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Kopfwelten: Tote Vögel, lebendige Fantasie

Wenn 2011 so weitergeht, wie es angefangen hat, dürfte es kaum langweilig werden. Rätselhaftes begleitete uns über den Jahreswechsel, und unser Kopf darf auf die nächsten zwölf Monate gespannt sein.

Von Frank Ochmann

Etwa 5000 Rotschulterstärlinge, so wird geschätzt, sind in den USA über den Jahreswechsel aus unerfindlichem Grund vom Himmel gefallen. In einem anderen Teil von Arkansas, wo dies geschah, sind zudem bis zu einer Million tote Umberfische, die auch Trommler genannt werden, entdeckt worden, die im Fluss trieben. Schnell kommt einem der Gedanke, dies könne auf einen Chemieunfall oder ein Umweltverbrechen zurückgehen. Warum dann aber nur diese eine Sorte? Den anderen Fischen geht es offenbar prächtig.

Noch mehr Absonderlichkeiten begleiteten den Jahreswechsel von 2010 auf 2011. Im australischen Queensland leiden die Menschen unter einer schlimmen Flut und fürchten nun auch noch Schlangen, die vom Wasser aus ihren Höhlen gespült worden sein könnten. Chile wird von einem Erdbeben der Stärke 7,1 auf der Richterskala erschüttert, ohne dass es zu schweren Zerstörungen kommt. Und zu allem Überfluss finden Geophysiker auch noch heraus, dass die Erde sich jetzt etwas schneller dreht, als sie sollte. Haben sich all die Untergangspropheten verrechnet, die uns schon seit längerem ins Gewissen reden? Droht das Ende der Menschheit oder gar des ganzen Planeten vielleicht schon 2011 und nicht erst Ende 2012, wie es der göttlich inspirierte Kalender der Maya prophezeit?

Eine letzte Warnung?

Seien Sie unbesorgt. Wir werden an dieser Stelle der Vernunft auch zu Beginn des neuen Jahres und darüber hinaus keine Absage erteilen. Doch überkommt Sie nicht auch ein merkwürdiges Gefühl, wenn Sie solche Nachrichten lesen, von denen hier nur einige besonders spektakuläre zusammengetragen wurden? Fragen Sie sich nicht insgeheim, ob dahinter vielleicht ein tieferer Sinn stehen könnte? Ob uns irgendjemand da draußen oder da oben etwas mitteilen will? Eine letzte Warnung vielleicht?

Die Kulturgeschichte der Menschheit ist voll von Geschichten, in denen düstere Vorzeichen ein Volk oder auch die ganze Menschheit vor der Zukunft warnen. Schauen Sie zum Beispiel in die Bibel. Und sollten Sie sich am Silvesterabend noch im Bleigießen versucht haben, dann wissen Sie ja, was gemeint ist. Kaum etwas interessiert uns mehr als das, was die Zukunft für uns bereithält. Und natürlich hängt auch das mit unserem Gehirn zusammen.

Denn das ist im Grunde nichts anderes als ein gut durchbluteter Vorhersageapparat. Wir alle sind Propheten in dem Sinne, dass wir ständig die Zukunft vorher zusagen versuchen. Je detaillierter wir ahnen, was auf uns zukommt, desto besser können wir zu unserem eigenen Vorteil reagieren. Und darum achten wir auf alle Zeichen um uns herum. Die echten und die eingebildeten. Wir dürfen ja nicht verpassen, was uns einen Blick in die Ereignisse der nächsten Minuten oder gar Jahre erlauben könnte.

Zu solcher Neugier gesellt sich noch eine zweite Eigenschaft unseres Geistes: Hinter allem und jedem vermuten wir einen Akteur und eine Absicht. Unser ganzes Leben, die ganze Welt, auch die unbelebte, verstehen wir als eine Aneinanderreihung von Handlungen. Wo aber Handlungen sind, da sind auch Akteure. Und wo Akteure sind, haben sie eine Absicht. Und darum ist es selbstverständlich, wenn wir hinter seltsamen Begebenheiten wie dem Tod tausender Vögel und noch mehr Fischen vielleicht nicht nur ein Ereignis natürlichen Ursprungs sehen. Dazu gehört natürlich auch ein Techniker, der aus Versehen oder Boshaftigkeit das falsche Ventil öffnet. Doch gibt es nicht doch eine Übernatur? Könnten Gründe hinter den Beobachtungen stehen, deren Wurzeln in den Himmel und nicht zur Erde reichen?

Bleiben Sie neugierig!

Wenn wir nicht sehr fromme Menschen oder esoterisch angehaucht sind, werden wir dies kaum in aller Öffentlichkeit bekennen. Und doch gehen uns solche Gedanken vielleicht durch den Kopf. Wir suchen tragfähige Gründe für unsere Beobachtungen, wo immer es sie geben könnte, weil wir Gewissheit suchen. Doch Erdbeben geschehen, ohne dass sie von jemandem verursacht werden. Und manchmal fallen auch Vögel vom Himmel, ohne dass jemand dafür verantwortlich wäre. Auch früher schon ist es passiert und nicht nur in Amerika. Selten aber wurde eine wirklich schlüssige Erklärung gefunden. Vielleicht bleibt sie auch diesmal aus. Natürlich gibt es trotzdem Gründe.

Mir ist es am Ende doch noch gelungen, eine Botschaft zu entdecken, die ich hier mit einem Wunsch verbinde: Ich wünsche uns, dass wir neugierig bleiben und dass wir das Staunen nicht verlernen oder wenigstens wieder neu lernen können. Die Unterhaltungsindustrie und natürlich auch die Medien geben sich Mühe, um immer neue Sensationen zu entdecken oder manchmal auch selbst in die Welt zu setzen. Und das mag auch alles seine Berechtigung und seinen Platz haben.

Doch was ist das alles gegen die Rätsel und Geheimnisse, die ganz natürlich auf uns warten und uns ohne menschliche Regie staunen lassen können? Was die Welt um uns herum an fantastischen Phänomenen zu bieten hat, ist ohne Zahl und kann unseren Verstand fesseln wie unsere Gefühle. Darum möchte ich auch in diesem Jahr wieder mit ihnen wöchentlich als Wanderer zwischen Kopf und Welt auf Entdeckungsreise gehen. Seien Sie zum wöchtentlichen Ausflug in neue Kopfwelten herzlich eingeladen!

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