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Kopfwelten: Großzügig sind die Armen

Nicht die Besitzenden, sondern die Habenichtse sind besonders spendabel, hilfsbereit und insgesamt "prosozial" eingestellt. Doch warum kümmern gerade sie sich um die anderen?

Von Frank Ochmann

Arbeitslose, Altersarme, Alleinzerziehende und wer sonst noch bei uns zum sozialen Bodensatz gehört, haben nicht nur weniger auf dem Konto und im Portemonnaie. Ihr Bildungsstand und auch die Ausbildungschancen für ihre Kinder sind für gewöhnlich deutlich geringer als die der höheren Stände. Sozial Schwache sind zudem schlechter vernetzt, haben mehr Beziehungsstress und neigen eher zu körperlicher häuslicher Gewalt. Und das ist nur ein Teil der Minus-Liste im Vergleich zu den sozial Bevorzugten. Wen würde es also wundern, wenn Mitglieder derart benachteiligter Gruppen zu allererst an sich selbst dächten und versuchten, aus dem Schlamassel herauszukommen?

Wie sich die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse auf das zwischenmenschliche Verhalten auswirkt, ist ein bevorzugtes Forschungsthema einer Arbeitsgruppe der University of California in Berkeley unter Leitung des Psychologen Dacher Keltner. Wie wir uns geben und benehmen, wird in erheblichem Maß von unseren grundsätzlichen Persönlichkeitsmerkmalen geprägt. Doch dazu kommt die Wirkung unseres Umfeldes. Mit wem wir es zu tun bekommen und vor allem auch, zu wem wir eine Bindung aufbauen und wen wir zu unserer eigenen gesellschaftlichen Gruppe zählen, hat enormen Einfluss, wie sich immer deutlicher abzeichnet – auch auf grundsätzliche Einstellungen, die unser komplettes Verhalten prägen.

Die Gruppe aus Berkeley untersuchte zum Beispiel die Frage, ob der sich selbst zugeschriebene soziale Status hauptsächlich auf eigene Leistungen zurückgeführt wird oder aber auf die Wirkung der Umstände, in denen man lebt oder auch leben muss. Dabei zeigte sich, dass Angehörige höherer Schichten das vergoldete Dasein eher auf selbst errungene Erfolge zurückführen. Wer es nicht so gut getroffen hat, berücksichtigt dagegen stärker, in welche Verhältnisse er eingebunden ist und was womöglich negativ oder bremsend auf den Antrieb in seinem Leben wirkt. Mit Abstand gesehen sind natürlich auf ihre Art beide Haltungen richtig, können aber genauso gut falsch oder zumindest überzogen sein. Wichtig ist jedenfalls, dass die Bedeutung der eigenen Leistung für den Lebensstandard von unten nach oben immer höher bewertet wird.

Der Einfluss der Gruppe

Es wäre verwunderlich, wenn das keine Folgen für den Umgang mit anderen hätte. So sind Menschen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status stärker auf ihre eigene Gruppe hin orientiert als jemand, der gesellschaftlich weiter oben steht oder das zumindest von sich glaubt. Wenn also die Mitmenschen für mich grundsätzlich eine höhere Bedeutung haben, weil ich ihnen einen großen Einfluss auf mein eigenes Leben und dessen Qualität zuspreche, werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach auch sorgsamer mit ihnen umgehen. Und genau das zeigte sich in Versuchen, die jetzt von der Forschungsgruppe um Dacher Keltner veröffentlicht wurden.

Freiwillige Studenten der Universität wurden gebeten, eine Woche vor den eigentlichen Versuchen einen Fragebogen zu ihrem sozioökonomischen Status auszufüllen. Letztlich sollten sie also beurteilen, für wie stark sie ihre eigene Position innerhalb der Gesellschaft hielten. Der zeitliche Abstand zu den Versuchen selbst wurde gewählt, damit dann der Kopf wieder möglichst frei war.

Wie kooperativ oder hilfsbereit einer war, entschied sich dann im Laufe eines für solche Versuche typischen Spiels am Computer. Fast immer sind das Verteilungsspiele, in denen es darum geht, eine bestimmte Menge echten oder auch fiktiven Geldes unter den teilnehmenden Kandidaten zu verteilen. Mal gibt es dann für "altruistisches", also freigiebiges und nicht auf den eigenen Vorteil fixiertes Verhalten einen Bonus. Ein anderes Mal kann egoistisches Verhalten zum besseren Resultat auf dem Konto führen. Natürlich ist das wahre Leben immer komplizierter als solche künstlichen Versuchsanordnungen. Trotzdem eignen sie sich, um einzelne Faktoren, die unser Verhalten beeinflussen, herauszufiltern und für sich zu beurteilen.

Hoffnung für die Egoisten

Während das Geschlecht der Teilnehmer keine Rolle spielte, zeigte sich in ihrem mehr oder minder altruistischen Verhalten deutlich der soziale Status. Insgesamt waren Probanden mit niedrigerem Status hilfsbereiter und kooperativer als ihre höher gestellten Kommilitonen. Natürlich wäre es falsch, daraus den Schluss zu ziehen, wer vergleichsweise arm sei, wäre schon deshalb auch der charakterlich bessere Mensch. Etliche Studien haben in der Vergangenheit gezeigt, dass zum Beispiel das Gefühl für Gerechtigkeit üblicherweise nur so lange anhält, wie einer sich selbst für ungerecht behandelt hält. Wechselt er dann aber die Seite und ist derjenige, der von ungerechten Verhältnissen profitiert, verstummen die zuvor so sozialen Gefühle im Kopf ziemlich schnell.

Doch lassen die sich erstaunlich leicht bei allen wieder wecken, wie ein letztes Experiment der Gruppe in Berkeley zeigte. Ziel dieser Versuchsreihe war es, vor den eigentlichen Experimenten den Gefühlszustand der Probanden zu beeinflussen. Dazu wurden kurze Videosequenzen verwendet. Entweder sollten sie eine neutrale emotionale Stimmung erzielen oder aber starkes Mitleid wecken. Die erste Gefühlslage wurde durch eine langweilige Gerichtsszene hervorgerufen, die zweite durch einen Film über Kinderarmut.

Was die Forscher herausfanden, berechtigt zu der Hoffnung, dass auch allzu sehr von sich eingenommene Menschen mit den passenden Mitteln noch dazu gebracht werden können, an jene zu denken, denen es deutlich schlechter geht und die keine Schuld an ihrem Schicksal tragen. Jedenfalls reichte auch bei denen mit einem hohen sozialen Status ein nur 46 Sekunden währender Blick in die Augen von vernachlässigten und unter Hunger und Armut leidenden Kindern, um das Herz zu erweichen. Danach waren sie genauso großzügig, wie es die Minderbemittelten unter den Probanden auch zuvor schon gewesen waren.

Literatur:

  • Brañas-Garza, P. et al. 2010: Altruism and social integration. Games and Economic Behavior 69, 249–257
  • Fliessbach, K. et al. 2007: Social Comparison Affects Reward-Related Brain Activity in the Human Ventral Striatum. Science 318, 1305-1308
  • Kraus, M. W. et al. 2009: Social Class, Sense of Control, and Social Explanation. Journal of Personality and Social Psychology 97, 992–1004
  • Mifune, N. et al. 2010: Altruism toward in-group members as a reputation mechanism. Evolution and Human Behavior 31, 109–117
  • Piff, P. K. et al. 2010: Having Less, Giving More: The Influence of Social Class on Prosocial Behavior. Journal of Personality and Social Psychology 99, 771–784
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