - vielleicht frustriert - erkennen: Es gibt keine einfachen Antworten.

Zum Beispiel, weil Kirchlichkeit und Religiosität und Spiritualität auseinander gehalten werden müssen. Das ist zwar leicht einzusehen, stellt Forscher aber vor das Problem, all die Nuancen vom beinhartem Glauben an amtskirchliche Lehren über den gleichgültigen Ich-weiß-ja-auch-nicht-Zeitgenossen bis zum ebenso rigiden Atheismus auseinander zu friemeln. Und sie überhaupt erst einmal zu entdecken. Denn nicht alle inneren Überzeugungen sind auch gleichermaßen zugänglich. Soll das genau erhoben werden, reicht es nämlich nicht, sich auf Selbstzeugnisse zu verlassen. Menschen können sich täuschen - auch über sich selbst -, und Menschen können auch lügen.

Hinter die mehr oder minder fromme Fassade zu schauen, ist also nicht so einfach. Aber nur, wenn das geklärt ist, kann auch mit einiger Sicherheit bestimmt werden, ob es eine echte Beziehung zwischen Glauben oder Spiritualität und dem körperlichen und/oder geistigen Wohlbefinden gibt. Natürlich wäre dieser wissenschaftliche Aufwand gar nicht nötig, wenn kein tief Gläubiger Mensch mehr im Rollstuhl säße oder an einem Tumor stürbe. Aber das ist offensichtlich nicht der Fall. Und darum kommen wir um wissenschaftliche Präzision nicht herum, es sei denn, wir geben uns mit dem Glauben an den Glauben zufrieden - war selbstverständlich jeder darf, einen "ungläubigen Thomas" aber nicht überzeugen wird. Denn der will seine Hand buchstäblich in die Wunde legen, wie es das Johannesevangelium über das nachösterliche Zusammentreffen Jesu mit dem Jünger berichtet. Einer wie Thomas will wissen, nicht glauben.

Schattenseiten der Religion

Ein anderes Problem kann erwachsen, wenn es um die Frage geht, wer der Heilung bedarf und welche Mittel dafür eingesetzt werden dürfen. Es ist jedenfalls keinesfalls harmlos - um es milde zu formulieren -, wenn Schwule und Lesben "gesund" gebetet werden sollen, wie es vor allem in evangelikalen Kreisen angestrebt wird. Und es ist auch ganz und gar nicht harmlos, wenn mit Mitteln, die an das Gruselarsenal von Gehirnwäschern und Folterern erinnert, vermeintliche Teufel aus vermeintlich Besessenen ausgetrieben werden sollen. Das inzwischen sogar verfilmte Leiden und Sterben von Anneliese Michel, die 1976 den Torturen erlag, die ihr unter dem rechtfertigenden Mantel des Glaubens zugemutet wurden, ist nur das berüchtigtste Beispiel für solche Auswüchse.

Einwände gegen solche Barbarei können nicht mit dem Verweis auf innerreligiöse und darum auch intern zu regelnde Angelegenheiten zurückgewiesen werden. Denn hier geht es nicht mehr um Religionsfreiheit oder den (in allen Richtungen geltenden!) Respekt vor Andersgläubigen. Was hier auf dem Spiel steht, ist das leibliche und geistige Wohl von Menschen, die uneingeschränkten Anspruch auf den Schutz des Grundgesetzes und die dort formulierten Grundrechte haben.

Wer also die Leib und Seele heilende Kraft des Glaubens sucht, kann aus seinen religiösen Überzeugungen und durch die stützende Gemeinschaft Gleichgesinnter tatsächlich auf eine gewisse, inzwischen auch medizinisch halbwegs gesicherte Wirkung hoffen. Er muss aber auch wissen, dass selbst ein "geistiges" Medikament nicht per se ohne Nebenwirkung ist. Unvorhergesehene Komplikationen können einen Patienten sogar töten. Ein bisschen Vorsicht also bei der Verordnung des Glaubens als Mittel der Wahl.

Literatur:

Bertelsmann Stiftung (Hg.) 2009: Woran glaubt die Welt? - Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008, Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung
Cohen, A. B. et al. 2008: The accessibility of religious beliefs, Journal of Research in Personality 42, 1408-1417
McCullough, M. E. & Willoughby, B. L. B. 2009: Religion, Self-Regulation and Self-Control: Associations, Explanations, and Implications, Psychological Bulletin 135, 69-93
Park, C. L. & Folkman, S. 1997: Meaning in the Context of Stress and Coping, Review of General Psychology 1, 115-144
Schnabel, U. 2008: Die Vermessung des Glaubens, München: Karl Blessing Verlag
Vaas, R. & Blume M. 2009: Gott, Gene und Gehirn - Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität, Stuttgart: Hirzel

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